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Medialer Körperkult

© Photographee.eu / Fotolia
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Zuletzt aktualisiert am 8. August 2017

Heranwachsende sind in ihrem Körperbild, insbesondere in der (vor-)pubertären Zeit, noch nicht gefestigt. Daher sind sie auf der Suche nach Vorbildern und Orientierungshilfen und greifen hier stark auf die Medienwelt zurück. Sie eifern medialen Figuren der Unterhaltungsindustrie ebenso nach wie Gleichaltrigen. Dies beeinflusst die Art und Weise ihrer körperlichen Selbstinszenierung auf sozialen Netzwerken, z.B. mit Posts, Fotos und Videos.
Modelshows im Fernsehen, Körpertrends auf Instagram und Schmink-Tutorials auf Videoportalen unterstützen eine dauerhafte Konzentration auf äußerliche Merkmale.

Was ist meidealer Körperkult: Vorbilder und Nachahmer

Stereotype Beispiele in sozialen sowie Massenmedien dienen vielen Heranwachsenden als Kompass für ihr Körperbild: Mädchen streben dünne Körperideale an, während Jungen sich in dominanten Posen und Muskelspielen üben. Medienbilder von Stars und Altersgenossen wirken für Kinder als Norm dessen, was sozial akzeptiert und nachahmenswert erscheint. Vergleiche und Nachahmungsversuche wirken hier häufig wenig aufbauend, denn die aufwendig inszenierten Ideale sind oft kaum zu erreichen: Studien verweisen auf einen Zusammenhang zwischen persönlicher Unzufriedenheit mit dem Körper und hohem Medienkonsum.


Das Phänomen der körperlichen Selbstdarstellung und Inszenierung  ist kulturell stark verankert und keine Erscheinung des digitalen Medienzeitalters. Auch gehört zu Kindheit sowie Jugend die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild, mit Fragen der körperlichen Attraktivität und der Suche nach diesbezüglicher Rückmeldung aus dem sozialen Umfeld. Soziale Medien erleichtern jedoch die Inszenierung des eigenen Körper(bilde)s vor unterschiedlichen Öffentlichkeiten. Auf Netzwerken wie Instagram posten User Fotos zu verschiedenen Körpertrends: Unter dem Hashtag #thighgap wetteifern Mädchen um die dünnsten Oberschenkel und die möglichst größte Oberschenkellücke, beim #belfie wird das Hinterteil besonders in Szene gesetzt und mit #gymselfies posiert man sportlich bis spärlich bekleidet vor dem Spiegel im Fitnessstudio. Der stark persönliche Charakter von neuen Medien unterstützt das Abgleichen von Selbst- und Fremdbild noch stärker als sonst und vermittelt, dass jede und jeder Einzelne diesen Vorstellungen durch ausreichend Eigeninitiative entsprechen kann. Ständiger Zugriff auf die Netzwerke bewirkt, dass der Druck zur perfekten Selbstdarstellung dauerhaft anhält.

Schönheitswahn: Verzerrte Körperbilder

Eine selektive Bildauswahl und der Einsatz von Bildbearbeitungsprogrammen schaffen eine verzerrte Konstruktion von Körperidealen. Das Selfie eines Popstars ist meist kein Schnappschuss, sondern professionell inszeniert. Kultivierungsprozesse der Medien tun hier ihr Übriges: Es besteht das Risiko, dass Kinder und Jugendliche die verzerrte Medienrealität als Wirklichkeit ansehen.

Bereits einige Kindermedien vermitteln falsche Körpervorstellungen: Eine Studie fand heraus, dass drei von vier Mädchenfiguren in Zeichentricksendungen einem Körper entsprachen, der proportional gesehen nicht dem eines Menschen entspricht. So ist das Verhältnis von Taille, Oberkörper und Beinen noch unrealistischer als bei einer Barbie-Puppe. Shows wie Germany’s Next Topmodel können als Antrieb, Bestätigung und Rechtfertigung für ungesunde Körpervorstellungen wirken. Solche Formate stellen körperliche Ausnahmeerscheinungen als Norm dar und vermitteln, dass entsprechendes Aussehen mit Glück und Erfolg gleichzusetzen ist. Auch die vermeintlich aufklärerische Show „Curvy Supermodel“ verzerrt die Körper-Wahrnehmung: Zwar sind die Teilnehmerinnen der Sendung kurvig, müssen sich aber dennoch der Bewertung der Jury unterziehen, die die Frauen auf ihr Äußeres reduziert. Ziel ist es auch hier möglichst sexy zu sein. Curvy Supermodel beurteilt, ebenso wie Germany’s Next Topmodel, Frauen und Mädchenkörper, nur in einer größeren Kleidergröße. So verpasst es die Show einen Beitrag zu Akzeptanz und Selbstbewusstsein im deutschen Fernsehen zu schaffen.

Unrealistische Körperinszenierungen und ungesunde Körperideale bergen das Risiko, dass Kinder und Jugendliche ihren eigenen Körper als mangelhaft empfinden. Eine geringe Zufriedenheit mit dem eigenen Körper hat nicht nur negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, sondern kann krankhaftes Ess-Verhalten auslösen oder verstärken.

Kinderhelden im Magerwahn

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Gegenbewegung: Body Positivity

Unter dem Begriff „Body Positivity“, zu Deutsch also „positives Körpergefühl“, beginnt sich nun eine Gegenbewegung in den Medien zu entwickeln. Auf Instagram zeigen sich ganz normale User, aber auch Instagram-Berühmtheiten, natürlich, ungeschminkt und ohne Bearbeitung auf ihren Bildern. Es wird versucht, ein neues Verhältnis zum eigenen Körper darzustellen, das sich gegen Vergleiche und Perfektionismus positioniert. Hashtags wie  #nomakeup, #teambodylove oder #fürmehrrealitätaufinstagram zeigen Fotos, die mit genau dieser Intention ins Netz gestellt wurden. Solche Bilder können Kindern und Jugendlichen helfen, ein realistisches Körperbild zu entwickeln und ihren eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er ist.

Essstörungen: Problematische Communities

Besonders gesundheitsgefährdend sind Internetangebote (Profile, Blogs und Foren), die Essstörungen als erstrebenswerten Lifestyle verherrlichen. Mit verharmlosenden Abkürzungen wie „Pro-Ana“ (= Anorexia nervosa, Magersucht) und „Pro-Mia“ (= Bulimia nervosa, Ess-Brech-Sucht) glorifizieren sie ein krankhaftes Schlankheitsideal mit Parolen wie „Dünn sein ist wichtiger als gesund sein!". Auf Pro-Ana/Pro-Mia Angeboten tauschen sich vorwiegend Essgestörte/essgestörte Jugendliche aus und bestärken sich u.a. mit gesundheitsgefährlichen Abnehm-Techniken, Hunger-Wettbewerben und der Suche nach Abnehmpartnern bzw. -Gruppen (oftmals via WhatsApp) in ihrem krankhaften Essverhalten. Während die Angebote ein hohes Maß an Gemeinschaftsgefühl suggerieren und ein essgestörtes Verhalten bestätigen sowie verstärken, potenziert sich eine verzerrte Körperwahrnehmung umso leichter.

Tipps für Eltern

Selbstinszenierung und das Interesse an Körpertrends gehören zur Lebenswelt von Heranwachsenden dazu. Falsche und verzerrte Körperideale können jedoch zu überzogenen Selbstzweifel am eigenen Körperbild führen. Die körperbetonte Selbstinszenierung von Prominenten und Gleichaltriegen kann zudem Druck ausüben, sich selbst auch stärker körperlich zu exponieren. SCHAU HIN! empfiehlt, aktiv mit Kindern über ein gesundes Körperbewusstsein zu sprechen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und Stereotype gemeinsam zu hinterfragen.

  • Körperkult besprechen: Bei älteren wie jüngeren Kindern sollten Sie beim gemeinsamen Medienkonsum Schönheitsideale regelmäßig reflektieren. Die Diskussion darüber, wie zum Beispiel Männer und Frauen stereotypisch konstruiert werden, hilft die Inszenierung besser zu verstehen.

  • Selbstvertrauen stärken: Machen Sie deutlich, dass Ihre Kinder nicht jedem Trend nacheifern müssen, um soziale Anerkennung zu erlangen. Diskutieren Sie mit Ihrem Kind, was die besten Freunde wirklich an einem schätzen und man selbst gut an sich findet.

  • Negative Bemerkungen vermeiden: Beim Übergang in die Pubertät, doch auch bereits im Kindesalter, können Kinder Anmerkungen  zu ihrer körperlichen Erscheinung schwerer wegstecken als Erwachsene. Achten Sie darauf, wie Sie mit Ihrem Kind über Äußerlichkeiten reden: zu viele negative Bemerkungen sind unangebracht und eine Gefahr für ein gesundes Selbstbild.

  • Vorbilder reflektieren: Thematisieren Sie den Inszenierungsgrad der Vorbilder Ihres Kindes. Meistens wissen junge Mediennutzer Bescheid über Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung, sind sich der Tragweite dieser in den sozialen Netzwerken jedoch nicht bewusst. Doch nicht nur im Internet, auch in der eigenen Familie sind Vorbilder zu finden: Sind Sie als Eltern selbst unzufrieden mit ihrem Körperbild kann sich das auch auf die Kinder auswirken.

  • Stereotype hinterfragen: Alternative Rollenbilder helfen zu verstehen, wie einseitig Attribute von Geschlecht, Ethnizität etc. transportiert werden. Suchen Sie nach Gegengewichten zu den gängigen Stereotypen der Modelshows und weiterer Formate. Gerade Mädchen und jungen Frauen wird suggeriert, dass Schönheit eine der wichtigsten Eigenschaften seien – Reflektieren Sie gemeinsam mit Ihren Kindern (wichtig für Jungen und Mädchen), dass vor allem innere Werte bei zwischenmenschlichen Beziehungen zählen.

  • Risiken erkennen: Achten Sie darauf, wie sich Ihr Kind online präsentiert und weisen Sie auf mögliche Folgen hin, beispielsweise von unkontrollierbaren Verbreitungswegen. In allen Fällen von einfachen Konflikten bis hin zu schwerwiegenden Fällen wie Cybermobbing oder Cybergrooming sollte sich Ihr Kind an Sie als Vertrauensperson wenden können.

Rat suchen bei Essstörungen

Weitere Beratung und Aufklärung bieten seriöse Portale wie www.hungrig-online.de. Hier können sich Betroffene und Angehörige anonym über Essstörungen austauschen und nach Hilfe suchen; etwa  in moderierten Mailinglisten, einem Chat und einem Diskussionsforum. Weitere Angebote sind www.anad.de, eine Beratungsstelle, die auch ambulante Gesprächsgruppen bietet und antherapeutische Einrichtungen vermittelt, www.magersucht.de, www.EssFrust.de oder dieBundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter www.bzga-essstoerungen.de.

Weitere Informationen zum Thema bieten jugendschutz.net sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Ratgeber "Gegen Verherrlichung von Essstörungen im Internet".

Weitere Informationen finden Sie im Interview mit der Expertin Katja Rauchfuß.

Vom Selfie bis zum Fatkini - Körperkult im Internet

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Weitere Links

Bereich „Medienethik“ oder zu Essstörungen bei www.klicksafe.de
Bereich „Pro Ana/Pro Mia“ bei www.bzga-essstoerungen.de

Ratgeber

Baustein 3: Mediale Frauen- und Männerbilder (2015). In klicksafe (Hrsg.): „Ethik macht klick“. Werte-Navi fürs digitale Leben Arbeitsmaterialien für Schule und Jugendarbeit. Ludwigshafen: klicksafe

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2011). Gegen Verherrlichung von Essstörungen im Internet. Ein Ratgeber für Eltern, Fachkräfte und Provider.

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