Cybergrooming - So schützen Sie Ihr Kind

Immer wieder werden Vorfälle bekannt, bei denen Kinder und Jugendliche online sexuell belästigt werden. Das größte Risiko gehen sie ein, wenn sie sich mit Fremden verabreden, die sie nur aus dem Internet kennen. Um das Risiko zu minimieren, ist es wichtig, dass Eltern mit ihrem Kind altersgerechte Online-Angebote auswählen, Sicherheitsregeln vereinbaren und sich dafür interessieren, mit wem es wo online in Kontakt steht.

© mariesacha / Fotolia
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Zuletzt aktualisiert am 06.03.2017

Was ist Cybergrooming?

Cybergrooming (englisch: anbahnen, vorbereiten) meint das gezielte Ansprechen Minderjähriger über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen. Dabei werden Kinder oft anonym, aber auch unter falschem Namen oder sogar richtiger Identität, belästigt und zum Übersenden von Nacktaufnahmen oder Treffen aufgefordert.

Wie häufig ist Cybergrooming?

Laut KIM-Studie 2016 erlebten drei Prozent der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren problematische Kontaktversuche von Fremden, zwei Prozent schon mehrmals. Mädchen waren zu vier Prozent einmal und zu einem Prozent mehrmals betroffen. Jungen machten zu zwei Prozent einmal schlechte Erfahrungen und zu 3 Prozent mehrmals. Ältere Kinder erlebten häufiger problematische Kontaktversuche als jüngere.  Auf Nachfrage, wo genau unangenehme Konfrontationen passiert seien, nennen 38 Prozent Facebook, 30 Prozent das Chatten allgemein und elf Prozent WhatsApp.

Wie vollzieht sich Cybergrooming?

Die Täter gehen meist strategisch vor, suchen gezielt Kontakt, versuchen Vertrauen aufzubauen und das Kind in Abhängigkeiten zu verstricken. Dies umfasst oft folgende Schritte:

  • Kontakt herstellen: Täter suchen meist gezielt Kontakt zu Kindern über beliebte Dienste wie Messenger, soziale Netzwerke, Videoportale oder Online-Spiele. Mitunter nutzen sie hierzu ein Fake-Profil und geben sich dabei als etwa gleichaltrigen Nutzer aus. In einigen Fällen täuschen sie Kindern auch vor, z.B. bei einer Modelagentur oder einer Zeitschrift zu arbeiten, die junge Talente castet.

  • Identität überprüfen: Täter versuchen oft das Alter und Geschlecht des Kindes zu verifizieren, indem sie etwa weitere Fotos, Links zu Profilen oder Webcam-Kontakt fordern.

  • Vertrauen aufbauen: Täter versuchen das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, seine Wahrnehmung zu manipulieren und es in Abhängigkeit zu verstricken. Die Strategien zum Aufbau von Vertrauen können hier ganz unterschiedlich sein, Täter knüpfen dabei aber meist an die Lebenswelt des Kindes an. Sie täuschen z.B. starkes Interesse und Verständnis für das Leben des Kindes und seine Probleme vor, was ihm vielleicht sonst im persönlichen Umfeld fehlt. Interesse zeigen Täter auch über längere Zeit je nach Dienst z.B. über Likes und Kommentare auf die vom Kind geposteten Inhalte in Sozialen Netzwerken, oder auch in Form von kleinen virtuellen Geschenken in Spielen. Manchmal versuchen Täter auch, das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen, indem sie sich etwa als Star oder Modelagent ausgeben und z.B. in Aussicht stellen, das Kind berühmt zu machen.

  • Übergriffe: Die Täter verlangen oft, die Kommunikation über private Nachrichten oder per Messenger wie WhatsApp und Skype fortzusetzen. In diesen von anderen nicht einsehbaren Bereichen fragen sie das Kind z.B. nach seinem Aussehen, Entwicklungsstand und Erfahrungen, übersenden pornografisches Material und fordern es auf, selbst erotisches oder pornografisches Bild- oder Videomaterial zuzusenden oder sich vor einer Webcam zu präsentieren. Mitunter gebrauchen sie dieses Material dann dazu, die Kinder zu erpressen und unter Druck zu setzen, indem sie damit drohen, es zu veröffentlichen, wenn sie sich jemandem anvertrauen oder nicht erneut pornografisches Material senden. Oft versuchen die Täter auch, reale Treffen anzubahnen, an Orten, die für das Kind interessant sein könnten, wie Schwimmbädern oder bei ihnen zu Hause, um einen Film anzuschauen. Die Betroffenen haben oft Hemmungen, sich Eltern oder anderen Vertrauenspersonen mitzuteilen, weil sie Sanktionen fürchten oder sich sogar selbst schuldig fühlen.
© Shestakoff / Fotolia
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Was kann Cybergrooming begünstigen?

Bestimmte digitale Verhaltensweisen begünstigen solche Kontaktrisiken:

  • Bereitschaft bei Kindern und Jugendlichen zu Treffen mit Internet-Bekanntschaften ist groß, Eltern werden dabei selten ins Vertrauen gezogen.

  • Schutz durch Anonymität schwindet mit der Nutzung von Diensten, bei denen man viele persönliche Daten wie den vollen Namen angibt (z.B. Soziale Netzwerke) und bei Diensten, bei denen man sich live vor der Kamera zeigt. Je mehr Informationen Kinder und Jugendliche von sich veröffentlichen, desto leichter machen sie sich auch im realen Leben identifizierbar. Problematisch sind grundsätzlich Angebote, die keine altersgetrennten Bereich oder besondere Schutzfunktionen für Minderjährige anbieten und nur wenige Sicherheitseinstellungen ermöglichen.

  • Standortbezogene Dienste werden z.B. in Sozialen Netzwerken dafür eingesetzt, Fotos mit ihrem Aufnahmeorte zu versehen. Bei mangelnden Einstellungen sind diese Informationen auch für fremde User einsehbar. In Messenger wie WhatsApp kann der Aufenthaltsort z.B. in Gruppen geteilt werden. So können Kinder und Jugendliche sich auch aus Versehen direkt auffindbar machen.

Die Expertise „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“ des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs fasst die Forschung zur Bedeutung digitaler Medien in Bezug auf sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zusammen. Demnach würden Kinder und Jugendliche heute in den digitalen Medien früh mit Pornografie konfrontiert, manche von ihnen wahrscheinlich zu früh. Die alltäglichste Form sexualisierter Grenzverletzungen im Internet sei die ungewollte Konfrontation mit sexualbezogenem Bildmaterial. Ungewollte sexualisierte „Anmachen“ und Annäherungen stellten die zweite relevante Form dar. Grooming-Verhalten habe sich durch die Verfügbarkeit digitaler Medien grundlegend gewandelt. Der Bericht mahnt an, dass erwachsene Bezugspersonen stärker in Dialog zu den Kindern über digitalen Medien treten müssen, der sich nicht in Verboten erschöpft.

Wie ist die Rechtslage?

In Deutschland ist Cybergrooming als besondere Begehungsform des sexuellen Missbrauchs von Kindern bei unter 14-jährigen Personen nach § 176 Absatz 4 StGB verboten:

„(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer [...]

3. auf ein Kind mittels Schriften (§ 11 Absatz 3) oder mittels Informations- und Kommunikationstechnologie einwirkt, um

a) das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll, oder

b) um eine Tat nach § 184b Absatz 1 Nummer 3 oder nach § 184b Absatz 3 zu begehen, oder

4. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts, durch Zugänglichmachen pornographischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden einwirkt.“

Die Vorschrift wurde eingeführt, um auch bereits vorbereitende Handlungen vor einer potentiellen Misshandlung eines Kindes oder der Anfertigung von kinderpornografischen Schriften und Bildern unter Strafe zu stellen.
Objektiv begeht Cybergrooming, wer auf ein Kind mittels Schriften oder mittels Informations- oder Kommunikationstechnologie einwirkt. Erfasst sind davon insbesondere Telefonate ebenso wie Chats, Emails, SMS, Messenger-Nachrichten und andere online Kommunikationsformen. Der jeweilige Kontakt muss dabei nicht sexuell geprägt sein. Bereits harmlose Gespräche werden von dem Tatbestand erfasst. Es genügt sogar, dass das Kind eine Nachricht lediglich zur Kenntnis genommen hat.
Strafbar ist dabei jedoch nur die Kontaktaufnahmen, die mit der Absicht erfolgt das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll. Zu tatsächlichen sexuellen Handlungen muss es nicht kommen - alleine die Absicht genügt.

Tipps für Eltern

Kind begleiten

Begleiten Eltern ihr Kind gerade anfangs, können sie mit ihm Funktionen und Einstellungen ausgiebig testen. Sie können ihm vermitteln, wie es sich beim Chatten verhält: An geltende Regeln soll es sich selbst halten, kann dies aber auch von den anderen erwarten. Handelt es sich um ein Netzwerk, bei dem die Eltern auch angemeldet sind, kann es hilfreich sein, wenn das Kind zumindest anfangs auch mit ihnen befreundet ist. Dabei dient es dem gegenseitigen Vertrauen, wenn sie ihrem Kind nicht offensiv hinterherspionieren oder sich in Unterhaltungen einmischen.

Sicherheitsregeln vereinbaren

Wichtig ist, dass Eltern Geräte sicher einrichten, auf altersgerechte Angebote achten und mit ihrem Kind Regeln für die Online-Kommunikation über Chats, Online-Games bis hin zu Videoplattformen festlegen. Gemeinsam mit ihrem Kind können sie Sicherheitseinstellungen bei den genutzten Diensten aktivieren. Eltern können ihr Kind über Kontaktrisiken und die Gefahren beim Veröffentlichen privater Daten und Bilder aufklären, sich gesprächsbereit zeigen und vereinbaren, dass es sich bei Problemen an sie wendet, ohne Verbote fürchten zu müssen.

  • Persönliches schützen. Auf umfangreiche Profilangaben sollten Kinder verzichten, persönliche Daten auch nicht im direkten Kontakt an andere weitergeben und Standortdienste ausschalten. Viele Angaben können das Risiko von Belästigungen online und offline erhöhen. Kinder sollten natürlich auch keine privaten Daten anderer ohne deren Zustimmung veröffentlichen. Das kann andere auch in Gefahr bringen und gegebenenfalls ihre Rechte verletzen.
  • Misstrauisch bleiben. Man kann nie wissen, wer sich auch hinter harmlos wirkenden Profilen oder Nutzernamen verbirgt. Auch bei scheinbar bekannten Chatpartnern weiß man nie, ob es sich um diese Person handelt, noch jemand mitliest oder Informationen gespeichert und weitergegeben werden. Kein Treffen mit fremden Personen vereinbaren, zumindest nicht ohne Begleitung Erwachsener.
  • Webcam auslassen. Besondere Vorsicht im Umgang mit der Webcam z.B. über Skype oder Dienste wie YouNow: jeder, der die Übertragung sieht, kann diese speichern und verbreiten. Zudem macht man sich in der Realität leicht identifizierbar. Das Bundesfamilienministerium bietet Webcam-Sticker an, um die Webcam abzukleben.
  • Unangenehme Dialoge sofort beenden sowie Störer melden und blockieren. Wird eine Unterhaltung unangenehm, sollte man sie sofort beenden. Blockiert man die Person, kann man verhindern, dass diese einen immer wieder anspricht. Belästiger zu melden kann nicht nur einen selbst, sondern auch andere schützen.
  • Beweise sichern. Belästigungen umgehend per Screenshot dokumentieren und dem Betreiber, Beschwerde¬stellen wie jugendschutz.net, internet-beschwerdestelle.de, dem Zentrum für Kinderschutz im Netz (I-KiZ.de) oder bei schwereren Fällen auch der Polizei melden.
  • Fair bleiben und stark machen. Respektvoll in Communitys sein, niemanden belästigen oder anderen ungeeignete Inhalte zusenden. Damit kann man anderen schaden und sich sogar strafbar machen. Zudem ist es wichtig, sich für andere einzusetzen, wenn sie belästigt werden, z.B. indem man per privater Nachricht Bedenken mitteilt oder gefährdende Inhalte dem Betreiber des Dienstes meldet.

Altersgerechte Angebote aussuchen und einrichten

  • Die Aktivitäten des Kindes im Internet aufmerksam verfolgen und gemeinsam mit dem Kind Angebote aussuchen, die seinem Alter und seinen Interessen entsprechen. Gerade für Kinder sind altersgerechte, übersichtliche und moderierte Kindercommunitys geeignet, da sie viele Themen und Funktionen bei Angeboten für Ältere noch nicht verstehen sowie dort leichter mit ungeeigneten Inhalten konfrontiert und belästigt werden können.
  • Download und Anmeldung sind Elternsache! Dabei die AGB und die Datenschutzbestimmungen prüfen, sparsam mit persönlichen Daten sein und wenn möglich Pseudonyme verwenden. Im nächsten Schritt die Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre überprüfen und ggf. ändern.

Anhaltspunkte besprechen

Zudem können Eltern ihrem Kind raten, misstrauisch zu sein, wenn die Online-Bekanntschaft…•    sehr viele Komplimente und anzügliche Kommentare macht,

  • Verständnis für „alles“ hat und eine bemüht jugendliche Sprache nutzt,
  • erklärt, dass sie Modelagent ist und es berühmt machen kann,
  • fragt, wo sein Computer steht und ob es alleine davor sitzt,
  • persönliche Daten, aber auch Bilder oder gar Nacktfotos verlangt,
  • ein unglaubwürdiges Profil etwa mit Bildern bekannt aussehender Personen hat,
  • möchte, dass es seine Webcam einschaltet, und erklärt, dass seine eigene kaputt ist,
  • rät, niemandem von der Freundschaft zu erzählen,
  • von einer Plattform zu einem Messenger wechseln oder sich heimlich bei ihr zu Hause oder einem privaten Ort treffen will.

Entschlossen handeln

Erfahren Eltern von Belästigungen sollten sie mit ihrem Kind behutsam über den Hergang und die nächsten Schritte sprechen, Beweise sichern und Verstöße dem Betreiber melden sowie sich in schweren Fällen an Beratungsstellen wenden und die Polizei kontaktieren, um Anzeige zu erstatten.