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"Eine Therapie(-App) darf auch Spaß machen"

Der Sohn von Marc Kamps ist an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose erkrankt. Die Vorsicht vor Infektionen bestimmt den Alltag der Familie. Die Erfahrung motiviert ihn und sein Team die Therapie-App Patchie zu entwickeln. Im Interview erzählt er, wie eine App den Therapiealltag ergänzen kann und wie man dabei auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen eingeht.

Marc Kamps von Patchie

Patchie ist eine Therapie-App für Kinder. Wodurch zeichnet sich eine solche App aus?

Sie zeichnet sich vor allem durch impliziertes Lernen aus, also durch unbewusstes Aneignen von Wissen. Dies funktioniert bei Erwachsenen leider nicht mehr so gut. Kinder und Jugendliche neigen dazu, Dinge auszuprobieren und nehmen dabei das Wissen automatisch auf. Erwachsene hingegen hinterfragen die Dinge eher und möchten sie verstehen. Eine Kinder-App ist also sehr auf die spielerische Aneignung von Wissen ausgerichtet und im Idealfall macht sie auch noch richtig Spaß.

Was kann eine solche App leisten, was offline nicht funktioniert?


Als Vater eines kleinen Sohnes, der an Mukoviszidose erkrankt ist, möchte ich zunächst betonen, dass Therapie lebensnotwendig ist. Bei Mukoviszidose liegt die derzeitige Lebenserwartung bei 40 Jahren. Eine Vernachlässigung der Therapie kann einen deutlichen Einschnitt zur Folge haben. Als Elternteil kennt und fürchtet man die Konsequenzen. Doch wie erklärt man das seinem Sohn? Jedes Kind hat Anspruch darauf, möglichst normal aufzuwachsen und dabei keine tägliche Angst zu verspüren. Eltern müssen hierfür jede erdenkliche Hilfe an die Seite gestellt bekommen, und zwar kostenfrei.

Die Kindertherapie-App erleichtert den Therapiealltag, und zwar als zusätzliches Instrument. Mithilfe der App können Eltern freier über die Therapie reden und vermitteln, was für sie Lebensqualität bedeutet. Hinzu kommt, dass bei therapieintensiven Erkrankungen wie der Mukoviszidose erkrankte Kinder und Jugendliche sich aufgrund von Hygienebestimmungen nicht in Gruppen aufhalten dürfen. Virtuelle Welten können hier die Isolation brechen. Zuletzt sorgt die App für einen modernen, spielerischen und altersgerechten Wissenstransfer.

Und wie genau funktioniert dieser Wissenstransfer bei Patchie?


Bei Patchie soll der Spaß nicht zu kurz kommen und so gibt es nicht nur einen kindgerechten Therapieplan, sondern auch Games. Patchie ist ein kleiner Außerirdischer, der das Schicksal einer Erkrankung mit den Kindern und Jugendlichen teilt. Sie übernehmen die Verantwortung für sein Wohlbefinden. Im Mittelpunkt steht die Jagd nach Erfahrungspunkten, Fortschrittsbalken und virtuellen Geschenken. Im Spiel lernen sie fast beiläufig, welche Wirkungen und Konsequenzen die einzelnen Indikationen mit sich bringen. Lernerfolge werden direkt belohnt und steigern die Motivation.

Mal von außen gefragt: Wie denkt man sich so ein Therapie-Spiel aus?

Man braucht viel Geduld. Ein gutes Spiel hat wenig mit Denken zu tun; vielmehr mit strukturiertem Tun und viel Praxis. Uns geht es darum, uns in die jungen Patienten hineinzuversetzen und ihre Bedürfnisse und Emotionen zu verstehen: Was gilt es zu bewältigen? Wie erleben die Betroffenen das Problem? Wie gehen sie damit um? Recherchen reichen da nicht aus, daher halten wir direkt Rücksprache mit den jungen Patienten.

Damit daraus nun ein Spiel wird, entwerfen wir möglichst viele Ideen. Diese visualisieren wir zunächst, ganz einfach mit Schere, Stift und Papier, bevor wir selektieren und die besten Ideen erproben. Die größte Herausforderung bei Patchie ist die Eignung der Minispiele für verschiedene Alters- und Wissensgruppen. Wir möchten jedem Kind und jedem Jugendlichen gerecht werden. Dies ist der häufigste Grund, warum wir schon früh viele der Ideen verworfen haben.
 
Jeder Prototyp muss erst einmal getestet werden. Worauf achten Sie, wenn Kinder mit Ihrer App interagieren?

Neben der Nutzbarkeit für unterschiedliche Altersstufen, achten wir darauf, wie Kinder die Aufgaben in ihrer vertrauten Umgebung bewältigen. Hier binden wir Eltern mit in die Usability-Tests ein und erheben Interviews. Die Familien pflegen auch ein Nutzertagebuch, in dem der Umgang mit Patchie erfasst wird. Vor allem die Tests der einzelnen Minispiele sind uns wichtig. Erste Eindrücke werden von den Familienmitgliedern selbst verbalisiert und mit neuen Eindrücken bei optimierten Prototypen verglichen.

Am wichtigsten bleiben jedoch die langfristige Meinung der Familien und der tatsächliche Gebrauch der App, also die Therapietreue. Um außerdem sicherzustellen, dass Kinder mit der App was lernen, arbeiten wir mit Pädagogen, Psychologen und Experten verwandter Disziplinen zusammen.

Mit welchen Bedenken von Erwachsenen haben Sie bei Patchie oft zu tun?

Das sind häufig Fragen nach Nutzen und Spielspaß der App. Wir verstehen Patchie als Möglichkeit, mit Kindern und Jugendlichen über die Krankheit zu sprechen. Der Vorteil liegt dabei auf der Hand: Patchie nutzt moderne Medien und das gefällt den Heranwachsenden. Dadurch wird die wirkliche Therapie nicht ersetzt. Wir wollen vielmehr motivieren und helfen, den Therapienutzen langfristig und nachhaltig zu erkennen.

Hat man dies erst einmal verstanden, ist klar, dass die Unterhaltung zwar nicht unmittelbar im Vordergrund steht, aber die App dennoch Spaß machen kann. Das Patchie-Team hat viele Jahre in der Spielindustrie gearbeitet und weiß, was ein gutes Spiel ausmacht. Durch das Belohnungssystem wird der Lern- und Therapieerfolg hervorgehoben. Wichtig bleibt vor allem, dass Inhalte altersgerecht und spielerisch aufbereitet sind.

In einem Video zur Patchie-App erwähnen Sie, dass weitere Kindertherapie-Apps folgen werden. Worauf kann man da gespannt sein?

Wir haben aus guten Gründen mit Mukoviszidose den Anfang gemacht. Zum einen sind wir im Team selbst von der Krankheit betroffen – aus eigener Erfahrung weiß ich leider, was es für das familiäre Umfeld bedeutet. Die Therapie ist zeitintensiv, die Hygiene-Anforderungen besonders. Die Vorsicht vor Infektionskrankheiten lässt schnell den Alltag  fremdbestimmen.

Durch die Erfahrungen aus dem Team befassen wir uns also mit einer Krankheit, die wir verstehen. Zum anderen handelt es sich bei Mukoviszidose um eine Multisystemerkrankung, bei der sehr viele Organe betroffenen sind. Auch wenn das tragisch klingt, können wir so Grundlagen schaffen für die Entwicklung anderer Therapie-Apps.

Die technische Basis der App möchten wir nutzen, um Kindern mit anderen Erkrankungen zu helfen. Mit ca. 1.600 neudiagnostizierten Patienten unter 16 Jahren werden wir uns der Krebstherapie widmen und Patchie entsprechend redaktionell bedienen.

Um die App kostenfrei anbieten zu können, wurde eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Spielend lernen – worauf Sie bei digitalen Lernspielen achten finden Sie in unseren Tipps im Bereich Games.

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