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"Durch das Internet reicht der Schulhof ins Kinderzimmer"

Selfies, Livestreaming, Youtube-Clips: Kinder und Jugendliche nutzen immer mehr die zahlreichen Selbstdarstellungen im Netz. Wo liegt die Faszination und wie können Eltern sich dazu verhalten? Darüber sprachen wir mit SCHAU HIN!-Beirat und Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus

Portrait Astrid Carolus
© Astrid Carolus / privat

Selfies, Livestreaming, Youtube-Clips: Kinder und Jugendliche nutzen immer mehr die zahlreichen Selbstdarstellungen im Netz. Wo liegt die Faszination?

Sich selbst darzustellen oder sich in einer bestimmten Art und Weise zu inszenieren ist kein neues Phänomen des Internetzeitalters und es beschränkt sich keinesfalls auf Kinder und Jugendliche. Selbstdarstellung  ist vielmehr grundlegend menschlich. Meist versuchen wir uns so zu inszenieren, dass wir einen möglichst guten Eindruck (engl.: impression) erwecken. Wir sprechen daher auch von „Impression Management“. Diese Form von Management betreiben wir offline und online. Denken wir nur an die überlebensgroßen Gemälde, die die Herrscher der verschiedenen Epochen von sich anfertigen ließen. Oder denken wir an uns selbst und unsere Versuche, in bestimmten Situationen möglichst kompetent (z.B. in Prüfungen) oder möglichst attraktiv (erstes Date) zu erscheinen.

Inwiefern begünstigen digitale Medien diesen Hang zur Selbstdarstellung?

Digitale Medien erleichtern die Inszenierung der eigenen Person in gewisser Weise. Zwei Beispiele: Während früher nur sehr wohlhabende Menschen über die nötigen finanziellen Mittel verfügten, um sich malen zu lassen, kann heute jede/r im Social Web ein eigenes Profil anlegen, Bilder posten und Videos hochladen. So gesehen kann man hier fast von einer Demokratisierung sprechen. Darüber hinaus ermöglicht es die Technik, unsere Selbstdarstellung zu optimieren. Bis zu einem gewissen Grad können wir bestimmen, was wir von uns zeigen möchten. So stellen wir beispielsweise nur die Bilder online, die uns möglichst von unserer „Schokoladenseite“ zeigen. Und wenn wir auch auf dem 10. Selfie noch nicht richtig gut getroffen sind, dann muss eben ein 11. her. Reicht es dann immer noch nicht, hilft ein Bildbearbeitungsprogramm. Dank digitaler Technik fast kein Aufwand. Offline – also von Angesicht zu Angesicht – ist diese Form der Optimierung weniger einfach möglich. Zwar schauen viele Menschen vor Verlassen des Hauses sorgsam in den Spiegel und richten sich entsprechend her, ziehen den Bauch ein oder sortieren die Haare. Im Vergleich zur Online-Welt sind die Möglichkeiten aber beschränkter.

Welche Rolle spielt die Selbstvermarktung von Stars wie Rihanna und Miley Cyrus auf Twitter und Instagram?

Ein weiterer Unterschied zwischen der Selbstdarstellung online und offline besteht darin, dass wir im Netz zumindest theoretisch ein großes Publikum erreichen können. Das ist zwar meistens nicht der Fall, aber es kann sich etwa auf YouNow so anfühlen, als sprächen wir zur ganzen Welt. Ganz ähnlich wie die Stars es tun. Und natürlich setzen Stars Trends. Auch das ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass wir nicht mehr nur ihre Frisuren oder ihren Kleidungsstil nachahmen können, sondern eben auch die Art und Weise wie sie sich online inszenieren.

Inwieweit stimmen das Image im Netz und die eigene Person tatsächlich überein?

Die meisten sind auch online mit Menschen „befreundet“, die sie aus der Offline-Welt kennen. Es würde daher nicht funktionieren, etwa auf Instagram Bilder von sich zu posten, die zu sehr manipuliert sind. Menschen, die mich auch offline kennen, würden merken, wenn das gar nicht ich auf dem Bild bin.

Da die Kommunikation z.B. über Messenger oder über Netzwerkseiten oft zeitversetzt ist und man nicht (wie face-to-face) direkt antworten muss, hat man mehr Zeit, über eine besonders kreative oder witzige Antwort nachzudenken. Das könnte ein Vorteil sein für Nutzer/innen, die nicht ganz so schlagfertig sind. So gesehen bestehen durchaus Möglichkeiten das eigene Image versuchen, nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen auszugestalten. Zu sehr übertreiben kann man da aber wahrscheinlich nicht, sonst wird es unglaubwürdig – zumindest für die Menschen, die wir auch aus der Offline-Welt kennen.

 Und ein Gedanke zum Schluss: Wie authentisch sind wir denn offline? Nehmen wir das Beispiel des ersten Dates. Entspricht das Bild, das wir hier von uns zeigen, wirklich dem wie wir „normalerweise“ so sind? Oder versuchen wir hier nicht auch, unser Image ein wenig aufzupolieren?

Setzt der Kampf um Aufmerksamkeit im Netz viele Kinder und Jugendliche verstärkt unter Druck sich früher und offensiver darzustellen?

Die Zeit der Kindheit und Jugend war schon immer eine Zeit der Selbstdarstellung. Auch früher, in einer Welt ohne Internet, kam es z.B. auf dem Schulhof darauf an, möglichst cool, möglichst stark oder möglichst beliebt bei den anderen zu sein. Kinder, die in diesen Bereichen nicht mithalten konnten, hatten es auch damals schwer. Heute sind mit den digitalen Medien weitere Schauplätze hinzugekommen. Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Mechanismen aus psychologischer Sicht im Wesentlichen die gleichen sind. Einen Unterschied möchte ich allerdings hervorheben: Früher ging man nach der Schule nach Hause und war dort vor den Mechanismen des Schulhofs erst einmal geschützt. Zumindest bis zum nächsten Tag. Dem ist heute nicht mehr so: Durch das Internet reicht der Schulhof sozusagen bis in die Kinderzimmer hinein. Mit Facebook, WhatsApp & Co. erreichen sich Heranwachsende jederzeit und an jedem Ort.

Wie wirkt sich das auf das eigene Körperbild gerade vieler Mädchen aus?

Kinder und Jugendliche sind noch in der Entwicklung. Gerade der eigene Körper, der sich ständig zu verändern und dabei nie den Idealen zu entsprechen scheint, ist ein sensibles Thema. Da die Selbstdarstellung in den digitalen Medien zu großen Teilen auch auf Bildmaterial basiert, ist hier natürlich auch der eigene Körper im Blickpunkt. Nutzer stellen Bildmaterial von sich ein, das andere dann wiederum kommentieren. Dabei können sowohl die eingestellten Bilder als auch die Kommentare unseren Vorstellungen von kindgerechten Inhalten widersprechen. Aber auch hier ähneln die Abläufe im Internet denen der Offline-Welt – auf dem Schulhof oder im Schwimm- und Sportunterricht. Ein Unterschied ist allerdings auch hier zu beachten: Die Kommunikation im Netz ist (zumindest in gewissen Teilen) oft auch für Fremde zugänglich, die Fotos sehen und anonym kommentieren können. Dies birgt insbesondere für junge Nutzer/innen Risiken.

Wie können Eltern dem entgegenwirken ohne den Spaß zu verderben?

Dass Eltern die Aktivitäten ihrer Kinder nicht immer ganz nachvollziehen können, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. Die Zeit der Kindheit und Jugend ist eine Zeit des Austestens, des Sich-Selbst-Kennenlernens, der neuen Erfahrungen und des langsamen Loslösens von Zuhause. Entsprechend sind Eltern nur bedingt gern gesehen.

Dennoch wollen Eltern ihre Kinder beschützen, ihnen helfen und in Notsituationen beistehen. Offline wie online. Beide Welten sind komplex und herausfordernd – für Eltern und Kinder. Aber eine Ausnahme gibt es vielleicht doch: Kinder kennen sich in der Online-Welt oft besser aus als ihre Eltern, die oft gar nicht richtig verstehen, was ihre Sprösslinge da eigentlich so tun. Hier mit den Kindern in Kontakt zu bleiben, zu verstehen, was online passiert und Gesprächsangebote zu machen, ist wahrscheinlich erst die Voraussetzung, den negativen Aspekten des Internets entgegenzuwirken.

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