1. Home
  2. Mitmachen
  3. Kolumne

Kinderspiel ;) Die Medien-Kolumne

Gerlinde Unverzagt, Thomas Feibel und Kai Bösel schreiben für SCHAU HIN! die Medienkolumne "Kinderspiel ;)", in der sie Themen, Trends und Phänomene rund um die Mediennutzung von Kindern pointiert darstellen. Schreiben Sie uns, was Sie dazu denken, oder ob Sie schon Ähnliches erlebt haben.

Die neuesten Kolumnen

Kai Bösel (44) lebt mit seiner Patchwork-Familie in Hamburg. Seine Tochter Mika wurde im April 2012 geboren und inspirierte ihn zu Daddylicious, dem heute größten Online-Magazin für Väter. Darüber hinaus betreibt er einen Blogvermarkter und zwei Online-Shops, schreibt als Redakteur für verschiedene Familienmagazine oder entspannt bei einer Laufrunde um die Alster.

Thomas Feibel (Jahrgang 1962) ist der führende Journalist in Sachen Kinder und Computer in Deutschland. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin und verleiht seit 2002 er als Co-Initiator zusammen mit dem Family Media Verlag den deutschen Kindersoftwarepreis TOMMI. Er hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben, hält er Lesungen und hält dazu Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. 2014 wurde Thomas Feibel für seine Arbeit zur Leseförderung und Vermittlung elektronischer Medien für Kinder und Jugendliche von Bibliothek & Information Deutschland (BID) mit der Karl-Preusker-Medaille ausgezeichnet. Thomas Feibel lebt in Berlin.

Gerlinde Unverzagt (Jahrgang 1960), wuchs im schönen Biedenkopf an der Lahn auf. Lebt seit 1980 in Berlin, arbeitete neben und nach dem Studium als freiberufliche Journalistin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, Autorin mehrerer Erziehungsratgeber und Mutter von vier Kindern.

In Ihrem neuen Buch „Helikoptereltern“ sprechen Sie sich gegen Überängstlichkeit und Förderwahn aus. Warum tut das Gutgemeinte Kindern nicht immer gut?

Wir sind als Eltern heute sehr eng mit unseren Kindern. Gerade weil wir sie so sehr lieben und so sehr von ihnen geliebt werden wollen, finden wir es schwierig auszuhalten, wenn der Nachwuchs schmollt, bockt oder einfach mal traurig ist. Weil wir glauben, erst die Liebe oder der Erfolg unserer Kinder mache uns zu guten Eltern, hören wir auf, sie anzuleiten und zu führen. Möglichst konfliktfrei, innig und eng, so wünschen wir uns die Beziehung zu unserem Kind. Um das nicht zu gefährden, verzichten wir oft auf die Durchsetzung von Regeln und schleichen uns aus der Autorität. Familienoberhaupt ist heute immer öfter das Kind – und das ist eine Rolle verfrühter sozialer Macht, die es nicht ausfüllen kann.

Kinder suchen Orientierung und Herausforderung, dazu brauchen und wollen sie Vorbilder, Anleiter und – Bestimmer, an denen sie sich abarbeiten können. Dauerverunsicherte und emotional abhängige Eltern wecken in ihren Kindern das Gefühl, Macht über und Verantwortung für ihre Eltern zu haben. Aber Kinder verheben sich an der Aufgabe, die Eltern zu beruhigen und ihrer Liebe zu versichern! Gleichzeitig stehen Eltern heute unter einem immensen Druck, auch wirklich alles für ihre Kinder zu tun. In der öffentlichen Wahrnehmung sind stets sie die Schuldigen, wenn die Kinder nicht die sogenannten Normalerwartungen erfüllen. Ein zutiefst negatives Elternbild ist vielleicht der größte Unterschied zwischen früher und heute. Elternschelte ist wohlfeil und spielt denjenigen in die Hände, die davon profitieren.

Inwiefern gilt das auch bei der Medienerziehung?

Der Umgang mit Medien ist auch nur eines unter vielen andere Reizthemen des Familienlebens: die Schule, der Umgang mit Freunden, das Benehmen bei Tisch, das unaufgeräumte Zimmer, die zu erledigenden Hausaufgaben, die Mithilfe im Haushalt und und und. Wenn Eltern darauf verzichten, die Linie vorzugeben, lassen sie ihre Kinder allein – und liefern sie denen aus, die davon profitieren, dass Kinder neugierig, offen und noch ohne gefestigten Geschmack bei imperativen Angeboten zugreifen.

Die Lösung heißt auch hier: Eigensinn. Seien Sie frei, seien Sie erfinderisch, folgen Sie Ihren besten Instinkten. Stellen Sie Gnade über Strafe, Güte über Fairness und Fairness über Zweckmäßigkeit – und wenn andere das Resultat ihrer Bemühungen seltsam finden, dann zur Hölle mit ihnen. Es gibt keine zwei Familien, die einander völlig gleichen, und es ist sinnlos, nebenan nach beispielhaften Verhaltensmustern zu suchen, in einer TV-Serie, im Werbefernsehen. Kümmern Sie sich nur um Ihre eigene Familie.

Es ist beeindruckend, wie stark sich Eltern heute von dem k.o.-Argument der Kinder beeindrucken lassen, „Alle anderen haben das auch!“, wahlweise „dürfen das auch!“ So kommt es dann, dass Sechsjährige mit smartphones hantieren oder Achtjährige sich bei facebook präsentieren oder Zehnjährige stundenlang in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Der dringende Wunsch, das Kind möge immer rundherum glücklich sein, führt uns auf Abwege und lässt uns Konflikte scheuen, wie der Teufel das Weihwasser. Aber Kinder brauchen Konflikte, um ihre Kräfte zu erproben und realistisch ermessen zu können, wo sie stehen.

Nun stehen Eltern mit der Digitalisierung vor neuen Herausforderungen, in einigen Familien kennen sich Kinder bei digitalen Medien besser aus als ihre Kinder: Wie gelingt hier der Spagat zwischen Freiräumen und klaren Regeln?

Es ist eigentlich sehr einfach. Ich weiß auch nicht, wie im Detail ein Otto-Motor funktioniert, aber ich kann ein Auto fahren, Verkehrsregeln verstehen und mehrheitlich anwenden. Und ich komme allermeistens sicher dort an, wo ich hin will. Es genügt, zu beobachten, was ein neues Medium mit dem macht, der es nutzt, auf sein Gefühl zu hören und zu überlegen, ob einem gefällt oder nicht gefällt, was man sieht. Der alte Ratschlag von Beobachten, Reflektieren, Diskutieren und Gestalten hat nichts von seinem Wert verloren.

Bekannt wurden Sie mit Ihrem „Lehrerhasserbuch“, das 2014 neu erschienen ist. Was erwarten Sie von der Schule in punkto Medienkompetenz?

Familie ist ein Ort der ungehemmten Kommunikation, wie Niklas Luhmann das einmal nannte. Schule ist idealerweise ein erster Ort der geregelten Kommunikation, in gewissem Sinn eine Art Vorübung für die Orte des Erwachsenseins: die Arbeit, mit Kollegen und Chefs, vergleichsweise unemotional und für den größten Teil des Tages. Deshalb hat die Schule eine große Chance, die Wichtigkeit von Regeln zu vermitteln, die ohne Ansehen der Person gelten, damit das Ganze funktioniert. Handyverbot nur für Schüler: ein no-go. Lehrer, die mit der Handhabung des Whiteboards überfordert sind: eine Lachnummer.

Wenn ich etwas aus meinen Erfahrungen beisteuern darf: Im dritten Schuljahr meines jüngsten Kindes erklärte die Lehrerin auf dem Elternabend, man habe die Computer der Schule mit Filtersoftware ausgestattet, die den Drittklässlern unmöglich mache, pornografische Bilder zu googeln, weswegen man lehrerseits durchaus das ungestörte Surfen, pardon, die Internetrecherche zu verschiedenen Unterrichtsthemen gestatte. Als ich meinen Sohn darauf ansprach, winkte er nur müde ab. „Wenn man bei google Sex eingibt, kommt nichts. Aber Mustafa weiß ja, wie das auf arabisch heißt. Das geben wir dann ein und dann kommt jede Menge!“

 

 

Teilen