Cybergrooming - So schützen Sie Ihr Kind

Immer wieder werden Vorfälle bekannt, bei denen Kinder und Jugendliche online sexuell belästigt
werden. Das größte Risiko gehen sie ein, wenn sie sich mit Fremden verabreden, die sie nur aus dem Internet kennen. Um das Risiko zu minimieren, ist es wichtig, dass Eltern mit ihrem Kind
altersgerechte Online-Angebote auswählen, Sicherheitsregeln vereinbaren und sich dafür
interessieren, mit wem es wo online in Kontakt steht.

© mariesacha / Fotolia
© mariesacha / Fotolia

Was ist Cybergrooming?

Cybergrooming (englisch: anbahnen, vorbereiten) meint das gezielte Ansprechen Minderjähriger über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen. Dabei werden Kinder oft anonym, immer häufiger aber auch unter falschem Namen oder sogar richtiger Identität, belästigt und zu Nacktaufnahmen oder Treffen aufgefordert.

Wie vollzieht sich Cybergrooming?

Die Täter gehen meist strategisch vor, suchen gezielt Kontakt, versuchen Vertrauen aufzubauen und das Kind in Abhängigkeiten zu verstricken.

Kontakt

Täter suchen meist gezielt über Chats, soziale Netzwerke oder Instant Messenger den Kontakt zu Kindern. Mitunter nutzen sie hierzu ein Fake-Profil und geben sich dabei als etwa gleichaltrigen Nutzer aus. In einigen Fällen täuschen sie Kindern auch vor, z.B. bei einer Modelagentur oder einer Zeitschrift zu arbeiten, die junge Talente castet.

Identität

Täter versuchen oft das Alter und Geschlecht des Kindes zu verifizieren, indem sie etwa weitere Fotos, Links zu Profilen oder Webcam-Kontakt fordern.

Kommunikation

Meist schmeicheln die Täter dem Kind, indem sie sich etwa als Modelagent ausgeben und in Aussicht stellen, das Kind berühmt zu machen, oder täuschen starkes Interesse sowie Verständnis für sein Leben und seine Probleme vor, das ihm vielleicht sonst im persönlichen Umfeld fehlt. Dadurch versuchen die Täter das Vertrauen des Kindes zu gewinnen,seine Wahrnehmung zu manipulieren und es in Abhängigkeit zu verstricken.

Vertrauen

Täter versuchen das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, seine Wahrnehmung zu manipulieren und es in Abhängigkeit zu verstricken. Meist schmeicheln die Täter dem Kind, indem sie an die Lebenswelt des Kindes anknüpfen indem sie starkes Interesse sowie Verständnis für sein Leben und seine Probleme vortäuschen, das ihm vielleicht sonst im persönlichen Umfeld fehlt. Auch über erhöhte Likes und positive Reaktionen auf die Inhalte, die das Kind im Internet verbreitet, wird versucht das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Zudem versuchen sie sich interessant zu machen, indem sie sich etwa als Star oder Modelagent ausgeben und in Aussicht stellen, das Kind berühmt zu machen.

Übergriffe

Die Täter verlangen oft, die Kommunikation in private Bereiche oder über direkte Kommunikation per Messenger wie WhatsApp und Skype fortzusetzen, fragen das Kind nach seinem Aussehen, Entwicklungsstand und erotischen Erfahrungen. Sie übersenden pornografisches Material oder fordern es auf, erotische Bilder und Videos zuzusenden bzw. sich vor einer Webcam zu präsentieren. Häufig gebrauchen sie dieses Material dann dazu, die Kinder zu erpressen und unter Druck zu setzen, indem sie damit drohen, es zu veröffentlichen, wenn sie sich jemandem anvertrauen. Hinzu kommt, dass die Betroffenen oft selbst Hemmungen haben, sich anderen mitzuteilen, weil sie Sanktionen fürchten oder sich sogar selbst schuldig fühlen. Oft versuchen die Täter auch, reale Treffen anzubahnen, an öffentlichen Orten wie Schwimmbädern oder bei ihnen zu Hause, um einen Film anzuschauen.

Wie häufig ist Cybergrooming?

Laut MiKADO-Studie zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auf Basis anonymer Internet-Interviews mit 28 000 Erwachsenen und mehr als 2000 Kindern und Jugendlichen hatten von mehr als 2200 hierzu befragten erwachsenen Internetnutzern 5,3 Prozent im Internet Kontakt zu Minderjährigen mit sexuellem Inhalt. Dabei gaben viele Erwachsene ein falsches Alter an; jünger als 18 Jahre machten sie sich aber nicht.

Laut KIM-Studie 2014 erlebten sieben Prozent der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren problematische Kontaktversuche von Fremden, wobei Mädchen (10 %) doppelt so häufig wie Jungen im Internet auf unangenehme Leute gestoßen sind. Unangenehme Kontaktaufnahmen erfolgten hauptsächlich über Facebook.

Welche Trends begünstigen Cybergrooming?

Bestimmte digitale Trends begünstigen solche Kontaktrisiken:

  • Bereitschaft bei Kindern und Jugendlichen zu Treffen mit Internet-Bekanntschaften ist groß, Eltern werden dabei selten ins Vertrauen gezogen.
  • Schutz durch Anonymität schwindet mit der Nutzung von Webchats und Lifestreaming, standortbezogenen Dienste wie Apps oder sozialen Netzwerken. Kinder und Jugendliche machen sich durch veröffentlichte Angaben und Fotos in sozialen Netzwerken leichter identifizierbar. Problematisch sind grundsätzlich Angebote, die keine altersgetrennten Bereich oder besondere Schutzfunktionen für Minderjährige anbieten.

Die Expertise „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“ des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs fasst die Forschung zur Bedeutung digitaler Medien in Bezug auf sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zusammen. Demnach würden Kinder und Jugendliche heute in den digitalen Medien früh mit Pornografie konfrontiert, manche von ihnen wahrscheinlich zu früh.
Die alltäglichste Form sexualisierter Grenzverletzungen im Internet sei die ungewollte Konfrontation mit sexualbezogenem Bildmaterial. Ungewollte sexualisierte „Anmachen“ und Annäherungen stellten die zweite relevante Form dar. Grooming-Verhalten habe sich durch die Verfügbarkeit digitaler Medien grundlegend gewandelt. Das Internet erleichtere den Zugang zu bzw. die Verbreitung des Materials, es diene Tätern zur Vernetzung und ermögliche ihnen zugleich den Zugang zu potentiellen Opfern für die Produktion. Hierbei spiele auch das Phänomen des Sexting, d.h. das Versenden selbst aufgenommener, sexueller Bilder oder Filme, eine Rolle. Der Bericht mahnt an, dass erwachsene Bezugspersonen stärker in Dialog zu digitalen Medien treten, der sich nicht in Verboten erschöpft.

Wie ist die Rechtslage?

In Deutschland ist Cybergrooming seit dem 1. April 2004 bei unter 14-jährigen Personen laut § 176 Absatz 4 StGB verboten: "(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft,wer [...]

3. auf ein Kind mittels Schriften (§ 11 Absatz 3) oder mittels Informations- und Kommunikationstechnologie einwirkt, um a) das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll, oder b) um eine Tat nach § 184b Absatz 1 Nummer 3 oder nach § 184b Absatz 3 zu begehen, oder

4. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts, durch zugänglich machen pornographischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden einwirkt.

Wie minimiere ich das Risiko?

Begleiten Eltern das Onlineverhalten ihres Kindes von Anfang an aufmerksam, ist das eine gute Basis für gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Denn so, wie sie in der realen Welt die Interessen, Erlebnisse, Freunde und Treffpunkte ihres Kindes kennen, sollte das auch für jene im Netz gelten. Denn Filter und Verbote allein können kein Kind schützen, sie steigern im Gegenteil oft den Reiz.

Sicherheitsregeln vereinbaren

Wichtig ist, dass Eltern Geräte sicher einrichten, auf altersgerechte Angebote achten und mit ihrem Kind Chatregeln festlegen. Dabei können sie Sicherheitseinstellungen aktivieren, ihr Kind über Kontaktrisiken und die Gefahren beim Veröffentlichen privater Daten aufklären, sich gesprächsbereit zeigen und vereinbaren, dass es sich bei Problemen an sie wendet, ohne Verbote fürchten zu müssen.

  • Persönliches schützen. Auf umfangreiche Profilangaben sollten Kinder verzichten, persönliche Daten auch nicht im direkten Kontakt an andere weitergeben und Standortdienste ausschalten. Viele Angaben können das Risiko von Belästigungen online und offline erhöhen. Auch keine privaten Daten anderer ohne deren Zustimmung veröffentlichen oder geschütztes Material weitergeben. Das kann Rechte anderer verletzen und teuer werden. Das Veröffentlichen privater Daten kann zudem andere auch in Gefahr bringen.
  • Fair bleiben und stark machen. Respektvoll in Communitys sein, niemanden belästigen oder anderen ungeeignete Inhalte zusenden. Damit kann man anderen schaden und sich sogar strafbar machen. Zudem ist es wichtig, sich für andere einzusetzen, wenn sie belästigt oder gemobbt werden. Statt sich aus Gruppenzwang zu beteiligen, besser online per Nachricht oder Emoji die Solidarität mitteilen und beleidigende Inhalte melden.
  • Misstrauisch bleiben. Man kann nie wissen, wer sich auch hinter harmlos wirkenden Profilen oder Nutzernamen verbirgt. Auch bei scheinbar bekannten Chatpartnern weiß man nie, ob es sich um diese Person handelt, noch jemand mitliest oder Informationen gespeichert und weitergegeben werden. Kein Treffen mit fremden Personen vereinbaren, zumindest nicht allein.
  • Webcam auslassen. Besondere Vorsicht im Umgang mit der Webcam z.B. über Skype oder Dienste wie YouNow: jeder, der die Übertragung sieht, kann diese speichern und verbreiten. Das Bundesfamilienministerium bietet Webcam-Sticker, um die Webcam anzukleben.
  • Unangenehme Dialoge sofort beenden sowie Störer melden und blockieren. Viele Dienste bieten die Möglichkeit dazu. 
  • Beweise sichern. Belästigungen umgehend per Screenshot dokumentieren und dem Betreiber, Beschwerdestellen wie jugendschutz.net, internet-beschwerdestelle.de, dem Zentrum für Kinderschutz im Netz (I-KiZ.de) oder bei schwereren Fällen auch der Polizei melden.

Kindgerechte Angebote aussuchen und einrichten

  • Kindgerechte Angebote aussuchen. Gerade für Kinder sind altersgerechte, übersichtliche und moderierte Kindercommunitys geeignet, da sie viele Themen und Funktionen bei Angeboten für Ältere noch nicht verstehen sowie dort leichter mit ungeeigneten Inhalten konfrontiert und belästigt werden können. 
  • Download und Anmeldung sind Elternsache! Dabei die AGB und die Datenschutzbestimmungen prüfen, sparsam mit persönlichen Daten sein und wenn möglich Pseudonyme verwenden. Im nächsten Schritt die Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre überprüfen und ggf. ändern.

Kind begleiten

Begleiten Eltern ihr Kind gerade anfangs, können sie mit ihm Funktionen und Einstellungen ausgiebig testen. Sie können ihm vermitteln, wie es sich beim Chatten verhält: An geltenden Regeln soll es sich selbst halten, kann dies aber auch von den anderen erwarten. Handelt es sich um ein Netzwerk, bei dem die Eltern auch angemeldet sind, kann es hilfreich sein, wenn das Kind zumindest anfangs auch mit ihnen befreundet ist. Dabei dient es dem gegenseitigen Vertrauen, wenn sie ihrem Kind nicht offensiv hinterherspionieren oder sich in Unterhaltungen einmischen.

Misstrauisch sein

Zudem können Eltern ihrem Kind raten, misstrauisch zu sein, wenn die Online-Bekanntschaft...

  • sehr viele Komplimente und anzügliche Kommentare macht,
  • Verständnis für "alles" hat und eine bemüht jugendliche Sprache nutzt,
  • erklärt, dass sie Modelagent ist und es berühmt machen kann,
  • fragt, wo sein Computer steht und ob es alleine davor sitzt,
  • persönliche Daten, aber auch Bilder oder gar Nacktfotos verlangt,
  • ein unglaubwürdiges Profil etwa mit Bildern bekannt aussehender Personen hat,
  • möchte, dass es seine Webcam einschaltet, und erklärt, dass seine eigene kaputt ist,
  • rät, niemandem von der Freundschaft zu erzählen,
  • von einer Plattform zu einem Messenger wechseln oder sich heimlich bei ihr zu Hause oder einem privaten Ort treffen will.

Quelle: Präsentation Fachtag "Sexuelle Bildung in Bewegung" pro familia Berlin 2014

Entschlossen handeln

Erfahren Eltern von Belästigungen sollten sie mit ihrem Kind behutsam über den Hergang und die nächsten Schritte sprechen, Beweise sichern und Verstöße dem Betreiber melden sowie sich in schweren Fällen an Beratungsstellen wenden und die Polizei kontaktieren, um Anzeige zu erstatten.