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Lebensgefährliches Wir-Gefühl

Viele Seiten und Foren im Netz propagieren Essstörungen als Lifestyle. Was können Eltern dagegen tun. Darüber sprach SCHAU HIN! mit Katja Rauchfuß von jugendschutz.net (Mainz), der länderübergreifenden Stelle für Jugendschutz im Internet. Sie ist seit 2005 Hotline-Mitarbeiterin bei jugendschutz.net im Bereich Sexueller Missbrauch, Pornografie und Selbstgefährdung sowie Expertin für Selbstgefährdungsangebote im Internet.

Wie häufig sind Pro-Ana- und Pro-Mia-Angebote im Netz und wie hoch liegen etwa die Nutzerzahlen in Deutschland?

Wie viele Angebote und Nutzer es tatsächlich gibt, ist schwer zu sagen, da eine hohe Fluktuation besteht. Die Zahl der bei jugendschutz.net gemeldeten und recherchierten Angebote stieg bis 2011 kontinuierlich an und ist seitdem etwas rückläufig. Seit 2006 haben wir über 2000 Pro-Ana-/Mia-Angebote recherchiert. Handlungsbedarf bestand bei fast 80 Prozent. Die Angebote sind jedoch nicht pauschal als harmlos oder gefährdend einzuschätzen, es ist immer ein differenzierter Blick nötig.

Wir setzen uns dafür ein, dass Pro-Anorexie-Bulimie-Webseiten und derartige Inhalte in sozialen Netzwerken entfernt und Betroffene auf seriöse Beratungsangebote aufmerksam gemacht werden. Um eine schnelle Beseitigung zu erreichen, wendet sich jugendschutz.net zunächst an den Anbieter, Plattformbetreiber oder Provider der Website und bittet um Abhilfe. Bei den problematischen Angeboten konnten wir zu 90 Prozent eine Abänderung im Sinne des Jugendschutzes erreichen. Darüber hinaus animiert jugendschutz.net Verantwortliche zu weitergehenden Maßnahmen, da sich hinter jedem Angebot potenziell betroffene Nutzer befinden. Wenn der informierte Plattformbetreiber mehr tun möchte, als nur die Pro-Ana/Mia-Seite von seinem Server zu verbannen, kann er die Platzhalterseite www.anaundmia.de an die entsprechende Stelle setzen. Diese beinhaltet eine örtliche Beratungsstellensuche und Links zu seriösen, auch anonymen Hilfsangeboten. So werden Nutzer nicht alleingelassen, sondern da abgeholt, wo sie sich im Internet bewegen.

Worin liegt der Reiz von solchen Angeboten und was macht sie so gefährlich?

Das Internet ist jugendaffin und anonym. Blogs, Foren, Chats, soziale Netzwerke und Videoplattformen lassen sich unkompliziert nutzen, das macht sie auch bei Kindern und Jugendlichen beliebt. Auch im Web 2.0 tauchen vermehrt Pro-Ana/-Mia-Inhalte auf. Sie bieten schnelle Kontaktmöglichkeiten zu gleich gesinnten Jugendlichen, die über einschlägige Suchbegriffe sehr einfach zu finden sind. Die Palette reicht dabei von hilfreichen bis hin zu jugendgefährdenden Angeboten. Es gibt auch durchaus empfehlenswerte Beispiele: Sie funktionieren wie eine Selbsthilfegruppe und bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratung und Hilfe.

Die Gründe für Essstörungen liegen nie in der reinen Nutzung von Pro-Ana/Mia-Angeboten und können individuell sehr verschieden sein. Meist hadern Jugendliche in der schwierigen Phase der Pubertät mit ihrem Selbst- und Körperbild und entwickeln dann Essstörungen. Allerdings fühlen sich die Betroffenen durch solche Angebote verstanden und ermutigt, weiter an der Essstörung festzuhalten, gerade wenn sie sich in einem labilen Zustand befinden. Es entsteht ein lebensgefährliches "Wir-Gefühl", das zur Geheimhaltung animiert, von Therapien abhält und immer weiter in den Strudel der Krankheit treibt. Die Anhänger von Pro-Ana/-Mia kennen die typischen selbstgefährdenden Verhaltensanweisungen auswendig und halten sich strikt daran. Verstoßen sie gegen eine der Regeln, bestrafen sie sich mit exzessivem Sport, herbeigeführtem Erbrechen oder weiterem Nahrungsverzicht. Ein Teufelskreis, für den sie von anderen Nutzern online Unterstützung erhalten.

Untersuchungen zeigen, dass die Nutzung der Pro-Ana/-Mia-Websites nicht ohne Risiko ist. Sogar gesunde Frauen wiesen demzufolge nach deren Sichtung ein erheblich negativeres Selbstbild auf. Vergleichbare Effekte ergaben sich bei heranwachsenden Mädchen. Tauschen sich Pro-Ana-/Mia-Anhänger unkontrolliert und ohne entsprechende Beratung aus, kann dies also ihr negatives Selbstbild und die bereits verzerrte Körperwahrnehmung verstärken. Ein lebensgefährlicher Teufelskreis entsteht, der die Betroffenen immer weiter in den Strudel der Krankheit treibt, indem er zur Geheimhaltung animiert und weiterhin zu krankhaftem Essverhalten ermutigt. Als Teil einer solchen Gruppe fällt es schwer, die Krankheit als solche zu erkennen, die Gemeinschaft aufzugeben und Heilung anzustreben.

Das Internet ist demnach kein Auslöser für Essstörungen. Pro-Ana/Mia-Angebote können jedoch bestehende essgestörte Verhaltensweisen verstärken. Jugendliche sollten daher keinen Zugang zu Angeboten haben, die zwanghaft zum weiteren Abnehmen auffordern und die Krankheit als Lebensideal darstellen.

Wie erkennen Eltern typische Angebote und wie können sie ihr Kind davor schützen?

Die Angebote bezeichnen sich selbst bewusst verharmlosend als Pro-Ana oder Pro-Mia. Diese Abkürzungen stehen für ein Bekenntnis zu Magersucht (Anorexia nervosa) und Bulimie (Bulimia nervosa). Pro-Ana- und Pro-Mia Angebote werden zumeist von Essgestörten betrieben, die keine Heilung oder Therapie wollen. Stattdessen nutzen sie ihr Webangebot, um Magersucht und Bulimie als erstrebenswerten Lifestyle zu propagieren. Sie geben Tipps zu Diäten, Abführmitteln und zur Geheimhaltung der Essstörung vor Bezugspersonen und animieren andere zur weiteren Gewichtsreduktion.

Ein Angebot ist nach Einschätzung von jugendschutz.net als gefährdend einzustufen, wenn es essgestörtes Verhalten einseitig verherrlicht, die Krankheit leugnet, ihre Folgen verharmlost sowie konkrete Anleitungen zu essgestörtem Verhalten beinhaltet. Typische Inhalte sind: 

  • Ana's Brief / Mia's Bief: die Essstörung wird als einzig wahre Freundin personifiziert
  • Gebote, Gesetze, Glaubensbekenntnisse, Psalm: Verhaltensanweisungen in Form von Glaubensregeln
  • „Thinspirations“: Fotos oder Videos von extrem dünnen Mädchen und Frauen, die als Idealbilder dienen
  • Tipps & Tricks: zum weiteren Abnehmen, zum Erbrechen und zur Geheimhaltung der Ess-Störung vor Familienangehörigen und Freunden
  • Motivationsvertrag („Thin- /Triggerlines“): Motivationstexte und -sprüche
  • Ess- und Gewichtstagebuch: Krankheit als Lebensstil
  • Wettbewerbe: z.B.: Welcher User nimmt am schnellsten ab?
  • Twin-Suche: Suche nach AbnehmpartnerInnen
  • Verlinkung: auf weitere Pro-Ana/Mia-Angebote
  • Forum: Austausch mit anderen Pro-Anas/-Mias hinter verschlossenen Türen

Eltern sollten zunächst immer offen mit ihren Kindern über ihr Internetverhalten und ggf. auch über das Thema Essstörungen reden. Surfen die Betroffenen auf Pro-Ana-/-Mia-Sites, sollten Eltern diese bei www.jugendschutz.net, www.internet-beschwerdestelle.de oder beim Internetanbieter melden. Dadurch werden auch andere Betroffene geschützt.

Auf welche konkrete Anzeichen bei ihrem Kind sollten Eltern achten und wie dabei reagieren?

Essgestörte versuchen meist, ihre Krankheit geheim zu halten. Bei folgenden Verhaltensänderungen sollten Eltern aufmerksam werden:

  • Veränderungen im Essverhalten
  • ständige Gewichtskontrolle
  • Ausreden, um nichts essen zu müssen oder das gemeinsame Essen zu verpassen
  • häufiges Erbrechen
  • sozialer Rückzug
  • exzessiver Sport
  • deutlicher Gewichtsverlust oder starke Gewichtsschwankungen

Vermuten Eltern eine Essstörung bei ihrem Kind, sollte sie es nicht mit Appellen, Forderungen oder gar Zwang überfallen. Stattdessen sollten sie sein Selbstwertgefühl stärken, indem sie besondere Fähigkeiten hervorheben und ihm Mut machen, zu sich selbst zu stehen, negative Bemerkungen etwa über das Gewicht oder den Körper vermeiden, sich über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote informieren und sich an eine Beratungsstelle vor Ort wenden. Diese sind nicht nur für Betroffene da, sondern stehen auch Angehörigen zur Seite.

Auch im Internet gibt es durchaus seriöse Beratungsangebote, über die Betroffene und Angerhörige Informationen und Hilfe erhalten. Beispiele dafür sind:

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