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"Geschichten treffen eigene Sehnsüchte"

Musik-Castingshows erfreuen sich seit Jahren einer großen Beliebtheit, gerade bei Kindern und Jugendlichen. SCHAU HIN! sprach mit Dr. Maya Götz, die dazu eine Studie veröffentlicht hat.

Was macht die Faszination von Castingshows und anderen inszenierten TV-Formaten aus? Welche Rolle spielen die Teilnehmer dabei?

Die jungen Kandidatinnen und Kandidaten, sind für die Kinder und Jugendlichen meist ideale Identifikationsfiguren. Mit ihnen fühlen sie mit, hoffen, dass sie sich heute besonders gut präsentieren, milde Kritik bekommen und am Ende weiter dabei bleiben. Die Castingshows treffen oft tiefe Wünsche der Mädchen und Jungen. Sie spiegeln Träume vom Anerkannt-Sein, als einzigartiger Mensch gesehen und bejubelt zu werden. Die Geschichten und Szenen treffen eigene Sehnsüchte: Junge Menschen bewältigen große Aufgaben und berühren Millionen mit ihrer Musik. Eltern, Freunde und Verwandte sind stolz und stehen immer hinter einem. Mit Castingshowfantasien verbinden sich aber auch Hoffnungen auf Prominenz und Perspektiven für eine ereignisreiche, statushohe und finanziell gesicherte Zukunft.

Wann können Kinder Ihrer Meinung nach zwischen Fiktion und Realität unterscheiden?

Wann können Erwachsene das? Gehen wir nicht auch davon aus, dass die Tagesschau die Realität zeigt, obwohl sie nur einen kleinen und gedeuteten Eindruck der Realität widergibt. Bei Kindern und Jugendlichen (repräsentative Stichprobe von 1230 Sechs- bis 17-Jährigen in Deutschland) liegt der größte Unterschied zwischen denjenigen, die keine Castingshows sehen und jenen, die es richtig gerne tun. Geht bei ersteren nur die Hälfte davon aus, dass die Sendung die Realität zeigt, sind es bei den VielseherInnen von Castingshows 80 Prozent.

Sie haben 59 Teilnehmer für eine Studie befragt? Wie empfinden und verarbeiten sie das "Erlebnis Castingshow-Teilnahme"?

Sehr unterschiedlich. Menschen, die schon vorher professionell als MusikerIn gearbeitet haben können die Show sehr wohl dafür nutzen sich bekannt zu machen. Auch Neuentdeckungen, die eine fundierte Musikausbildung haben, deren soziales Umfeld gefestigt ist und die mit dem plötzlichen Ruhm gut umgehen können, sehen das "Erlebnis Castingshowteilnahme" im Nachhinein durchaus positiv. Schwierig wird es für jene, die in der Sendung abgewertet wurden. Sie fühlen sich oft betrogen und machtlos gegenüber dem Mediensystem. Aber auch viele, die als Star dargestellt werden, haben noch Jahre lang mit dieser Erfahrung zu kämpfen. Es ist eine enorme physische und psychische Anstrengung. Die öffentliche Aufmerksamkeit durch die Massenmedien bedeutet eben auch, dass sich die Wahrnehmung des sozialen Umfelds ändert. Jeder meint bescheid zu wissen und seine Meinung kundtun zu müssen. Das kann nicht nur anstrengend sein, sondern auch wehtun. Insbesondere, wenn junge KandidatInnen lächerlich gemacht werden und dies noch Jahre später jederzeit im Internet auffindbar ist.

Wie beurteilen Sie die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen an solchen Shows?

Es gibt nur sehr wenige Kinder und Jugendliche, die durch eine solche Erfahrung nachhaltig gestärkt herausgehen. Dies gilt auch nur für sehr wenige Familien. Für die meisten wird es eine Erfahrung sein, die schwer zu verarbeiten ist. Der schnelle Ruhm, der ja oft nur kurzzeitig trägt, überfordert die Identitätsbildung. Castingshows sind keine pädagogischen Räume, in denen es um die Förderung von jungen Menschen geht, sondern darum eine möglichst erfolgreiche Sendung zu gestalten, viele Anrufe zu akquirieren etc. Kinder und Jugendliche sind hierbei systemimmanent nur "menschliches Material".

Was raten Sie Eltern in der Begleitung ihrer Kinder im Umgang mit solchen Formaten?

Medienpädagogisch kann es nicht darum gehen Kindern und Jugendlichen den Spaß an diesen Sendungen verderben zu wollen. Vielmehr geht es darum die Sendungen (auch) medienkompetent zu nutzen. Das heißt unter anderem immer wieder etwas in Distanz zu gehen. Ein kleines Ratespiel, welche Rolle den KandidatInnen zugeschrieben wird, kann schon helfen. Durch genaues Hinhören auf die Musik und untergelegten Geräuschen, das Deuten der Portraits etc. bekommt man das ganz gut raus. Das hilft schon, die Inszenierung zu erkennen, und schafft Anlässe sich über Werte zu unterhalten.

Dr. phil. Maya Götz, promovierte zum Thema "Fernsehen im Alltag von Mädchen: Facetten der Medienaneignung in der weiblichen Adoleszenz" und leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Die Studie, die für die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) erstellt wurde, steht hier zum freien Download.

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