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"Scripted Reality aus pädagogischer Sicht problematisch"

Interview mit Michael Gurt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF, zum Thema "Scripted Reality", was Kinder und Jugendliche an diesen Formaten fasziniert, die Risiken und wie Eltern damit umgehen können.

SCHAU HIN!: Herr Gurt, können Sie kurz erläutern, was „Scripted Reality“ ist?

Michael Gurt: „Scripted Reality“ steht für Alltagsgeschichten nach Drehbuch, die meist mit Laienschauspielern in Szene gesetzt werden. Zahlreiche TV-Formate greifen mittlerweile auf diese Art der Inszenierung zurück. In Serien wie „Berlin – Tag und Nacht“ (RTL II), „Verdachtsfälle“ (RTL) oder „Mitten im Leben“ (RTL) wird der Eindruck erweckt, der Zuschauer wäre im Alltag der Personen quasi „live“ dabei. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist nicht immer leicht zu durchschauen, dass es sich hier um inszenierte Szenen auf Grundlage eines Drehbuchs handelt. Vor allem, da die Geschichten bei Facebook weitergesponnen wird und die Geschehnisse der aktuellen Folge kommentiert werden.

SCHAU HIN!: Sie haben Kinder und Jugendliche zwischen elf und 14 Jahren zu „Scripted Reality“ befragt. Was fasziniert Heranwachsende an diesen Formaten?

Michael Gurt: Besonders populär bei älteren Kindern und Jugendlichen ist derzeit „Berlin – Tag und Nacht“. Die Serie dreht sich um das WG-Leben junger Leute in Berlin. Für junge Fans der Serie ist es spannend zu sehen, wie die Protagonisten ihren Alltag gestalten. Ob die Geschichten nun Realität zeigen oder erfunden sind, spielt bei den meisten keine so entscheidende Rolle. Zahlreiche Befragte sprechen „Berlin – Tag und Nacht“ besondere Realitätsnähe zu. Diese „Echtheit“ bzw. vermeintliche Authentizität spricht sie besonders an. Sie machen sich Gedanken über die Eigenschaften, den Alltag und das Verhalten der WG-Bewohner. Sie fiebern mit und tauschen sich mit Gleichaltrigen über das Gesehene aus. Einige entdecken Bezüge zu ihrem eigenen Leben und orientieren sich an Charaktermerkmalen und am Verhalten ihrer Lieblingsfiguren.

Spannung durch seriellen Charakter

Ein wesentlicher Aspekt ist sicher auch der serielle Charakter der „Scripted Reality“-Formate. Die Mädchen und Jungen vor dem Bildschirm wollen erfahren, wie die Handlungsstränge weiterlaufen. „Ich will auch immer wissen, wie es weitergeht“, sagte uns ein zwölfjähriges Mädchen. Dabei spielt auch das Internet natürlich eine wichtige Rolle, denn verpasste Folgen können online angeschaut werden. Das Gefühl, am Leben der Darsteller teilhaben zu können, wird auch durch deren Auftritte bei Facebook verstärkt.

SCHAU HIN!: Ist dieses Format geeignet für Kinder und Jugendliche? Welche Gefahren sehen Sie?

Michael Gurt: Die Sendungen sind derzeit angesagt, weil Themen wie Liebe und Partnerschaft, Konflikte in sozialen Räumen und Freundschaftsbeziehungen Heranwachsende beschäftigen. Auf der Suche nach der eigenen Identität, nach geschlechtlicher und sozialer Orientierung suchen sie alltagsnahe Vorbilder, unter anderem auch in den Medien.

Klischeehafte und eindimensionale Rollenbilder

Was sie bei Sendungen wie „Berlin – Tag und Nacht“ an Orientierung geboten bekommen, ist aus pädagogischer Sicht allerdings problematisch: Die dargestellten Konflikte sind häufig an den Haaren herbeigezogen, die Figuren handeln planlos, jede Kleinigkeit wird dramatisiert. Der emotionale Ausnahmezustand ist Normalität, der Umgangston ist mitunter rau und abwertend. Auch die gezeigten Rollenbilder sind zum Teil äußerst klischeehaft und eindimensional, der Umgang mit Beziehungen und Sexualität ist insgesamt fragwürdig.
Außerdem ist die Art der Darstellung für Kinder und selbst für Jugendliche schwer zu durchschauen. „Scripted Reality“ kann als Abbild der Wirklichkeit missverstanden werden. Umso größer ist das Risiko, dass sich Kinder und Jugendliche an den gezeigten Vorgaben orientieren.

SCHAU HIN!: Welche Sendungen würden Sie stattdessen für die Altersgruppe zwischen elf und 14 Jahren empfehlen?

Michael Gurt: Älteren Kindern ist es vor allem wichtig, ihre Eigenständigkeit zu entwickeln, sich mit ihrem Geschmack von den Erwachsenen abzugrenzen. Mit „Kinderkram“ wollen viele der Mädchen und Jungen nichts mehr zu tun haben. Heranwachsende dieses Alters brauchen Geschichten, die sich originell und vielschichtig mit Themen wie Freundschaft, erster Liebe, Zusammenleben in Gemeinschaften, aber auch Bewährungsproben und Wettbewerb beschäftigen. Empfehlungen für diese Altersgruppe finden sich auf www.flimmo.tv, aber auch bei www.top-videonews.de oder www.vision-kino.de.

SCHAU HIN!: Was empfehlen Sie Eltern, deren Kinder regelmäßig „Scripted Reality“-Sendungen anschauen bzw. unbedingt anschauen wollen?

Michael Gurt: Diese Formate sollten nicht zur wichtigsten Orientierungsquelle für Heranwachsende werden. Gerade weil die Geschichten anscheinend die Realität zeigen, werden Klischees und Vorurteile als selbstverständlich hingenommen. Eltern sollten ihren Kindern den Unterschied zwischen „Scripted Reality“ und Realität erklären und gemeinsam mit ihnen die Sendung schauen und darüber diskutieren: Ist das Gezeigte wirklich realitätsnah? Würde ich im Konfliktfall auch so reagieren? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer richtigen Dokumentation und „Scripted Reality“? Woran kann ich erkennen, was gespielt ist und was echt? So lernen Kinder und Jugendliche das Gezeigte zu hinterfragen und kritischer mit solchen und ähnlichen Formaten umzugehen.

Michael Gurt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis und Verantwortlicher Redakteur von FLIMMO - Fernsehen mit Kinderaugen. Herausgeber von FLIMMO ist der Verein Programmberatung für Eltern e.V.

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