"Cybermobbing ist endlos"

Wir sprachen mit der Cybermobbing-Expertin Dr. Catarina Katzer, die über 10.000 Schüler, Eltern und Lehrer zum Thema befragt hat.

Wie hängen Schüler, Eltern und Lehrer beim Thema zusammen?

Sie sind die Hauptakteure, wenn es um die Aufklärung und Verhinderung von Cybermobbing geht: Erstens Eltern, die durch eine aktive Medienerziehung zu Hause Risiken verringern, zweitens Lehrer, die aufmerksam sind, um (Cyber-)Mobbing früh zu erkennen und den Opfern eine Lobby bieten, sowie drittens Mitschüler, die durch Zivilcourage den Opfern helfen und damit signalisieren, dass diejenigen, die andere mobben eben nicht cool sind, sondern diejenigen, die anderen helfen.

Was bedeutet Cyber-Mobbing überhaupt und warum sind die Konsequenzen für die Betroffenen so schlimm?

Der Begriff ist aus dem Schulmobbing entstanden. Er bedeutet, andere über die neuen Medien gezielt und für längere Zeit zu schädigen; etwa über Internet, Handy oder Smartphone. Das kann verbal geschehen, aber auch mit Fotos oder Videos.

Cybermobbing unterscheidet sich von Mobbing vor Ort in drei wesentlichen Punkten: Erstens haben wir es mit einer unglaublich großen Reichweite zu tun. Zeuge werden nicht nur die anwesenden Personen, theoretisch können Tausende zusehen. Damit nimmt auch das Schamgefühl zu. Zweitens ist kein Schutzraum mehr vorhanden. Opfer von Mobbing in der Schule können diese nach Schulschluss verlassen, beim Cybermobbing kommen die Täter hingegen überall mit hin, sogar nach Zuhause. Drittens ist Cybermobbing endlos. Inhalte im Netz lassen sich kaum löschen. Auch wenn sie beispielsweise auf Facebook verschwinden, können sie schnell auf anderen Websites auftauchen. Damit können sich Attacken nach Jahren noch auswirken, etwa am Arbeitsplatz.

Wie verbreitet ist das Phänomen?

Untersuchungen zeigen, dass 20 Prozent der 14-15 Jährigen und insgesamt ein Drittel der 10- bis 18-Jährigen betroffen sind. An Berufsschulen,  Hauptschulen, Real- und Gesamtschulen tritt Cybermobbing häufiger auf - allerdings sind die Unterschiede zwischen nicht allzu groß. Bemerkenswert ist, dass die Betroffenen immer jünger werden: 17 Prozent der Grundschullehrer kennen bereits solche Fälle persönlich.

Welche Formen des Mobbings treten am häufigsten auf?

Die Ausprägungen unterscheiden sich sehr stark. Häufig sind Ausgrenzungen, Lügen, Beschimpfungen, während Bedrohungen und Erpressungsversuche eher selten vorkommen. Cybermobbing ist deshalb nicht gleich Cybermobbing. Zudem müssen wir wissen, dass die Jugendlichen viele Attacken gar nicht als solche werten. Mittlerweile werden immer öfter auch Fotos oder Videoclips von Jugendlichen in peinlichen oder intimen Situationen zusammen mit gemeinen Kommentaren veröffentlicht. Ein besonders krasser Fall hat sich in Österreich ereignet: Dort warf sich ein 13-jähriger Junge vor einen Zug, weil er über Monate auf Facebook verhöhnt und mit homosexuellen Inhalten übelster Art in Verbindung gebracht wurde.

Wie läuft ein Fall von Cyber-Mobbing üblicherweise ab?

Oft beginnt es mit Video- und Fotomaterial peinlicher Situationen, etwa mit Bildern aus der Umkleide oder dem Sport. Dazu kommen dann lustige Kommentare. So etwas schaukelt sich schnell hoch. Ein anderes Muster ist, Profile zu verändern oder zu knacken. Erfundene Sexgeschichten sind hier sehr verbreitet, wenn etwa Köpfe in andere Fotos hinein montiert werden. Jeder sollte sich daher gut fragen, wem er seine Passwörter verrät. Oft erstellen die Täter auch neue, gefakte Profile. Jeder Nutzer sollte daher immer wieder schauen, wie viele Profile von ihm bestehen.

Wer ist meist betroffen?

Hier besteht eine hohe Überschneidung zwischen den Opfern von Schul- und Cybermobbing. Allerdings gibt es auch „Nur-Netz-Opfer“. Gefahren entstehen oft dann, wenn Jugendliche viel im Netz über ihre Probleme reden. Andere Jugendliche können dies dann leicht aufnehmen und verzerren. Zudem sind oft Neulinge betroffen. Es ist eben leicht, jemanden fertigzumachen, der neu in der Klasse ist und noch keine Freunde hat. Meine frühere Studie belegt, dass Opfer von Cybermobbing sich häufig weniger begabt fühlen als andere Schüler, sind unzufriedener mit ihrem Aussehen und weisen eine geringe Selbstakzeptanz auf. Auch haben sie häufig Probleme in der Schule, schwänzen den Unterricht oder sind weniger in ihrer Klasse integriert und Außenseiter. Des Weiteren zeigen beide Opfergruppen eine starke negative emotionale Beziehung zu den Eltern. Außerdem sind die Eltern der Schul- wie der Chatopfer stärker um ihre Kinder besorgt, trauen ihnen weniger zu und zeigen häufiger disziplinierendes Verhalten in der Erziehung.

Die Studie zeigt außerdem, dass der Anteil „cyberfixierter“ Jugendliche unter den Cybermobbingopfern mit 40 Prozent relativ hoch liegt. Diese weisen eine hohe emotionale Identifikation mit der Online Community auf, verbringen viel Zeit im Internet und fühlen sich online wohler als in der Klasse. Die Studie belegt außerdem, dass Eltern als kompetente Medienbegleiter das Risiko verringern, dass ihre Kinder zu Opfern werden.

Und wer sind die Täter?

Auch hier bestehen starke Überschneidungen des Schul- und Cyberraumes. Die meisten Täter  mobben andere sowohl in der Schule als auch im Internet. Es gibt allerdings solche die selbst Opfer von Mobbing sind und sich über Cybermobbing wehren oder rächen wollen. Bezüglich der Geschlechtsunterschiede zeigt sich international kein einheitliches Bild. Allerdings entspricht Cybermobbing eher weiblichem Aggressionsverhalten.

Cybertäter schätzen sich ebenso hinsichtlich ihres schulischen Erfolges und ihrer allgemeinen Begabung negativ ein, schwänzen häufig den Unterricht, sind gewaltbereiter und haben oft eine negative emotionale Beziehung zu den Eltern. Gegenüber ihrem Aussehen äußern sie sich relativ selbstbewusst. Darüber hinaus zeigen sie häufig eine starke „Internetdissozialität“, also Anzeichen für ein abweichendes Verhalten im virtuellen Umfeld, wie extreme Chatroombesuche und gezieltes Lügen im Chat.

Täter handeln oft aus einem gewissen Wettbewerb heraus, möchten jemanden bloßstellen,  ihre Grenzen austesten oder sich schlicht die Langeweile vertreiben. Es gab sogar schon Fälle, in denen Eltern mitgemacht haben. Auch viele Täter haben später psychische Probleme, wenn sie merken, was sie angerichtet haben. Deshalb müssten wir viele Täter vor sich selbst schützen. Klar muss uns zudem sein, dass sich viele Täter sicher fühlen, da sie oft ihre Identität gut verstecken können: Entdeckt werden sie meist nur aus Zufall.

Wie können Eltern und Erziehende Cybermobbing erkennen?

Grundsätzlich zeigen sich häufig starke Verhaltensänderungen: Kinder ziehen sich zurück, wollen alleine sein, sich nicht mehr mit Freunden treffen, oder haben Wutanfälle , verschlechtern sich rapide in der Schule oder haben psychosomatische Beschwerden.

Wie sollen sie reagieren, wenn ihr Kind Mobbingopfer ist oder selbst mobbt?

Ganz wichtig: Opfer müssen das Gefühl haben, dass man ihnen glaubt, sie ernst nimmt und dass sie nicht alleine sind. Opfer brauchen eine Lobby: Sie müssten viel mehr Unterstützung von Freunden, Eltern, aber auch der Schule erhalten. Verbote bringen gar nichts. Es ist wichtig, das Eltern mit ihren Kindern die positiven und negativen Seiten des Internets diskutieren und das Bewusstsein dafür zu schärfen, was sie im Internet sehen, erleben oder auch selbst tun.

Auch können Eltern ihrem Kind aufzeigen wie es sich in einem Fall von Cybermobbing verhalten soll und es dabei unterstützen: Hierzu zählen, Ereignisse zu kopieren und zu sichern, sich an die Anbieter zu wenden, das Thema in der Schule zu besprechen, Experten und Portale wie „Juuport“ zu Rate zu ziehen bis dahin, die Polizei einzuschalten. Wichtig ist auch, dass Eltern und Pädagogen den Jugendlichen signalisieren: Mobbing und Cybermobbing ist uncool, wird nicht geduldet und ist strafbar! Solche Fälle müssen verfolgt und geahndet werden. Verleumdungen, Belästigungen und Erpressungsversuche sind Straftatbestände gemäß dem StGB. Auch dürfen keine privaten Fotos einer Person ohne deren Zustimmung veröffentlicht werden.

Wie sieht eine wirkungsvolle Prävention aus?

Im Bereich Prävention stehen die allgemeine Förderung der Medienkompetenz von Eltern, Lehrern und Jugendlichen im Mittelpunkt. Dabei sollte die Medienerziehung bereits im Kindergarten beginnen und in der Schule einen besonderen Stellenwert bekommen. Wir müssen auf das Problem aufmerksam machen und klar signalisieren, dass Cybermobbing nicht in Ordnung ist. Bisweilen ist es immer noch so, dass wir den Opfern Schuld geben und bei den Taten von Kavaliersdelikten sprechen.

Es ist es wichtig, das Bewusstsein zu schärfen und Fälle sofort öffentlich zu machen: Viele Leute wissen zu wenig über die Thematik und gerade Erwachsene bekommen gar nicht mit, was im virtuellen Raum geschieht. Bei den Kids wiederum fehlt die nötige Empathie. Deshalb brauchen wir an allen Schulen mehr Medienerziehung und Gewaltprävention. Dazu benötigen Lehrer allerdings auch eine entsprechende Ausbildung. Wir brauchen ein Gesamtkonzept, das wir auf alle Schulen übertragen können.

Wir haben bislang vor allem von Jugendlichen gesprochen. Tritt Cybermobbing auch bei Erwachsenen auf?

Tatsächlich spielt Cybermobbing auch bei den Erwachsenen eine immer größere Rolle. Denken Sie etwa daran, wenn an der Arbeitsstelle Lügen erzählt werden oder an Phänomene wie Shitstorms. Dabei müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass wir es hier mit Erwachsenen zu tun haben, die mit solchen Situation in der Regel besser umgehen können.

Dr. Catarina Katzer zählt zu den führenden Forschern auf dem Gebiet Cybermobbing und sexuelle Viktimisierung in interaktiven Medien. Sie hat dazu die ersten Studien im deutschsprachigen Raum durchgeführt, ist wissenschaftliche Beraterin und im Vorstand des Bündnisses gegen Cybermobbing und Autorin von „Cybermobbing- Wenn das Internet zur Waffe wird“.

Veröffentlicht am