Über Vorurteile und Privatsphäre: Daniel Seiler vom Jugendleiter-Blog im Interview

SCHAU HIN! hat den langjährigen Jugendleiter gefragt, wie er die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen sieht. Ist der Einfluss von Sozialen Netzwerken, Smartphones und Games wirklich so schlecht? Auf seinem Blog teilt Daniel Seiler seit 2008 Ideen, Tipps und Methoden für die Jugendarbeit. Im Interview gibt er Eltern drei Ratschläge für die Medienerziehung mit auf den Weg.

Portrait von Daniel Seiler, betreiber des Jugendleiter-Blogs
Daniel Seiler/Jugendleiter-Blog (bearbeitet)

Seit 2001 engagierst du dich in der Jugendarbeit. Was hat sich dabei in dieser Zeit besonders verändert?

Ich nehme wahr, dass Kinder weniger freie Zeit haben. Schule nach 13 Uhr und durchgehende Nachmittagsbetreuung verändern den Alltag von Kindern und Jugendlichen und schränken die Möglichkeiten der jungen Generation ein. Die Chance, selbstbestimmt und frei von Hierarchie ihre Freizeit zu gestalten, wird Kindern und Teenagern heute zunehmend genommen. Genau das aber bietet Jugendarbeit: Echte Beteiligung, Mitbestimmung und Entscheidung sind Grundprinzipien der Jugendarbeit, an die ich glaube. Genau diese Möglichkeiten werden der jungen Generation leider zunehmend genommen. Dazu kommt ein immer breiter werdendes Freizeitangebot, zu dem natürlich auch die Beschäftigung mit sozialen Medien gehört.

Wie nimmst du die Nutzung von Sozialen Netzwerken bei Jugendlichen wahr und wie gehst du mit Fällen von Cybermobbing um?

In Sozialen Netzwerken sind Jugendliche kreativ, experimentierfreudig und zunehmend auf ihre Privatsphäre bedacht. Wobei Privatsphäre für junge NutzerInnen eine andere Bedeutung hat als für meine oder ältere Generationen. Es geht dabei mehr um Zwischenmenschliches als um personenbezogene Daten.

Aufgabe von Jugendleitern muss es klar sein, Cybermobbing keinen Raum zu geben. Sobald er Kenntnis von einem Vorfall erlangt, sollte er mit den Betroffenen sprechen, die Eltern anschließend informieren und das Thema verallgemeinert auf die Tagesordnung der Gruppenstunde holen. Auch vorab, bevor es überhaupt so weit kommt, kann ein Jugendleiter sich durch starke Beziehungen, die er zu den Kindern und Jugendleitern aufbaut, als Vertrauensperson positionieren, an die sich betroffene Kinder wenden können.

So wie das Kino oder das Internet für ältere Generationen „krasse“ Entwicklungen waren, sind es heute Smartphone, 4G und Apps wie TikTok.

Daniel Seiler, Jugendleiter-Blog

Viele Eltern aber auch Experten befürchten, dass Mediennutzung Entwicklung und Verhalten von Kindern negativ beeinflusst. Wie empfindest du das?

Ich verstehe, warum dieser Schluss naheliegt, aber ich halte ihn für falsch. Ja, Kinder und Jugendliche wachsen heute anders auf als früher. Das sorgt bei Eltern, die wenig vertraut mit digitalen Medien sind, oft für Verunsicherung. Aber so wie das Kino, die Rolltreppe oder die ersten Schritte im Internet für ältere Generationen „krasse“ Entwicklungen waren, sind es heute Smartphone, 4G und Apps wie TikTok.

Für wichtig halte ich, dass Eltern sich dieser „neuen Welt“ nicht verschließen, sondern selbst eine gewisse Neugier entwickeln und sich von ihren Kindern auf die Reise ins Unbekannte mitnehmen lassen. Gemeinsam herauszufinden, was die Faszination der Geräte und Apps ist, kann für beide Seiten ein schönes Abenteuer sein, das verbindet. Bei Eltern schafft es Verständnis und sorgt dafür, dass Medienerziehung besser stattfindet. Erst, wenn Eltern verstehen, wie die Apps und Geräte funktionieren und was es dort für Möglichkeiten gibt, können sie aus meiner Sicht den Medienkonsum diskutieren und regulieren.

Wie würdest du digitale Medien in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsetzen?

Daniel Seiler

Seit April 2008 betreibt Daniel den Jugendleiter-Blog. Über zehn Jahre war er selbst als Jugendleiter aktiv. Heute arbeitet er in Erfurt als Social Media Manager, Blogger und Autor.

Ich würde zu einem positiven Umgang raten: Da, wo digitale Medien Vorteile bringen und alle Kinder und Jugendlichen sich daran beteiligen können, würde ich sie einsetzen. Beispiele sind die gemeinsame Produktion von Fotoromanen oder Kurzfilmen und die Dokumentation eines Ferienlagers über einen gemeinsamen Social Media-Kanal. So können Jugendleiter Kindern und Jugendlichen neue Möglichkeiten zeigen und Vorbild sein – sowohl bei der Kreation der Inhalte als auch bei der Administration eines Kanals. Über den spielerischen Kontakt, der in der Jugendarbeit auf Augenhöhe stattfindet, fällt es leichter, auch schwierige Themen wie Cybermobbing, Privatsphäre-Einstellungen und das Recht am eigenen Bild zu diskutieren.

 

Aber: Jugendarbeit kann auch Raum bieten, um genau das Gegenteil zu thematisieren, also den Verzicht auf digitale Medien. Da wo Smartphones, Internet und Messenger Gruppenstunden und Ferienlager stören, können Jugendleiter das ansprechen und eine Experimentierfläche bieten, wie es ist, unter Gleichaltrigen frei von Darstellungszwang und „Dokumentations-Pflicht“ des eigenen Alltags das Miteinander zu erleben und sich selbst zu erfahren.

Was glaubst du: Welche Wünsche haben Jugendliche an ihre Eltern, wenn es um digitale Medien geht?

Neugier und Vertrauen. Also weniger digitale Medien pauschal verteufeln, sondern eine echte Auseinandersetzung mit den Medien, um gemeinsam darüber sprechen zu können. Und das Vertrauen, wenn diese Grundlage geschaffen ist, dass junge Menschen sich an gemeinsame Regeln halten. Das bedeutet dann auch, dass Eltern nicht in die Schutzräume, wie ich die privaten Profile der Kinder und Jugendliche bezeichnen möchte, eindringen. Das Tagebuch von gestern ist der Nachrichtenverlauf von heute: Kein Kind möchte, dass Eltern darin stöbern. 

Welche drei Ratschläge würdest du Eltern zur Mediennutzung ihrer Kinder mit auf den Weg geben?

  • Seid interessiert und neugierig. Nur so werden sich Kinder euch öffnen und ihr könnt mit ihnen über digitale Medien und ihren Konsum derselben sprechen.
  • Damit hängt zusammen, dass der Wissensvorsprung von Kindern und Jugendlichen akzeptiert werden sollte. Ja, die junge Generation kennt sich mit diesen Medien besser aus. Nehmt das an, nutzt ihr Wissen und reflektiert auf dieser Grundlage, eurer Erfahrung und der gemeinsamen Medienkompetenz den Sinn und vielleicht manchmal auch Unsinn von digitalen Medien.
  • Probiert gemeinsam etwas aus, erschafft gemeinsame, digitale Familienerinnerungen und lernt so voneinander. Lasst dabei zu, dass Kinder und Jugendliche Grenzen ziehen und sie euch nicht in alle Teile ihres digitalen Lebens blicken lassen.