Wann sind Kleinkinder groß genug für die Medienwelt?

Kinder kommen immer früher mit digitalen Medien in Berührung. Eltern fragen sich oft, ab welchem Alter Medienkonsum sinnvoll ist und welche Medieninhalte oder –geräte sich eignen. Wir empfehlen, Kinder gerade anfangs zu begleiten, Mediengeräte zu sichern und Angebote gut auszuwählen.

© DURIS Guillaume / Fotolia
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Zuletzt aktualisiert am 25.04.2016

Kinder kommen immer früher mit digitalen Medien in Berührung. Da Eltern und Geschwister diese Medien oftmals regelmäßig nutzen, wird dadurch auch ihr Interesse geweckt. Zwar ist das Fernsehen nach wie vor Leitmedium bei Kleinkindern, die einfach zu bedienenden Smartphones und Tablets spielen aber auch eine immer größere Rolle. Eltern und Erziehende sind oft verunsichert, ab wie viel Jahren Medienkonsum sinnvoll ist und welche Medieninhalte oder –geräte geeignet sind.

Kinder gut begleiten

Gerade Kleinkinder brauchen ganzheitliche Erfahrungen wie gemeinsame Spiele in der Familie, Entdeckungen in der Natur und Sport. Konfrontieren Eltern ihre Kinder zu früh mit elektronischen Medien, besteht die Gefahr, dass diese Erfahrungen zu kurz kommen und solche in der medialen Welt Kinder überfordern.

  • Für Kinder unter drei Jahren ist es wichtiger, erst einmal die reale Welt mit allen Sinnen zu erfahren, bevor sie elektronische Medien entdecken. Kinder unter drei Jahren sind z.B. mit der Bedienung von Tablet-PCs häufig noch überfordert.
  • Ab drei Jahren ist die Mediennutzung in steter Begleitung der Eltern und in überschaubarem Maß möglich, wenn das Kind auch Interesse daran zeigt. Dabei sind Tablets leichter und intuitiver selbst zu bedienen als Laptops oder Computer. Diese sind erst ab dem Vorschulalter geeignet.

SCHAU HIN!-Tipps im Überblick

Gerade bei den allerersten Schritten in der Medienwelt sind die aktive und aufmerksame Begleitung der Eltern gefragt, geeignete Inhalte und ein überschaubares Maß gefragt.

  • Kinder immer begleiten: Wichtig ist, dass Eltern ihr Kind bei den ersten Erfahrungen im Umgang mit Medien stets begleiten und mit ihm über das Erlebte sprechen, denn Kinder im Kindergartenalter lernen erst noch Symbolsysteme zu entschlüsseln und zu verstehen. Nur so erfahren Eltern, welche Inhalte das Kind überfordern, denn Kleinkindern fällt es noch sehr schwer, zwischen Realität und Vorstellung zu trennen.
  • Geräte gut sichern: Sicherheitseinstellungen an Mediengeräten (z.B. Passwortschutz für hinterlegte Zahlungsinformationen) vornehmen und Jugendschutzprogramme installieren. Die Internetverbindung deaktivieren, wenn diese nicht gebraucht wird.
  • Altersangaben beachten: Eine erste Orientierung bieten die Altersfreigaben für Filme, Games und Apps, etwa auf den Verpackungen von DVDs und Videospielen oder in den App-Stores. Für Kleinkinder kommen dabei höchsten Medien „ab 0 Jahren“ in Betracht. Da die Altersfreigabe jedoch nichts da rüber aussagt, ob das Angebot tatsächlich für das eigene Kind geeignet ist, sondern nur Entwicklungsbeeinträchtigungen ausschließt, sollten Eltern sich auch bei Empfehlungsportalen informieren, die Angebote auch selbst testen und erst danach gemeinsam mit dem Kind nutzen. Eltern sollten sich darüber im Klaren sein, dass viele qualitativ hochwertige Kinder-Apps nicht kostenlos zu haben sind.

  • Berechtigungen prüfen: Vor der Installation einer App immer genau die Berechtigungen prüfen, die diese App verlangt. Sind es zu viele bzw. sind diese nicht plausibel (z.B. Zugriff auf Kalender in Spiele-App), dann besser nicht installieren.
  • Inhalte genau prüfen: Gute Angebote sind optisch ansprechend gestaltet, knüpfen direkt an die Lebenswelt der Kinder an und ermöglichen es, eigene Erlebnisse darauf zu beziehen, etwa eine Tier-App mit dem Besuch des Streichelzoos. Gute Apps und Webseiten für Kleinkinder enthalten wenig Text, machen Spaß, vermitteln spielerisch Wissen, sind werbefrei, enthalten keine ungeeigneten Verlinkungen, z.B. zu Social Media, anderen Erwachsenenseiten oder Shops und sind aktuell (gilt nur für Webseiten). Sie sind intuitiv zu bedienen und selbsterklärend.
    Um einer Handlung folgen zu können, brauchen Kleinkinder ein langsames Tempo und einfache Geschichten mit gradliniger Handlung. Weil sie sich nur kurze Zeit konzentrieren können, muss der zeitliche Umfang von einzelnen Hörstücken, Filmen oder Spielen auf das Alter abgestimmt sein - je kürzer, desto besser. Geschichten sollten nicht ängstigend sein und immer ein gutes Ende haben. Empfehlungsportale helfen bei der Auswahl.

  • Kleinkinder lieben Wiederholungen: Auch einfache altersgemäße Geschichten verstehen Kleinkinder oft nicht komplett und auf Anhieb. Unter anderem deshalb gefällt es ihnen sehr, sich mehrfach mit demselben Spiel oder derselben Geschichte zu beschäftigen.
  • Zeiten begrenzen: Gerade Kleinkinder brauchen enge Zeitfenster, da Medien sie auf Dauer überreizen. Bei Kindern bis fünf Jahren sind maximal eine halbe Stunde Mediennutzung genug und das auch nicht täglich. Weil Kinder in diesem Alter noch keine ausgeprägte Zeitvorstellung haben, ist es sinnvoll die Zeit an konkreten Ereignissen festzumachen (z.B. „Wir können jetzt diese eine Sendung anschauen.“ Oder „Wir können damit spielen bis es Abendessen gibt.“) Achten Sie auf Anzeichen nachlassender Konzentration: Wirkt das Kind sehr angestrengt oder abgelenkt, ist dies ein Signal, den Umgang mit dem Medium zu beenden.
  • Download nur durch Eltern: Das Herunterladen von Apps ist immer Aufgabe der Eltern.

  • Vorsicht bei In-App-Käufen: Vor der Installation auf diesen Hinweis achten und gegebenenfalls nicht installieren. In den App-Stores von Google und Apple muss mittlerweile angegeben werden, ob In-App-Käufe möglich sind. Diese können vollständig deaktiviert (iOS) oder zumindest mit einem Passwort geschützt (Android) werden.

  • Vorbild sein: Kinder orientieren sich stark an ihren Eltern, auch bei der Mediennutzung. Deshalb ist ein bewusster Umgang auch für sie zu empfehlen, um ihrem Kind als Vorbild zu dienen. Oft ist einem nicht bewusst, wie oft man z.B. das Smartphone oder den Fernseher nutzt.

  • Abwechslung bieten: Die digitale Welt kann das Spielen im Garten und auf dem Spielplatz, Treffen mit Freunden oder das gemeinsame (Vor-)Lesen nicht ersetzen. Doch falls Eltern mal keine Zeit zum Vorlesen haben, gibt es Clips zu Kinderbüchern von LivingKidsBooks.

Mediennutzung von Kleinkindern in Zahlen

Verfügbarkeit: Laut miniKIM-Studie 2014 verfügen fast alle Haushalte, in denen Zwei- bis Fünfjährige leben, (mindestens) über einen Fernseher, ein Handy bzw. Smartphone, einen Computer bzw. Laptop, gut neun von zehn Haushalten verfügen über einen Internetzugang oder ein Radio, in gut vier Fünftel der Haushalte gibt es einen CD-Player oder DVD-Player und zwei von fünf Familien besitzen eine Spielkonsole, ein Fünftel einen Tablet-PC. Die Kinder selbst besitzen selten eigene Mediengeräte, am häufigsten finden sich Kassettenrekorder oder CD-Player, knapp ein Viertel der Kinder zwischen zwei und fünf Jahren verfügt über ein solches Gerät.

Bücher: Der Alltag der Zwei- bis Fünfjährigen wird vom Spielen bestimmt. Sie beschäftigen sich oft mit Büchern (anschauen/vorlesen: 87%), im Schnitt 26 Minuten am Tag. Dabei ist das Buch das Medium, das bei der gemeinsamen Nutzung mit den Eltern die größte Rolle spielt. Die Lieblingsbücher der Kinder beinhalten hauptsächlich Tier- oder Bauernhofgeschichten.

TV: Fernsehen ist mit 79% ähnlich beliebt. Nach Angaben der Haupterzieher sehen die Kinder durchschnittlich 43 Minuten pro Tag fern (2-3 Jahre: 34 Min., 4-5 Jahre: 52 Min.), ihre ersten Fernseherfahrungen haben sie im Schnitt mit 2 Jahren gemacht. Der „KiKA“ ist der beliebteste Fernsehsender der Kinder. Bei den liebsten TV-Sendungen ist „Unser Sandmännchen“ bei den Zwei-bis Dreijährigen auf dem ersten Platz. Die älteren Kinder favorisieren eine größere Bandbreite an verschiedenen Sendungen.

Digitale Medien: Laut der Erhebung „Kinder am Tablet - Beobachtungen zur Medienaneignung zwei‐ bis sechsjähriger Kinder“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) (2016) haben 11 Prozent der Einjährigen, 26 Prozent der Zweijährigen, 31 Prozent der Dreijährigen und 37 Prozent der 4-Jährigen Erfahrung mit Apps. Laut einer weiteren Befragung des DJI (2015) von Müttern und Vätern mit 1- bis 15-jährigen Kindern Die Internetnutzung bei Kleinkindern von 2 Prozent (Einjährige), über 9 (Zweijährige), 11 (Dreijährige), 16 (Vierjährige) auf ein knappes Viertel (24 Prozent) bei den Fünfjährigen. Als Hauptproblem im Internet sehen Eltern von Klein- und Vorschulkindern Werbung mit 22 Prozent.

Laut der Erhebung „Mobile Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen“ des Hans-Bredow-Instituts (2015) auf Basis von Interviews mit Kindern im Vorschulalter (2 bis 6 Jahre) nutzen Kinder bereits ab einem Alter von 2 Jahren die Tablets (häufiger/auch alleine) und/oder Smartphones (selten/zumeist in Begleitung) ihrer Eltern. Die Art der Nutzung hängt dabei oft von den Vorerfahrungen und der Begleitung durch die Eltern ab. Nach Aussagen der Eltern nutzen die Kinder eher das Tablet als das Smartphone der Eltern, u. a. auch wegen der leichteren Handhabbarkeit durch den größeren Bildschirm. Viele Kinder haben aber schon vor der Anschaffung des Tablets Erfahrungen mit dem Smartphone gesammelt. In den Kitas werden diese Geräte nicht eingesetzt. Während  fast  alle Vorschulkinder vor  der  Nutzung  mobiler  Geräte  ihre  Eltern  um  Erlaubnis  bzw. Freischaltung fragen  müssen,  variieren die  erlaubte  Nutzungshäufigkeit und –dauer stark –von einer halben Stunde pro Woche bis zu einer Stunde täglich. Die Kinder nutzen vor allem die Foto- und Videofunktion der Geräte sowie eher einfache Spieleapplikationen wie Puzzles und Zuordnungsspielen, bis hin zu komplexeren Spielen bei älteren Vorschulkindern. Wie Vorschulkinder mobile Geräte nutzen, hängt weniger von ihrem Alter, sondern viel mehr von ihren Vorerfahrungen und der Begleitung durch ihre Eltern ab.

Knapp neun von zehn Haupterziehern meinen laut miniKIM 2014, das Internet sei für Kinder gefährlich. Drei Viertel meinen, Kinder sollten nur mit Filterprogramm online gehen. Nur 13 Prozent der Eltern würden ihrem Kind erlauben, das Internet ohne Aufsicht zu nutzen.

Kompetenz: Beim Thema Kompetenzvermittlung sehen die Eltern laut miniKIM 2014 sich selbst und später die Schule in der Pflicht. Das Thema „Kinder und Medien“ liegt unter 24 vorgegebenen Themenfeldern auf einem mittleren Rang der Interessensgebiete der Haupterzieher. Ihren persönlichen Wissensstand bewerten knapp drei Viertel der Haupterzieher als sehr gut oder gut. Trotz subjektiv hohem Kenntnisstand würden zehn Prozent der Eltern sehr gerne und 55 Prozent gerne weitere Informationen zu diesem Thema erhalten. Bei der Information ist für zwei Drittel der Austausch mit anderen Eltern wichtig, die Erzieher im Kindergarten oder in der Krippe sind für 43 Prozent relevante Ansprechpartner.

Laut DJI (2015) wünschen sich Eltern von Klein- und Vorschulkindern in Bezug auf das Internet mehrheitlich Informationen über Risiken, Kinderschutzeinstellungen, Schutzsoftware, kindgerechte Internetseiten und Apps sowie über die altersgerechte Internetnutzung. Die Verantwortung für den Jugendmedienschutz sehen sie vor allem bei sich (81%) und bei den Anbietern (48%).

Nutzung der Eltern: Laut miniKIM 2014 nutzen praktisch alle Haupterzieher das Internet zumindest selten zuhause oder am Arbeitsplatz. Drei von fünf Internetnutzern sind bei einer Community wie Facebook angemeldet. Auf dem eigenen Profil in der Community haben dann 41 Prozent Informationen über ihr Kind eingestellt – meist Fotos des Kindes, aber auch Informationen über Erlebnisse sowie Videos, in denen das Kind zu sehen ist. Eingestellte Informationen über das Kind sind bei 83 Prozent nur für die Kontaktliste und nicht für alle Community-Nutzer sichtbar.

Studien und Literatur

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: miniKIM 2014

BMFSFJ-Broschüre "Ein Netz für Kinder. Surfen ohne Risiko?", 2013

Aufenanger, Stefan: Digitale Medien im Leben von Kindern zwischen null und fünf Jahren. In: merz Frühe Medienerziehung digital 2013/02.

Theunert, Helga / Demmler, Kathrin: "(Interaktive) Medien im Leben Null- bis Sechsjähriger – Realitäten und Handlungsnotwendigkeiten". In: Herzig, Bardo/Grafe, Silke: Digitale Medien in der Schule. Standortbestimmung und Handlungsempfehlungen für die Zukunft. Studie zur Nutzung digitaler Medien in allgemeinbildendenden Schulen in Deutschland

Stiftung Medienpädagogik Bayern: Vorschulkinder und ihre Medien, 2013

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen: „MIT MEDIEN LEBEN LERNEN - Tipps für Eltern von Kindergartenkindern“ (deutsch, türkisch, russisch), Autorinnen Renate Röllecke, Anja Pielsticker, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK)