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"Das ist eh nicht real life"

Wie tolerant sind junge Menschen im Netz und wie gehen sie miteinander um? Darüber sprachen wir mit Simon Schnetzer, Aktionsforscher und Autor der Studie Toleranz Online 2014.

Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Studie gekommen und wie haben Sie diese durchgeführt?

Angefangen habe ich mit der Jugendforschung, weil ich die Lebenswelten junger Leute verbessern wollte, indem ich sie beschreibe. Ich fuhr mit dem Fahrrad couchsurfend durch ganz Deutschland und führte Interviews durch. Ich merkte schnell, dass die Lebenswelten sich heutzutage sehr stark in der Netzwelt und im Smartphone abspielen. Es kamen Fragen auf wie: Zählt ein „Gefällt mir“ für Avaaz auf Facebook schon als politische Beteiligung? Wo bin ich noch sicher, wenn ich über das Internet gemobbt werde?

Google ist auf meine ungewöhnliche Forschungsmethode der partizipativen Aktionsforschung aufmerksam geworden und fragte mich, ob ich eine Studie über das Thema Meinungsfreiheit und Toleranz im Internet entwickeln und durchführen könnte. Gemeinsam mit zahlreichen Experten und Initiativen für Respekt und Toleranz habe ich die zentralen Themen und Fragestellungen identifiziert und in öffentlichen Beteiligungsrunden das Studiendesign entwickelt. Jeden Freitag war OpenScience-Freitag und wir haben die Zwischenergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, um uns mit den Ergebnissen für eine tolerantere Gesellschaft einzusetzen. An der Entwicklung der Studie waren  Initiativen, Experten und jungen Leute aus dem gesamten deutschsprachigen Raum beteiligt.

Welche Ergebnisse haben Sie überrascht?

Es hat mich total überrascht, wie viele junge Menschen im Netz negative Erfahrungen machen. Ich fand es z.B. krass, dass von den unter 20-Jährigen bereits 35% beleidigt, 13% gestalkt und 9% gemobbt wurden. Natürlich meint nicht jede und jeder dasselbe, wenn sie von "Mobbing" oder "Stalking" sprechen. Um diese Ergebnisse genauer zu beleuchten, haben wir, aufbauend auf der Onlinebefragung, eine deutschlandweiten Interviewkampagne durchgeführt. In über 100 persönlichen Interviews sind wir den Erklärungen für diese Ergebnisse auf den Grund gegangen. In unserer Studie "Toleranz Online 2014" haben wir dann die Ergebnisse der Onlinestudie und der Interviews zusammengeführt.

Gibt es Unterschiede in den einzelnen Altersgruppen?

Für die Studie haben wir 14-34-Jährige befragt, um den Einfluss des Internets und das Verhalten in den verschiedenen Lebensphasen des Erwachsenwerdens beleuchten können. Die Ergebnisse der Studie zeigen ganz klar, wie groß die Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen sind. Die unter 20-Jährigen gehen zum Beispiel viel experimentierfreudiger mit neuen Apps und Plattformen um, werden häufiger gemobbt und nehmen ihr Leben im Netz nicht ernst, nach dem Motto: "Das ist eh nicht real life". Die Älteren dagegen sind weniger Fun-User. Sie verbringen weniger Zeit mit Online-Games und benutzen das Internet recht pragmatisch, für Informationen wie das Wetter, Nachrichten und Berufliches wie Netzwerken. Interessante Unterschiede haben wir übrigens auch zwischen Männern und Frauen oder zwischen Stadt- und Landbewohnern herausgearbeitet. Bei ein paar Dingen gibt es allerdings keine Unterschiede: alle verbringen viel Zeit im Internet und fast alle stellen sich im Netz dar. Was die jungen Leuten verschiedener Altersgruppen im Netz so tun, stellt übrigens unsere nach Altersgruppen differenzierte Grafik sehr gut dar.

SCHAUBILD AUS DER STUDIE © FRANZISKA VEH WWW.TOLERANZONLINE.DE

Sie arbeiten auch direkt mit Jugendlichen zu Toleranz im Netz. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Der eigentliche Fokus meiner Arbeit mit meiner Firma Datajockey sind Jugendforschungs- und Jugendbeteiligungsprojekte. Für das Projekt Toleranz Online habe ich mich mit der Medienpädagogin Kristin Narr von dem Institut für Kommunikation in sozialen Medien zusammengetan, um mit unseren Ergebnissen und Erfahrungen ein spannendes Workshopformat für mehr Toleranz an Schulen, in Betrieben oder in Gemeinden zu entwickeln. Für diese Formate arbeiten wir mit partizipativen Formaten wie dem Mobbing-Theater oder Chatsimulationen, um einerseits das Bewusstsein unserer Teilnehmer_innen dafür zu steigern, was im Internet mit den eigenen Daten und aufgrund von intolerantem Verhalten passiert.

Außerdem arbeiten wir mit den Teilnehmer_innen als Internet-Experten und erarbeiten gemeinsam, wie sie den Respekt und das Internet bekommen, das sie sich wünschen. Unsere Erfahrungen mit diesen Workshops sind überwältigend: Junge Leute, die sonst ständig auf ihr Handy starren, machen voll mit und berichten am Ende begeistert davon, wie sie diese Erkenntnisse verändert haben; dieselben Teilnehmer_innen wollen den Workshop unbedingt weiterempfehlen, weil sie die Erfahrungen für so wichtig halten und sich wünschen, dass die Täter sich auch einmal in die Opferrolle versetzen. Was wir immer wieder hören ist, dass junge Leute sich mehr und bessere Vorbereitung für den Umgang mit dem Internet wünschen. Ein Erfolgsrezept unserer Formate ist, dass ein Teilnehmer immer auch Experte ist. Das klingt vielleicht banal, aber dadurch ist jeder Workshop in den Lebenswelten genau der teilnehmenden Schüler, Mitarbeiter oder Bürger verankert und im Ergebnis für diese maximal relevant.

Simon Schnetzer ist Aktionsforscher, Speaker und Autor der Studie Toleranz Online 2014. Anfragen zu Vorträgen und Workshops über Toleranz, Jugend im Internet und Respektkultur per E-Mail.

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