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"Digitale Hysterie" - ein Plädoyer gegen die "Digitale Demenz"

Machen Medien unsere Kinder dick, doof und krank? Georg Milzner, Psychotherapeut und selbst Vater von drei Kinder erforscht seit vielen Jahren den Einfluss digitaler Medien und stellt fest: Computerkinder sind viel gesünder, sozialer und intelligenter als ihr Ruf!

Statt weiter zu verunsichern, plädiert Georg Milzner für Augenmaß und Offenheit, denn in vielen Familien verbirgt sich hinter dem Computerproblem ein Beziehungsproblem, das alle Seiten belastet. Er beantwortet Fragen zum Medienkonsum, die Eltern Sorgen machen, und informiert über die Kompetenzen, die Kinder und Jugendliche heute brauchen, um in der digitalen Welt zurecht­zukommen. Ohne starre Verbote gemeinsam einen angemessenen Umgang mit den neuen Medien erarbeiten — das schweißt Familien zusammen und macht Kinder­ und Jugendliche kompetent und zukunftsfähig.

Leidenschaft statt Sucht?

Psychologische „Krankheitsbilder“ wie die oft zitierte Computersucht gibt es für Milzner nicht. Er spricht eher von Exzess, Gewohnheit oder Leidenschaft. So entstand schließlich aus dem "Filmjunkie" Quentin Tarantino ein viel beachteter Regisseur.

Sachliche Argumente aus Studien und anschauliche Fallbeispiele aus seiner Arbeit rücken das Thema in ein anderes Licht und regen den Leser zur Selbstreflektion an. Darunter das pubertierende Mädchen, das ihre Hände nicht von ihrem Handy lassen kann, der Junge, der seine Freizeit mit Computerspielen verbringt, der Freiberufler, der nicht aufhören kann seine Mails zu checken oder die Eltern, die sich Sorgen machen über den Medienkonsum ihrer Kinder.

Beziehungs- statt Computerproblem

Georg Milzner räumt alte Vorurteile auf und findet heraus, dass unsere Jugend sozialer, intelligenter und gesünder ist, als ihr Ruf und die öffentliche Wahrnehmung vermuten lassen. Eltern brauchen eher in vielen Bereichen digitaler Medien ein "Update", damit nicht aus Unwissenheit Unsicherheit entsteht. Denn in vielen Familien verbirgt sich hinter dem Computerproblem ein Beziehungsproblem oder ein Problem mit uns selbst, Medien sind damit meist Ventil und nicht Ursache des Problems.

SCHAU HIN!: Sucht, Mobbing, Verdummung und Verrohung: Mediennutzung von Kindern wird oft über Risiken thematisiert. Woher kommt diese “digitale Hysterie”?

Milzner: Bei einem so weitreichenden Kulturwandel wie der Digitalisierung ist es erst einmal normal, dass es auch Ängste gibt. Dabei muss man betonen, dass es sich ausschließlich um die Ängste Erwachsener handelt – die Kinder selbst fürchten diese Entwicklung nicht.

Unter “digitaler Hysterie” verstehe ich jedoch nicht die nachvollziehbaren Sorgen, von denen sich viele bei genauerem Hinsehen entkräften lassen. Hysterisch reagieren tun leider ausgerechnet einige Experten, die unter dem Deckmantel von Wissenschaft Behauptungen verbreiten, denen der Boden fehlt. So wird aus Ängsten ein sich ausbreitender Panikmodus, der Eltern von Kindern entfremdet.

Im Gegensatz zu Spitzers Thesen um “digitale Demenz” sprechen sie von den Chancen der Mediennutzung von Kindern. Welche sind das und wie lassen sich diese belegen?

Kinder müssen nicht nur heute zurecht kommen. Sondern sich auch auf das vorbereiten, was ihre Zukunft sein wird. Die Digitalisierung schreitet sehr schnell voran, und es ist absehbar, dass sie noch viel mehr unsere Lebenswelt bestimmen wird. Vor diesem Hintergrund ist es ganz unausweichlich, dass die Heranwachsenden auch früher digitale Medien nutzen. Der Wissenschaftshistoriker George Dyson hat dabei Darwin ins Spiel gebracht: Wenn wir unsere Umwelt immer mehr mit Maschinen füllen, dann werden wir uns dieser Umwelt anpassen müsssen.

Welchen kognitiven Mechanismen und Herausforderungen begegnen Kinder, wenn sie mit Medien aufwachsen? Welche Kompetenzen brauchen sie?

Wenn Kinder heute die digitale Welt für sich entdecken, dann vollziehen sie im evolutionären Sinn eine Anpassungsleistung. Sie wachsen in die technische Bedienung der Bildschirmgeräte unglaublich schnell hinein; das braucht man ihnen kaum zu vermitteln. Auf die Dauer wird daher auch die Selbstkompetenz, die Fähigkeit zur Selbststeuerung, wesentlich wichtiger werden als die viel zitierte Medienkompetenz. Selbststeuerung lernen Kinder freilich nicht allein. Daher wird es neue Wege brauchen, auch im Schulunterricht mentale Kompetenzen zu erlernen.

Sie sind selbst Vater von drei Kindern. Wie sieht Medienerziehung bei Ihnen zuhause aus? Haben Sie ein paar Tipps?

Regeln braucht es, aber sie müssen für Heranwachsende nachvollziehbar sein. So bin ich ein Gegner der rein zeitlichen Eingrenzung. Dabei müssen Kinder dann mitten im Computerspiel aufhören, bloß weil 30 Minuten um sind. Viel wichtiger ist, dass die Kinder eine “mediale Mischkost” bekommen – also zusätzlich zum Gamen auch Bewegung und sozialen Kontakt. Vor allem: Nehmen Sie Teil an dem, was Ihre Kinder entdecken. Die ausschließlich kritisch beäugende Distanz schafft einen Graben, der gegenwärtig vielerorts immer breiter wird.

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