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"Medien machen schafft Medienkompetenz"

Normalerweise drehe ich Unterrichtsfilme für Schulen. Als ich mit Jugendlichen selbst einen Film machte, merkte ich, wie Medienkompetenz wirklich funktioniert. Ein persönlicher Bericht vom Filmer Hans-Peter Meier.

©Hans-Peter Meier
©Hans-Peter Meier

Neben meiner Arbeit als Jugend-Anwalt, mache ich Filme: Spielfilme für das ZDF und den Hessischen Rundfunk, hauptsächlich aber drehte ich etwa 40 Lehrspiel- und Dokumentarfilme für Schulen. Vor einiger Zeit realisierte ich einen Workshop zum Thema Mediennutzung mit 18 Schülerinnen und Schülern der 5. – 7. Klassen an einer Karlsruher Grund- und Hauptschule. Ziel: Ein kleiner Spielfilm, von den Schülern selbst gestaltet. Rasch zeigte sich,  dass die geplante theoretische „Beschulung“ – von der Idee  über das Drehbuch zum Film und Schnitt – nicht funktionierte. Die Schüler waren lebhaft zugewandt, konnten aber weder ihre Mediennutzung reflektieren noch sich auf das komplexe Thema konzentrieren. Ein Logbuch zu ihrem Freizeit- und Medienverhalten wollten die wenigsten ausfüllen.Uns wurde klar, dass wir das Konzept sofort auf „Medien (selber) machen“ umstellen und in kleinen Gruppe arbeiten mussten.  Neben dem Kameramann engagierte ich daher eine erfahrene  Kunsterzieherin, ferner einen Computerfachmann und Cutter, der laufend schneiden und auch eine 2. Kamera bedienen konnte. Zwei professionelle Kameras dokumentierten laufend das Geschehen.

Selbsterfahrung als Auslöser einer kritischen Haltung

Wir teilten Kursteilnehmern in Teams mit Neigung zu Kamera, Schauspiel, Drehbuch, Kostüm, Maske. Das weitere Konzept: Die Autoren sollten Ideen zu einer Story sammeln, die Schauspielgruppe Szenen aus dem Leben einüben, die Kameraleute dies alles aus ihrer Sicht filmen. Der entstandene Film entsprach den vertrauten Sehgewohnheiten der Jugendlichen: Sattsam bekannte Stereotypen  aus sattsam bekannten TV-Serien: Shoppende, naive Mädchen - böse Jungs, die sie entführen und Lösegeld fordern. Heldenhafte Polizisten, die die Mädchen befreiten und die Bösewichter einsperrten. Wir Experten schnitten und projiezierten die bekannten Klischees auf die Leinwand. Die spontane Reaktion der Schüler: „Das ist Kitsch, wir wollen jetzt Schülerleben, richtiges Leben filmen“.

Diese Selbsterfahrung war der Auslöser einer zunehmend selbstkritisch reflektierten Auseinandersetzung der Jugendlichen mit dem eigenen Medienkonsum und Rollenverständnis  -  und gleichzeitig der Einstieg in die (wirkliche) Dramaturgie und das Filmhandwerk.

Mit im Format 16 : 9 ausgeschnittenen Kartons übten die Teilnehmer die filmische Wahrnehmung: Bilder als etwas Gemachtes, als Sprache und Zeichen zu verstehen. Die Schüler begriffen: Die Wahrheit passiert im Kopf, im Herzen. Nachträglich wurde nun das Drehbuch geschrieben. Wir übten den gezielten Einsatz von Licht, um zu zeigen, wie sehr damit manipuliert werden kann: „Sozialkritisches Licht“ von oben, lange Augenschatten – jeder schaut aus wie ein Verbrecher. Kantenlicht, leichte Schatten, Glanz in den Augen – dieselbe Person wird zum Helden. Es kamen spontane kritisch-reflektierende Fragen: „Alles gelogen ...?“„Wo ist die Wahrheit ...?"

Die Schülerkameras in Händen waren der Zündfunke: Es entstanden mehr und mehr autonome und authentische Ideen, dann eine starke neue Story mit realistischen, im Verlauf der Geschichte (wie im Leben) sich wandelnden Charakteren: Es ging um Freundschaft, Cliquen, Klauen, um dazu zu gehören, Mobbing via youtube, die beliebte Klassensprecherin mutierte zur üblen Petze, aber ein zunächst „ böses“ Mädchen hilft dem Mobbingopfer usw – pralles „Schülerleben“ entstand.

Ein Junge entwickelte einen professionellen Blick für Perspektiven

Gegen Ende des workshop fragten wir die Schüler: „Was habt Ihr gelernt, was nehmt Ihr mit?“ Im Kern übereinstimmende Antworten: Die Schüler hatten einen qualitätsbewussten Blick auf Medien und ihre Wirkung entwickelt. Der Computer war nicht mehr nur zum „Rumspielen“, sondern Musikmachen, Photobearbeiten, gute Filme suchen und analysieren nützlich. Ein Junge hatte einen erstaunlich professionellen Blick für Kameralicht- und Perspektiven entwickelt und wollte dies weiter schulen. Die Kamera, die Filmarbeit war zum Transfer in den eigenen Schüleralltag geworden. Aus der anfangs reichlich chaotischen Truppe war eine Produktions-Gemeinschaft mit wechselseitiger Wertschätzung für die jeweils höchst individuell eingebrachten Ideen und Fähigkeiten geworden.

Diese jungen Menschen wissen sehr genau Bescheid über ihre Situation, ihre Gefühle und Bedürfnisse. Gibt man ihnen eine Kamera in die Hand, wissen sie auch, dies alles zu reflektieren und mitzuteilen. Neben Theater und Musik lässt kein anderes Fach so intensiv eigene Kreativität, die so dringend benötigte soziale und emotionale Kompetenz entwickeln. So entsteht kritisches und selbstkritisches Bewusstsein.

Schülerfilm als Ersatz für einen Schüleraufsatz

Inzwischen gibt es brauchbare Konzepte und Lehrmaterialien zum filmischen Selbermachen. Aber es fehlen die Zeiten, die Orte und die professionelle Begleitung, diese umzusetzen. Wo, wenn nicht in den Schulen? Medien selber gestalten, konkret: ein Hauptfach zu Mediengestaltung, ist für den von der Kultusministerkonferenz geforderten "eigenverantwortlichen und produktiven Umgang“ so wichtig wie Deutschunterricht und Verkehrserziehung. Jede Schule braucht ein Medienlabor und dessen professionelle Betreuung. Die Schüler lernen zum Beispiel Paragraphen zum Arbeitsrecht. Warum schickt man nicht ein Team mit Kamera und Mikro in die Kaufhäuser, die Schüler interviewen die Angestellten zu ihren Arbeitsbedingungen, schneiden den Film und liefern ihn anstelle einer schriftlichen Prüfung als ihren „Aufsatz“ zum Thema ab.

Hans-Peter Meier ist Filmer und Anwalt für Jugendrecht. Seit vielen Jahren dreht er Filme für den Schulunterricht. Weitere Infos finden Sie hier.

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