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Die Faszination von Castingshows

Deutschland ist immer auf der Suche, sei es nach dem neusten Supertalent oder dem nächsten Topmodel. Doch wie geeignet sind diese Castingshows für Kinder und wie können Eltern damit umgehen! Lesen Sie unser Experteninterview und Tipps.

Castingshows gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der Fernsehkultur und sind besonders bei den jüngeren Zuschauern beliebt. Beiratsmitglied Prof. Dr. Sandra Fleischer spricht mit SCHAU HIN! über die Faszination und Wirkung von Castingshows auf Kinder und wie Eltern damit umgehen können.

Welchen Einfluss haben die vielen Castingshows auf Kinder und Jugendliche?

Um diese Frage zu beantworten, bedarf es weiterer vertiefender Forschung. Sicher ist, die Rezeption der Sendungen und eine damit verbundene Kommunikation mit Freunden ist insbesondere für ältere Kinder/jüngere Jugendliche von großer Bedeutung. Die aktuellen Shows sind Schulhofgespräch und da mitreden zu können,  ist wichtig. Die Sendungen sind jedoch auch sozialisationsrelevant. Denn die Kinder und Jugendlichen tragen auch an diese Sendungen ihre Fragen heran.

Die Sendungen liefern ihnen Anregungen, um sich unter anderem mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen: Was ist Erfolg? Wie werde ich beliebt? Was ist schön? Was kann ich erreichen? Was mache ich später beruflich? Wie gehe ich mit Konkurrenz um? Wie löse ich Konflikte? Welche Orientierungen sie letztendlich den Sendungen entnehmen,  kann pauschal nicht beantworten werden. Jede Medienaneignung ist individuell, abhängig von den bereits gemachten Erfahrungen und der Fähigkeit zur kritischen Rezeption der Sendungen. Ist der Zuschauer in der Lage, die Sendungen als Inszenierung mit Unterhaltungspotential zu erkennen und hinterfragt er kritisch – auch wenn er über Blamagen und Sprüche von Dieter Bohlen erst mal lacht – wie mit KandidatInnen umgegangen wird und wie es den KandidatInnen in der Situation, auf einer solchen Bühne oder eben bei einem Shooting überhaupt geht, dann ist eine distanzierte Rezeption möglich. Dann wird eine Unterhaltungssendung genau als solche erlebt. Eine von JugendschützerInnen befürchtete Desorientierung hinsichtlich der eigenen Werte ist dann eher unwahrscheinlich.

Bei jüngeren Kindern mit weniger Medienerfahrung und einer weniger ausgeprägten Fähigkeit der kritischen Hinterfragung des Gezeigten sowie der eigenen Zuwendungsmotive ist es eher möglich, dass die Sendungen für die Realität gehalten werden und dass die gezeigten Verhaltensweisen eine größere Bedeutung für die Kinder erlangen. So ist es beispielsweise möglich, dass verzerrte Vorstellungen über das Showbusiness und die Arbeit und den Weg von Models entstehen, gerade weil Kinder zu diesen Bereichen keine Vorerfahrungen haben.

Warum sind Castingshows gerade heute so beliebt – bei Jung und Alt?

Natürlich bieten Castingshows etwas zum Lachen und auch spannende Momente und somit eignen sie sich zur Unterhaltung und Entspannung. Castingshows sprechen Kinder und Jugendliche insbesondere auch deshalb an, weil sie Menschen „wie du und ich“ zeigen. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen identifizieren sich mit den KandidatInnen. Die ZuschauerInnen finden gleichaltrige KandidatInnen, mit denen sie sich vergleichen, stellvertretend Situationen durchleben und mit denen sie mit fiebern können. Studien haben gezeigt, dass sich Jugendliche gern mit KandidatInnen mitfreuen, aber auch das Motiv der Schadenfreude ist ein starkes (Götz, Gather 2010, Hackenberg, Hajok 2010). Auch die Situation, bewertet zu werden, ist den ZuschauerInnen eine vertraute. Daher sind die Jurybewertungen beliebt.

Zum Anderen präsentieren die verschiedenen Shows Themen, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene interessieren. Es geht vornehmlich um Musik, Tanz aber auch Schönheit. Diese Themen sprechen ganz besonders ältere Kinder und Jugendliche an, die auf Orientierungssuche sind. Denn die Shows präsentieren noch mehr als ästhetischen Genuss; es geht um Talent und Leistungsbereitschaft, es geht um Mut und Durchsetzungskraft und auch um den Umgang mit Konfliktsituationen. Zwischen den KandidatInnen einerseits und zwischen den KandidatInnen und den Jurymitgliedern andererseits entwickeln sich Beziehungen, die in den Shows ebenfalls deutlich im Vordergrund stehen, beispielsweise im „Bandhouse“ oder in der „Modelvilla“.

Wie sollten Eltern mit dem Wunsch umgehen, wenn Kinder diese Sendungen gerne gucken oder auch selbst daran teilnehmen möchten?

Der Wunsch die Sendung zu schauen sollte ernst genommen werden. Diese Sendungen sind Schulhofthema und so kommt man daran nicht vorbei. Gerade für Kinder und Jugendliche ist es von großer Bedeutung in ihrer Gruppe in der Schule mitreden zu können. Wer nicht mitreden kann, ist ausgeschlossen und fühlt sich auch so. Das gemeinsame Miterleben, auch die gemeinsame emotionale Bindung an eine bestimmte Figur, schafft in der Gruppe auch ein Gemeinschaftsgefühl, dass erlebt werden möchte.

Am besten schauen die Eltern mit. Wenn nicht jede Folge, dann zumindest einige. Damit zeigen Eltern ihren Kindern Respekt vor ihren Wünschen und Bewertungen und natürlich auch Interesse an den Dingen, die die Kinder bewegen. Gleichzeitig können Eltern das Gesehene damit auch besser rahmen. Die Diskussionspunkte ergeben sich durch das Schauen selbst. Diese Anschlusskommunikation ist bedeutsam. Hier können Eltern kritische Sichtweisen auch gezielt anregen und die Ansätze bei den Kindern zur Kritik auch unterstützen. Kinder sollten besonders darin unterstützt werden zu erkennen, wie in den Sendungen inszeniert wird.

Gerade bei Sendungen wie „Germanys Next Topmodel“ ist wichtig, das präsentierte Schönheitsideal kritisch zu hinterfragen. Kinder und Jugendliche können sich daraus durchaus positiv mitnehmen, dass jeder Mensch eine schöne Seite hat, dass man an sich arbeiten kann und auch, dass Schönheit inszeniert ist. Jedoch wird es problematisch, wenn sich normalgewichtige Kinder und Jugendliche zu dick finden sollten. Hier sollte von den Eltern achtsam beobachtet und auch mit gezielten Gesprächen korrigierend eingegriffen werden.

Wichtig ist, im Hinblick auf einen Wunsch zur Teilnahme, dass Eltern ihren Kindern vermitteln, dass es sich bei den Castings um eine Unterhaltungssendung fürs Fernsehen handelt. Es geht vornehmlich nicht darum, den besten Sänger zu finden oder das nächste Topmodel zu finden, sondern darum, Material für eine unterhaltsame Sendung zusammen zu stellen. Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das natürlich klar; Kindern muss dies erst bewusst werden. Auch sollte die zuschauende Perspektive immer wieder auf die Perspektive der KandidatInnen gelegt werden.

Wie ergeht es der Kandidatin/dem Kandidaten, wenn er sich unfreiwillig lächerlich gemacht hat – und das nicht vor einem Dieter Bohlen, sondern eben vor dem Fernsehpublikum?

Eltern sollten ihren Kindern gegenüber ehrlich sein, wenn tatsächlich der Wunsch zur Teilnahme besteht. Denn viele Kinder und Jugendliche nehmen die Gefahr sehr wohl wahr, sich blamieren zu können und wollen auch die öffentliche Präsentation von sich selbst nicht. Was ist das Ziel der Shows? Was sind die Motive zur Teilnahme? Ist das eigene Talent wirklich präsentationsreif? Ist das Kind – auch wenn es das erforderliche Mindestalter der Veranstalter erfüllt – auch psychisch stark genug, die Aufregung der Anreise und des Auftritts durchzustehen?  

Beiratsmitglied Prof. Dr. Sandra Fleischer ist Professorin für Kindheitspädagogik und Kinderkultur sowie Studiengangsleiterin den Studiengang Pädagogik der Kindheit an der DPFA Hochschule Sachsen.

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