Scripted Reality - Alles echt, oder?

Serien wie „Berlin – Tag und Nacht“ boomen. Besonders beliebt sind diese Formate bei älteren Kindern und Jugendlichen. Experten warnen, dass diese Art der Inszenierung für Kinder kaum zu durchschauen ist und aufgrund fragwürdiger Rollenbilder und Klischees desorientierend wirken kann. SCHAU HIN! rät Eltern deshalb, auf Scripted Reality-Serien für ihren Nachwuchs zu verzichten.

Gruppenbild Berlin Tag & Nacht

Fernsehformate, die eine inszenierte Wirklichkeit abbilden, sollen dem Zuschauer das Gefühl geben, „live“ an einem realen Geschehen teilzuhaben. Gerade Jüngeren ist aber nicht bewusst, dass es sich um inszenierte Szenen auf Grundlage eines Drehbuchs handelt und die vermeintlich authentischen Figuren Laienschauspieler sind. Prinzip ist, Auseinandersetzungen immer wieder auf die Spitze zu treiben, Emotionen wie Neid und Missgunst bestimmen den Alltag der Serienfiguren. So werden fragwürdige Vorbilder und Klischees von Sexualität, Partnerschaft und dem Lösen von Konflikten vermittelt. Hinzu kommt, dass die Darsteller in sozialen Netzwerken auf eigenen Profilen ihre Rolle weiterspielen und die täglichen Vorkommnisse dort kommentieren – dies erhöht ihre Glaubwürdigkeit bei den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern.

Format

Scripted Reality (engl. „script“ = Drehbuch und „reality“ = Wirklichkeit) beschreibt die Inszenierung fiktiver Alltagsgeschichten mit Laienschauspielern – meist aus dem unteren sozialen Milieu - in einem dokumentarischen Stil. Serien wie „Berlin – Tag und Nacht“ oder „Köln 50667“ (beide RTL II) aber auch „Mein dunkles Geheimnis“ (Sat.1) und „Familien im Brennpunkt“ (RTL) vermitteln das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein. Das Prinzip der Formate ist, Konflikte auf die Spitze zu treiben und durch große Emotionen der Figuren solche auch bei den Zuschauern zu wecken. Inszenierungstricks wie der Einsatz einer Handkamera oder scheinbar spontan in die Kamera gesprochene Kommentare gaukeln Authentizität vor. Hinzu kommt, dass die Darsteller in sozialen Netzwerken auf eigenen Profilen ihre Rolle weiterspielen und die täglichen Vorkommnisse kommentieren. Aktuell werden im deutschen TV über 70 Reality-Formate ausgestrahlt, von denen 16 dem Genre Scripted Reality (SR) zuzuordnen sind.

Faszination

Die Serien sind speziell auf das junge Publikum ausgerichtet. Sie sprechen einerseits Themen an, die für Jugendliche besonders relevant sind (Freundschaften, partnerschaftliche Beziehungen), andererseits greifen sie den Geschmack der Zielgruppe in ihrer Machart auf (Unterlegung mit aktueller Musik, junge Darsteller), und sie werden zu einer Uhrzeit gesendet, zu der das junge Publikum verfügbar ist (Vorabend). In Soaps wird also genau das inszeniert, was junge Rezipientinnen interessiert: Probleme und Konflikte werden thematisiert, besprochen und variiert. Noch dazu werden die SR-Formate als besonders authentisch erlebt und können deshalb vielleicht noch besser zur Bedürfnisbefriedigung beitragen als die eher steril-artifiziellen Daily-Soaps.

Nutzung

Laut einer Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen auf Basis einer Befragung von 10- bis 20-Jährigen zeigt, dass die Kinder und Jugendlichen, die häufig und regelmäßig SR schauen, auch ansonsten zu den Vielsehern des Fernsehens gehören. Die Studie erklärt dies damit, dass solche Nutzer relativ wahllos Inhalte konsumieren. Hinsichtlich der Zuwendung zu Scripted Realitys gibt es soziodemografische Unterschiede. Die episodischen Serien, also Alltags- und Familiengeschichten sowie Ermittlergeschichten, die vorrangig am Nachmittag laufen, werden umso häufiger geschaut, je niedriger die formale Bildung der Rezipienten ist. Soapartige Serien sind besonders bei den 14- bis 17-Jährigen beliebt. Zudem schalten insbesondere Mädchen und junge Frauen soapartige Serien ein. Götz (2000) führt die weibliche Begeisterung für die Formate erstens darauf zurück, dass – anders als in anderen Genres – weibliche Protagonisten häufig in aktiven Rollen vorkommen. Drei von fünf Sehern gaben an, dass SR bei ihnen schon Gesprächsthema waren.

Interaktion

Vielseher sprechen häufiger über SR. Die abwertende Kommunikation kommt oft vor, noch häufiger reden die jungen Befragten tatsächlich über die Inhalte. Sie ordnen das Gesehene gemeinsam ein und ziehen bisweilen sogar Vergleiche zu ihrem eigenen Leben. Mit Eltern oder gar Lehrern wird kaum über die Serien gesprochen. Ein Fünftel der befragten Seher gab an, die Facebook-Seiten von SR zu nutzen. Ein Drittel derjenigen Nutzer, die diese Facebook-Seiten besuchen, gab an, dort auch selbst Kommentare zu posten.

Wahrnehmung

Das wichtigste Ergebnis der Teilstudie ist, dass es einen gewissen Anteil an jungen Rezipienten gibt, die den Inszenierungsgrad von SR nicht durchschauen, und ein noch größerer Anteil ist bezüglich des Inszenierungsgrades verunsichert. Während es bei den episodischen Serien knapp 23 Prozent sind, die diese für eher non-fiktional hält und weitere 23 Prozent unsicher sind, sind es bei den soapartigen nur knapp 16 Prozent, die die Sendung als non-fiktional annehmen und auch nur 14 Prozent unsichere. Insgesamt zeigen auch die Ergebnisse der quantitativen Befragung, genau wie die der qualitativen Interviews, dass viele junge Rezipienten den Inszenierungsgrad, nicht durchschauen. Vielseher halten das Gezeigte eher für „echt“ als Wenigseher. Mit zunehmendem Alter durchschauen die Rezipienten die Inszenierung von SR besser. Interessant ist der Unterschied hinsichtlich der formalen Bildung: Während bei episodischen Serien der Anteil derjenigen, die sie für dokumentarische Erzählungen halten, mit abnehmendem Bildungsgradsteigt, ist dies bei soapartigen Serien nicht der Fall. Gerade jüngere Jugendliche und Kinder sowie formal niedriger Gebildete haben also einen Nachholbedarf.

Tipps

„Der emotionale Ausnahmezustand ist Normalität, der Umgangston ist rau und abwertend“, meint Michael Gurt vom JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. „Sind solche Sendungen die vorrangige Orientierungsquelle, wird es kritisch. Heranwachsende sollten mehr geboten bekommen als Emotionen nach Drehbuch.“ Denn Kinder und Jugendliche benötigen in erster Linie echte Vorbilder. Empfehlenswert sind altersgerechte Geschichten, die sich vielschichtig mit Themen wie Freundschaft, erster Liebe, Zusammenleben, aber auch Bewährungsproben auseinandersetzen.

Wollen Jugendliche Scripted Reality-Serien dennoch unbedingt sehen – etwa weil es ein großes Thema auf dem Schulhof und der Gruppendruck zu groß ist – sollte dies frühestens im Alter von zwölf Jahren möglich sein. Ungeachtet des Alters ist es aber wichtig, dass Eltern diese Sendungen mit ihren Kindern zumindest anfangs gemeinsam schauen, mit ihnen über den Unterschied von Realität und Fiktion sprechen und auch über die Menschenbilder diskutieren, die dort gezeigt werden.

  • Altersgerechte Formate anbieten: Empfehlenswert sind Geschichten, die sich vielschichtig mit Themen wie Freundschaft, erster Liebe, Zusammenleben, aber auch Bewährungsproben auseinandersetzen.

  • Altersempfehlungen beachten: Auch wenn Jugendliche Scripted Reality-Serien dennoch unbedingt sehen wollen – weil der Gruppendruck, etwa auf dem Schulhof zu groß ist – brauchen sie hierzu die nötige Reife, die in der Regel frühestens mit elf bis zwölf Jahren erreicht ist.

  • Gemeinsam schauen: Ungeachtet des Alters ist es aber wichtig, dass Eltern diese Sendungen mit ihren Kindern gemeinsam schauen.

  • Aufklären und diskutieren: Eltern sollten mit ihren Kindern über den Unterschied von Realität und Fiktion sprechen und sie über Inszenierungstricks und Darstellungsweisen informieren. Auch über die Menschenbilder, die dort gezeigt werden, sollten Eltern mit ihren Kindern diskutieren.

Weitere Linktipps

Der Programmratgeber für Eltern "Flimmo" bietet ein Spezial und eine Broschüre, die Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (HSH) eine Unterrichtseinheit, die FSF und Maya Götz eine Studie zu diesem Thema.