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Jugendliche im Netz: selbstbestimmt und schutzbedürftig

Jugendliche nutzen eine immer breitere Palette an Online-Angeboten, sind sich mancher Risiken bewusst, durchschauen diese jedoch nicht immer. Das zeigen Interviews mit 12- bis 14-Jährigen. Wir bieten einen Überblick zu den zentralen Ergebnissen.

© loreanto / Fotolia

Ob Kommunikation, Fotos und Videos, Games sowie Film- und Musikstreaming: Jugendliche bedienen sich gezielt bestimmter Online-Dienste. Am meisten genannt und diskutiert seien WhatsApp, Instagram, Snapchat, Facebook und YouTube. Dabei orientierten sich die Jugendlichen daran, was ihre Freunde nutzen und allgemein bekannt und beliebt und damit "Standard" oder "Pflicht" ist, auch durch prominente Vorbilder, die etwa Twitter, Tumblr oder auch YouNow zur Selbstdarstellung und Kommunikation mit ihren Fans nutzen. Damit entstünde ein erheblicher sozialer Druck sich auf bestimmte Dienste festzulegen, obwohl Nutzungsrisiken bekannt sind.

Risiken sind bewusst

Im Zusammenhang mit den favorisierten Angeboten nennten Jugendlichen auch Jugendschutzprobleme wie die Belästigung durch Fremde oder die Konfrontation mit unpassenden Inhalten wie Pornografie. Online-Kontaktanfragen durch Fremde seien den Jugendlichen überwiegend unangenehm und scheinen relativ verbreitet zu sein. Weniger häufig werde auf eigene Erlebnisse oder solche im Freundeskreis verwiesen, wenn es um sexuell motivierte Kontaktaufnahmen geht. Ferner sei das Online-Mobbing aus dem Umfeld der Peergroup ein Risiko, das den Jugendlichen sehr bewusst ist. Ihr Verständnis von Mobbing erstrecke sich von punktuellen, aber als sehr verletzend empfundenen Beleidigungen oder Verleumdungen bis hin zur systematischen und dauerhaften Herabwürdigung durch mehrere Mitglieder der Peergroup. Aus Sicht der Jugendlichen handele es sich dabei um ein häufiges Phänomen, in dem Offline- und Online-Kommunikation eng verbunden ist und das vor allem in Schulklassen angesiedelt ist.

Wissen und Motivation fehlen

Viele Online-Dienst blieben jedoch undurchsichtig: Intransparent bleibe für jugendliche Nutzende des Android-Betriebssystems das Verhältnis der verschiedenen Google-Angebote und -konten zueinander. Hier entstehe der Eindruck, bestimmte Online-Angebote von Google wie YouTube seien ohne Verwendung anderer Google-Konten nicht nutzbar. Offensichtlich hinterfragten die Jugendlichen solche Vorstrukturierungen jedoch nicht, sondern nähmen sie als gegeben hin.
Viele Jugendliche seien sich Risiken beim Datenschutz bewusst und nehmen dabei auch Bezug zur
öffentlichen Diskussion – etwa zum NSA-Skandal oder zum Aufkauf von WhatsApp durch Facebook. Doch mangele es oft am entsprechenden Handeln. So sehen besonders spielaffine Jugendliche in der Möglichkeit, sich mit dem Facebook-Account bei Spieleplattformen einzuloggen, vor allem praktische Vorteile. Angebotsinterne Möglichkeiten private Daten zu schützen, blieben teilweise ungenutzt. Hier fehle es teils an Wissen, teils an Motivation zur Auseinandersetzung mit Einstellungsmöglichkeiten.

Die Jugendlichen verfügten insbesondere dann über ungenügendes Wissen, wenn sie die
Konsequenzen ihres Handelns einschätzen: In Bezug auf die Auswertungsmöglichkeiten der
eigenen Daten schwankten einige Jugendliche zwischen naiver Risikoverdrängung und einem
übersteigerten Misstrauen, das selbst hilfreiche Angebote wie z.B. Sicherheits-Apps unter den
Generalverdacht der Datenspionage oder Vireneinschleppung stellt. Offenkundig kennen die
Jugendlichen kaum seriöse Quellen, bei denen sie sich über Apps und Online-Angebote sowie
verbundene Risiken zuverlässig informieren können. Zwischen den Jugendlichen zeige sich auch
ein hohes Wissensgefälle. Allerdings tauschten sie sich innerhalb der Peergroup nicht ohne
äußeren Anlass zu diesen Themen aus. In einigen Gruppen bestünde eine gewisse Scheu, sich über solche Fragen offen auszutauschen, da damit auch das Offenlegen von Unkenntnis verbunden ist.
Über die technische und rechtliche Strukturierung bestimmter Angebote seien die Jugendlichen
verunsichert. Die Nutzung kostenfreier Streamings von Filmen und Serien ist für Jugendliche
sehr verlockend. Verunsichert seien sie darüber, inwieweit sie sich bei bestimmten Angeboten
damit im Rahmen der Legalität bewegen. Auch hier orientieren sie sich im Zweifelsfall an der im
sozialen Umfeld verbreiteten Praxis.

Deutlich werde dabei, dass die Jugendlichen auch über die Vorkehrungen des Jugendmedienschutzes und die entsprechenden Umsetzungen durch die Anbieter nicht Bescheid wissen. Dazu gehörten auch enttäuschende Erfahrungen, etwa Facebook auf das Melden von Inhalten nicht reagiert.

Verständliche Informationen und Vorbilder nötig

Jugendliche brauchten also verständliche Informationen etwa zu Risiken aber auch Handlungs- und Hilfsmöglichkeiten und Angebote zur Diskussion über Nutzungskonventionen und das mediatisierte soziale Miteinander. Als Vorbilder und Ratgeber eigneten sich oft erfahrene Peers, die dazu jedoch über systematisches Wissen verfügen müssen. Ein weiterer Punkt sei die Verantwortung der Anbieter, ihre Angebote verständlich und nutzerfreundlich zu gestalten und zu erklären sowie die besonderen Schutzbedürfnisse Jugendlicher bereits in der Entwicklung ihrer Angebote zu berücksichtigen.
Der Report zieht folgende Schlussfolgerungen:

  • Der Austausch zwischen Jugendlichen, die erfahren sind und als Expertinnen und Experten viel (Technik-)Wissen haben und jenen, die weniger Erfahrung mit digitalen Medien haben, muss systematisch gefördert werden.
  • Eltern und Fachkräfte sind mit Informationen und konkreten Handlungsanregungen zu unterstützen, damit sie von den Jugendlichen als kompetente und vertrauenswürdige Ansprechpartner bei medienbezogenen Fragen und Problemen wahrgenommen werden.
  • Gerade in der Debatte um den Umgang mit Privatsphäre im digitalen Raum kommt den Bildungsinstitutionen eine wichtige Aufgabe zu, um Heranwachsende und Erziehende bei ihrem souveränen Medienumgang zu unterstützen.
  • Die Jugendlichen brauchen eine an ihren Bedürfnissen orientierte, niedrigschwellige und flächendecke Beratungsstruktur, wenn es um Probleme in Folge von Online-Risiken geht, die sie im sozialen Umfeld niemandem anvertrauen möchten oder für die sie dort keine kompetenten Ansprechpartner finden. Solche Anlaufstellen müssen über eine große Bekanntheit bei den Jugendlichen verfügen.

Inhalt der beiden Short-Reports von JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis sind die von Jugendlichen präferierten Online-Angebote mit ihren Bezügen zu Nutzungsmotiven und den damit verknüpften Nutzungsrisiken. Ferner wird ein Überblick über alle von den Jugendlichen – auch unabhängig von konkreten Angeboten – thematisierten Online-Risiken gegeben. Die vorliegenden Ergebnisse basieren auf elf qualitativen Gruppenerhebungen im Sommer 2015, an denen 103 Jugendliche mit Altersschwerpunkt 12 bis 14 Jahre teilnahmen.

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