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"Wir brauchen neue Spielregeln für soziale Netzwerke"

Wir sprachen mit Autor und Publizist Thomas Feibel über die Faszination Jugendlicher an Facebook und verlosen zehn Exemplare seines Ratgebers.

© Carlsen Verlag
© Carlsen Verlag

In Ihrem Buch „Like me. Jeder Klick zählt“ erzählen Sie eine packende Geschichte zur Faszination sozialer Netzwerke. Was macht diese gerade für Jugendliche aus?

Jugendliche nutzen die sozialen Netzwerke, um mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben, Verabredungen zu treffen, zu kommunizieren oder um auch neue Leute kennen zu lernen. Oft ziehen sie aus der Anzahl der Freunde, Kommentare und Likes ihre Anerkennung. Warum über eine Milliarde Menschen Mitglied bei Facebook sind, lässt sich so erklären: Hinter der aktiven Teilnahme an sozialen Netzwerken steht der tiefe Wunsch nach Beziehung. Wer sich selbst kritisch prüft, weiß, dass es als Jugendlicher alles andere als einfach war, eine Beziehung einzugehen. Mit Facebook stellen sie eine Nähe her, die gleichzeitig den anderen auch auf Distanz hält.

Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Netzwerk-Profil und der eigenen Person?

Im Gegensatz zum richtigen Leben, können sich Kinder und Jugendliche bei ihrer Selbstdarstellung so zeigen, wie sie sich sehen: Von ihrer Schokoladenseite. Doch in jeder Aussage, in jedem Foto und Post bei Facebook liegt auch immer eine zweite Botschaft. Einmal über das, was gesagt wird und als zweites, was  diese Person auch damit über sich selbst aussagt. Dies zu durchschauen ist gar nicht so einfach und auch den meisten Erwachsenen nicht bewusst.

In Ihrem Roman wird aus harmlosem Spaß bitterer Ernst. Woran können das andere oder man selbst merken?

Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Im Buch erzähle ich die Geschichte eines Wettbewerbs: Wer das öffentlichste Leben führt und die meisten Likes bekommt, wird der Starmoderator einer Internetshow. Mir war es dabei wichtig zu zeigen, was ganz normalen Kindern passieren kann, wenn jemand ihre Gutgläubigkeit und ihren Ehrgeiz ausnutzt. Den Romanhelden fällt es irgendwann sehr schwer, Abstand herzustellen oder sich zu entziehen. Dazu kommen die Verpflichtungen und Zwänge durch Klassenkameraden und Altersgenossen. Nur wer es schafft, eine gesunde Distanz zu schaffen und sich kritisch zu hinterfragen, vermag in einem solchen Fall die Bremse ziehen. Das kann man aber meiner Meinung nach nicht von Kindern erwarten. Das gelingt ja auch Erwachsenen nur selten.

Ihr Ratgeber „Facebook und andere Netzwerke“ gibt anschauliche Hinweise zum Thema. Welche Fragen oder Fällen begegnen Ihnen häufig z.B. auf Ihren Vorträgen?

Eltern und Kindern erkläre ich immer wieder, warum sie nicht zu viel über sich verraten sollten, dass sie sich nicht mit Fremden verabreden sollen und was sie aktiv tun können, wenn jemand Lügen oder Beleidigendes über sie im Internet verbreitet. Beide Bücher und die vielen Gespräche treffen einen Nerv bei Kindern und Jugendlichen. Sie fühlen sich zwar wohl mit den neuen Medien, verspüren aber auch ein Unbehagen und ahnen, dass sie vielleicht doch mehr preisgeben als ihnen lieb ist. Bei Erwachsenen erlebe ich immer wieder, dass sie Themen wie Facebook  verunsichern. Sie müssen keine Experten sein, aber sich dafür interessieren, was ihre Kinder hier tun.

Sie sprechen auch von „Facebook-Stress“. Wie sieht der aus und was kann man dagegen tun?

Die Medien stressen uns und wir kommen immer schwerer zur Ruhe. Ständig haben wir das Gefühl, etwas zu verpassen. Es könnte jemand etwas geposted, kommentiert oder geliked haben. Zusätzlichen Druck erzeugen die Facebook-Spiele. Sie beginnen meist kostenlos, werden dann kniffliger und nur bewältigbar, wenn die Jugendlichen entweder Geld bezahlen oder neue Freunde finden. Das halte ich für unmoralisch. Genau wie die Benachrichtigung, dass irgendein Spieler einen im Spiel überholt hat, kommentiert mit den Worten “Willst du dir das gefallen lassen?”. Dann entscheiden nicht mehr die Spieler, sondern die Spiele selbst, wann gespielt werden soll. Für soziale Netzwerke müssen wir Erwachsene uns neue Spielregeln einfallen lassen, denn mit Verboten kommt man nicht weit. Eltern könnten Kindern ein eigenes WLAN mit zeitlichen Einschränkungen zur Verfügung stellen, auch bei Smartphones bieten viele Mobilfunkanbieter Zeitbegrenzungen an. Nachts sollten die Geräte nicht im Kinder- oder Jugendzimmer sein. Das Wichtigste ist: Vorbild sein. Nicht alle paar Minuten selbst auf das Smartphone starren, ständig Mails abrufen oder beim gemeinsamen Essen ans Telefon gehen.

Die letzte KIM-Studie zeigt, dass Facebook und Co. auch für Jüngere reizvoll ist. Wie können Eltern damit umgehen?

Facebook untersagt die Nutzung unter 13 Jahren. Trotzdem sind schon sehr viele Grundschüler in diesem Netzwerk unterwegs. Manche Kinder machen sich dann älter, um dabei zu sein. Immerhin haben Facebooknutzer zwischen 13 und 18 einen gewissen Jugendschutz. Sie werden nicht über Suchmaschinen gefunden und auch die Privatsphäreeinstellungen sind umfassender voreingestellt. Dennoch müssen Eltern und ihre Kinder diese Einstellungen immer wieder kontrollieren, denn bei Facebook ändert sich immer wieder etwas.

Thomas Feibel publiziert zum Thema "Kinder und Computer" und leitet das "Büro für Kindermedien". Weitere Informationen zu seiner Person und seinen Büchern erhalten Interessierte hier

SCHAU HIN! verlost zehn Ratgeber "Facebook und andere Netzwerke" für Schüler, Eltern und Lehrer. Die Frage zur Verlosung lautet: Ab welchem Alter ist Facebook laut den eigenen AGBs erlaubt? Einsendungen bitte per E-Mail mit dem Betreff "Verlosung" bis einschließlich 13. März 2015 an service(at)schau-hin.info, am besten gleich mit der Postanschrift, die streng vertraulich behandelt wird.

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