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"Wer sich weigert, gilt als Zicke"

Ob Germany's Next Topmodel, Bachelor oder DSDS - Casting- und Kuppelshows haben Hochkonjuktur. Verena Weigand, Vorsitzende des Vereins Programmberatung für Eltern, hält diese Formate nicht für kindgerecht und empfiehlt Eltern einen kritischen Standpunkt.

RTL

Was fasziniert Kinder und Jugendliche an Formaten wie Dschungelcamp, DSDS, Der Bachelor, Germany's next Topmodel?

In diesen Sendungen geht es vor allem darum, sich gegen andere durchzusetzen und am Ende zu gewinnen. Kinder finden es spannend, diesen Wettstreit zu beobachten. Oft haben sie einen Favoriten, mit dem sie besonders mitfiebern. Sie verfolgen interessiert, wie sich die einzelnen Kandidaten präsentieren. Was kommt gut an? Was nicht? Auch der Umgang mit Kontrahenten und die Gruppendynamik entgehen ihnen nicht.

Träumen die jungen Zuschauer selbst davon, einmal Sänger oder Model zu werden, verfolgen sie die Auftritte noch intensiver und schauen sich unter Umständen das ein oder andere ab.

Faszinierend sind diese Sendungen auch deshalb, weil sie so bekannt sind. Wenn sich die Gespräche auf dem Schulhof oder im Freundeskreis um die jüngsten Vorkommnisse, Ausschreitungen oder Lacher drehen, will man mitreden können. Man fürchtet sonst im schlimmsten Fall ausgegrenzt zu werden. Vor allem unter Jugendlichen geht es häufig darum, sich über die Fehltritte der Kandidaten gemeinsam lustig zu machen.

Welche Frauen- und Männerbilder vermitteln diese?

Das Frauen- und Männerbild, das in diesen Sendungen vermittelt wird, ist meist klischeebehaftet und sehr fragwürdig. Frauen werden auf Äußerlichkeiten reduziert und häufig als naiv dargestellt. Um zu gewinnen, setzen sie ihre Reize ein und versuchen Männer in Machtpositionen von sich zu überzeugen. Das ist vor allem in der aktuellen Staffel von Deutschland sucht den Superstar und bei Der Bachelor zu beobachten. Den Männern gefällt die Aufmerksamkeit. Sie urteilen über die Attraktivität der Frauen und entscheiden über deren Erfolg.

Bei Germany's next Topmodel müssen die Kandidatinnen alle Herausforderungen und Aufgaben mitmachen. Von Nacktaufnahmen bis zur leidenschaftlichen Kussszene mit einem Fremden wird den teilweise noch minderjährigen Mädchen einiges abverlangt. Wer sich weigert, wird als Zicke und Verlierer dargestellt.

Das ist das Hauptproblem bei all diesen Sendungen. Die Kandidaten werden durch Kommentare der Moderatoren und die redaktionelle Bearbeitung der Sendung in eine bestimmte Ecke gedrängt. Vor allem junge Zuschauer haben kaum eine Chance diese Inszenierung zu durchschauen. Im Dschungelcamp ist besonders deutlich zu beobachten, wie sich die Meinung über einzelne Kandidaten in eine Richtung zuspitzt. Ist jemand als "Loser" abgestempelt, wird durch Kommentare und die ausgewählten Szenen, in denen die Person zu sehen ist, dieses Bild gefestigt.

Was bekommt man also in diesen Sendungen zu sehen: Menschen werden bloßgestellt und lächerlich gemacht, um die Zuschauer zu unterhalten. Wer sich weigert eine Aufgabe zu machen, ist ein Spielverderber und hat keine Chance auf Erfolg. Wenn man weit kommen möchte, darf man es sich nicht mit der Jury und anderen, die in der Machtposition sind, verscherzen. Das steht im Gegensatz zu allen Überzeugungen, die man Kindern vermittelt. Sie sollen sich nicht über andere lustig machen, nein sagen, wenn sie etwas nicht möchten und sich von Größeren/Mächtigeren nicht einschüchtern lassen.

Wie sollten Eltern auf den Wunsch reagieren, dass ihr Kind diese Sendungen schauen möchte?

Das kommt auf das Alter des Kindes an und wie groß der Wunsch wirklich ist. Bis zum Schulalter sollte es kein Problem sein, zu argumentieren, dass es sich hier um Sendungen aus dem Erwachsenenprogramm handelt, die nicht für Kinder geeignet sind. Je älter die Kinder werden, umso lauter wird unter Umständen der Protest, weil Gleichaltrige aus dem Freundeskreis die Sendung sehen dürfen. Wenn der Wunsch anhält, immer wieder nachgefragt und gebettelt wird, sollte man die Sendung am besten gemeinsam anschauen. Jeder kann seine Meinung äußern und sagen, was gefällt und was nicht. So lernen Kinder kritisch mit dem Fernsehen umzugehen und Sendungen angemessen einzuschätzen.

Wie können Eltern ihr Kind dabei unterstützen dem Druck des Schulhofs standzuhalten?

Das ist schwer allgemein zu beantworten. Es hängt viel vom Kind ab. Interessiert sich das Kind noch gar nicht für die Sendungen, wird es die Gespräche auf dem Schulhof nur am Rande mitbekommen. Dann reicht es meist aus, bei Nachfragen kurz zu erzählen, worum es in der Sendung geht und warum daheim nicht eingeschaltet wird. Manchmal sind einzelne Szenen Gesprächsthema auf dem Schulhof. Wenn das Kind sehen möchte, worüber alle reden, kann man sich den kurzen Ausschnitt gemeinsam ansehen (z.B. in der Mediathek) und sich darüber austauschen. Wer sich eine eigene Meinung gebildet hat, kann diese auch überzeugend vertreten.

Welche kindgerechte Alternativen empfehlen Sie?

Spielshows, in denen Kinder gegeneinander antreten und sich im Wettstreit messen, finden sich immer wieder im Programm wie zum Beispiel 1, 2 oder 3, Tigerentenclub oder Die Beste Klasse Deutschlands. In Dein Song stellen Kinder jedes Jahr ihr Gesangstalent unter Beweis. Bei TANZALARM! werden Berufe musikalisch gemeinsam mit jungen Tänzern vorgestellt. Kurz gesagt: Sendungen aus dem Kinderprogramm, die sich direkt an junge Zuschauer richten und in denen Gleichaltrige die Hauptakteure sind, sind die bessere Wahl.

Casting- und Kuppelshows aus dem Erwachsenenprogramm sind überwiegend nichts für Kinder. Das ist häufig schon an der Sendezeit zu erkennen. Wer unsicher ist, ob eine Sendung für Kinder geeignet ist oder nicht, erhält unter www.flimmo.tv eine erste Einschätzung und weitere nützliche Informationen.

Verena Weigand ist Vorsitzende des Vereins Programmberatung für Eltern, der den FLIMMO herausgibt. Sie leitet den Bereich Medienkompetenz und Jugendschutz der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM).

Der FLIMMO ist ein kostenloser Programmratgeber für Eltern, den es als Broschüre, im Internet und als App gibt. Er bespricht das Fernsehprogramm und gibt Tipps zur Fernseherziehung. Neben dem Kinderprogramm werden auch solche Sendungen berücksichtigt, die sich zwar an Erwachsene richten, aber mit denen Kinder zwischen drei und 13 Jahren als Mitseher in Berührung kommen. Bewertet wird, wie Kinder in unterschiedlichem Alter mit bestimmten Fernsehinhalten umgehen und wie sie diese verarbeiten. Der FLIMMO betrachtet das Programm also stets aus der Kinderperspektive. Der FLIMMO ist ein Projekt des Vereins Programmberatung für Eltern e.V. Mitglieder sind dreizehn Landesmedienanstalten und das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Mit der Durchführung ist das JFF - Institut für Medienpädagogik beauftragt.

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