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Kinder, Jugendliche und der Hass im Netz

Medienpädagogen diskutierten auf einer Tagung der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur pädagogische Strategien gegen Hate Speech und Shitstorm.

Hate Speech, Stimmungsmache, Shitstorm: auch Kinder und Jugendliche begegnen der dunklen Seite der Partizipation im Netz. Sie teilen vermeintlich witzige oder engagierte Seiten, ohne zu ahnen, dass sich antidemokratische Strategien dahinter verbergen können.

Sie experimentieren mit Selbstdarstellungen und Meinungsäußerungen und kassieren bisweilen einen bedrohlichen Gegenwind aus Anfeindungen und Beleidigungen. Heranwachsende agieren mitunter auch selbst problematisch, indem sie Wut und Aggression im Netz freien Lauf lassen, meist ohne die Folgen ihrer üblen Bilder und Worte zu bedenken.

Kinder brauchen Orientierung

Wie man Shitstorms und Hate Speech begegnet, wird derzeit öffentlich debattiert, meist jenseits der Pädagogik: Da geht es um Gesetze und Regelungen, um das An- und Abschalten von Kommentarfunktionen, um Counterspeech-Strategien von Medien, Politik und Konzernen, um melden, löschen, überwachen und bestrafen. Das mögen alles sinnvolle Antworten sein. Doch eher für Erwachsene.

Für Kinder und Jugendliche sind pädagogische Ansätze gefragt! Heranwachsende müssen ein Gespür entwickeln, was Scherz, Satire, Ironie ist und was Beleidigung, Bedrohung oder menschenverachtende Äußerung. Sie müssen erkennen, dass sich hinter spaßigen Videochannels oder viralen Kampagnen, Stimmungsmache und Rekrutierung für radikale Zwecke verbergen kann. Sie brauchen kritische und kreative, altersangemessene medienpädagogische Settings und Experimentierfelder. Dazu benötigen auch pädagogische Fachkräfte Wissen und geeignete Methoden. Genau hier setzte die Tagung der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) an:

  • Wie kommt es zu den Konfliktlagen, wie entstehen Shitstorm und Hate Speech, wie kann man diesen begegnen?

  • Wie kann man problematische Agitation, Hasstiraden, Cybermobbing von legitimer Meinungsäußerung oder jugendlichem „Quatsch machen“ unterscheiden?

  • Wie können Kinder und Jugendliche lernen, deeskalierend zu kommunizieren, Angriffe richtig einzuschätzen? Welche weiteren Strategien kann man ihnen an die Hand geben?

  • Mit welchen Methoden kann das Thema in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kreativ und kritisch bearbeitet werden?

Alle Expert/-innen waren sich einig, dass Kinder und Jugendliche in der vielschichtigen, auch mit positiven Chancen verbundenen digitalen Lebenswelt, dringend Begleitung, Anregung und Förderung benötigen.

Haltung gegen Hass als Herkulesaufgabe

Florian Stege vom Jugendministerium NRW stellte heraus, dass Medienkultur immer mit realer Kultur verknüpft ist und nicht losgelöst betrachtet werden kann. In der Pädagogik gelte es, eine klare Positionierung gegen Hass zu vermitteln. Da es sich in der Anonymität des Netzes „leichter poltere“, müsse man Kindern und Jugendlichen deutlich machen, wo in ihrem digitalen Handeln die Grenze zu diffamierendem oder diskriminierenden Verhalten überschritten wird. Jugendliche müssen vielschichtige Handlungsmöglichkeiten und Gegenstrategien kennenlernen. Eine Debattenkultur sei auch für Kinder und Jugendliche relevant.

Die GMK-Vorsitzende und SCHAU HIN!-Beirat Sabine Eder (Blickwechsel e.V.) und Matthias Felling (AJS) zeigten in ihrer Präsentation, wie intensiv und vielfältig das Thema in den Medien- und Lebenswelten Jugendlicher präsent ist. Was ihnen dort begegnet ist keinesfalls ganz neu: Schon Herkules ging gegen Verleumdung, Neid und Hass vor. Ihr Streifzug zeigte, wie sich üble Äußerungen hochschaukeln, wie durch Algorithmen Meinungen gesteuert werden und wie nicht nur Sprache, sondern auch visuelle Mittel zur Stimmungsmache, Propaganda sowie zur ironisierenden Gegenwehr genutzt werden. Und wie Kinder und Jugendliche, die sich auf das Experimentierfeld Sozialer Medien und Videochannels begeben, in einem Sturm von hasserfüllten Posts regelrecht untergehen können.

Cool bleiben

Dabei gehören Möglichkeiten, Dampf abzulassen und Aggressionen zu äußern, unbedingt zum Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen dazu. Nur müssen sie eben pädagogisch unterstützt lernen, diese Wut zu kanalisieren und auszuagieren. Sie sollten Alternativen des digitalen Handelns kennenlernen, die nicht zur Beleidigung und Bedrohung anderer führen. Coolness-Training sei gefragt, das gelte oft für beide Seiten eines Konfliktes.

Die Referent/-innen präsentierten Methoden, wie das Thema Hate Speech jugendgerecht bearbeitet werden kann. Sie demonstrierten bspw., dass Rücken an Rücken gestellt ein Vortragen unflätiger Beschimpfungen aus dem Netz leichter über die Lippen geht, als zueinander gewandt und von Angesicht zu Angesicht. Diese Methode lasse Jugendliche körperlich spüren, welche Wirkung Worte haben können. Auch wenn die Devise „Erst denken, dann teilen“ immer noch gelte, gebe es kein pädagogisches Patentrezept, sondern nur vielfältige Ansätze, die auf Gruppen und Individuen abzustimmen seien.

Christina Dinar von der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin verortete das Phänomen Hate Speech aus wissenschaftlicher Perspektive u.a. als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und sprachlichen Ausdruck von Hass, der sich auf Personen und Gruppen bezieht. Vor allem rechtsradikale Äußerungen seien durch eine Ideologie der Ungleichheit, durch Ressentiments gegen Gruppen, ein Demokratiemisstrauen und eine autoritäre Orientierung gekennzeichnet. Rechtsorientierte Gruppierungen nutzten das Internet als Propagandamedium Nr. 1.

Dinar präsentierte viele Beispiele solcher Gruppierungen auf Facebook und anderen Internetseiten, die oft mit populären Themen verknüpft sind. Durch vermeintliche Schwerpunktsetzungen auf Inhalte wie Kindesmissbrauch, sexuelle Gewalt oder sogar veganen Lifestyle oder durch im Erscheinungsbild lokaler Bürgerinitiativen sind diese Seiten mitunter nur schwer einem rechtsorientierten Hintergrund zuzuordnen. Durch die Möglichkeiten im Netz werde auch die gesellschaftliche Mitte ein Ort rechter Mobilisierung, das gelte längst nicht nur für Jugendliche. Was diese betrifft, so sind intensive Aufklärung, Sensibilisierung und medienpädagogische Arbeit zwingend notwendig.

Katzen gegen Glatzen

Mehr als auf Counterspeech setzt die Amadeu Antonio Stiftung auf Counternarratives. Dies weitet das Spektrum methodisch aus, indem alternative, auch ironische Erzählungen und humorvolle Ansätze als Gegenwehr vermittelt werden. Als ein positives Beispiel wurde die Facebook-Seite „Katzen gegen Glatzen“ (kurz KaGeGla) genannt. Auch Dekonstruktion von Meinungen durch Fakten sei eine adäquate Methode, zum Beispiel durch das Ausdrucken und Aushängen von Hass-Chats zur gemeinsamen Prüfung von Argumenten und Faktenlage.

Andreas Zick, Konfliktforscher der Universität Bielefeld, erklärte wie es generell zu sich steigernden Hasskommentaren kommen könne. Wie Hass produziert werde, zeige sich derzeit wieder bei der TV-Sendung „Germany‘s next Topmodel“ und den begleitenden „Fanseiten“. Im Kontext dieser und ähnlicher Sendungen bildeten sich regelmäßig Hassgemeinschaften. Gemeinsame Abgrenzungen und entsprechende Emotionen seien besonders in der Sozialisationsphase deutlich mit Identitätsfindung verbunden. Entlang der Fragen „Wer sind wir, wer bin ich?“ böten Hassäußerungen attraktive Inszenierungen. Auch Radikalisierungen würden intensiv emotional gesteuert. Medienpädagogik sieht Zick hierbei als Schlüsselkompetenz: „Wer keinen Platz dafür im Lehrplan schafft, wird später die Rechnung kassieren für Radikalisierung.“

Als Motive für Hate Speech nannte Zick
a) Wunsch nach Zugehörigkeit,
b) Einfluss, Macht und Kontrolle,
c) Welt verstehen lernen (einfache Erklärungen),
d) Selbstwertsteigerung und
e) Vertrauen – Misstrauen.

Grenzen zwischen Ausprobieren und Attackieren

Friederike von Gross, Geschäftsführerin der GMK, verdeutlichte, wie Hate Speech mit der Jugendphase zusammenhängt. Wie jüngst die aktuelle Sinusstudie zeigt, gebe es kaum Distanz zur Elterngeneration. Netzaktivitäten seien hier ein mögliches Mittel zur Distinktion und böten eigene Experimentier- und Vergesellschaftungsräume. Dies habe insgesamt viele positive Effekte, müsse aber durch Medienpädagogik auch präventiv begleitet werden, denn Jugendlichen müsse die Grenze zwischen jugendtypischem Ausprobieren auf der einen Seite und einem menschenverletzenden Verhalten auf der anderen Seite vermittelt werden.

Sie hob zudem die Bedeutung der Medienkritikfähigkeit hervor, die auch mit kreativen Methoden vermittelt werden kann. Ein wichtiges Ziel medienpädagogischer Angebote muss sein, Kindern und Jugendlichen das Durchschauen von Propagandastrategien, Fakes oder Shitstorms zu vermitteln. Sie müssen – auch durch Vorbilder – erfahren, wie sie sich couragiert und zivilisiert im Netz verhalten und wehren können.

Weitere Informationen zu Materialien und Methoden im Tagungsinfo-PDF auf www.gmk-net.de.

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