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Mediennutzung von Menschen mit Behinderung

Eine Studie der Medienanstalten und Aktion Mensch beleuchtet die Barrieren der Mediennutzung für Menschen mit Handicap. Hier die zentralen Ergebnisse.

© iStock.com/Lisa F. Young
© iStock.com/Lisa F. Young

Die Studie hat deutlich gemacht, dass es je nach Beeinträchtigung spezifische Risiken in der Mediennutzung durch Zugangs- und Teilhabebarrieren gibt. Die Gruppen sind dabei in sich äußerst heterogen. Inklusionschancen und Exklusionsrisiken sind stark von der jeweiligen Teilhabekonstellation abhängig. Angesichts der Heterogenität, die sich aus dem Zusammenspiel von Beeinträchtigung, Lebensbedingungen, Barrieren und (Zugang zu) Hilfsmitteln ergibt, wird der hier gewählte Zugang, verschiedene Teilgruppen zu beschreiben, der individuellen Mediennutzung nicht immer in aller Differenziertheit gerecht. Andererseits ist es notwendig, um sich dem Nutzungsverhalten, den Bedarfen und den Wünschen überhaupt anzunähern.

Handlungsfelder und -bedarfe

  • Das Fernsehen ist für die Befragten das meistgenutzte Medium. Dabei zeigt sich ein breites Spektrum an Lieblingssendungen quer durch alle Sparten, Formate und Sender. „Mitreden können“ ist ein spezifisches Nutzungsmotiv. Gesellschaftlich eingebundene mediale Teilhabe ist nur möglich, wenn barrierefreie Angebote im linearen Programm angeboten werden.

  • Mangelnde Tonqualität, geringe Sprachverständlichkeit und Schwierigkeiten bei der Gerätebedienung sind Probleme, die in allen untersuchten Gruppen auftreten. So wäre zum Beispiel eine einfache Möglichkeit, die Lautstärke von gesprochener Sprache und Hintergrundgeräuschen separat zu regulieren, ein bedeutender Gewinn für zahlreiche Zuschauer_innen.

  • Durchgehende Untertitelung sowie Ausbau von Audiodeskription und Angeboten in Deutscher Gebärdensprache sind für sinnesbeeinträchtigte Mediennutzer_innen essentiell, um an der mediatisierten Gesellschaft teilhaben zu können.

  • Die Auffindbarkeit barrierefreier Angebote ist von immenser Bedeutung. Es ist nicht immer leicht, sich einen Überblick darüber zu verschaffen.

  • Die empirische Datenlage zu Teilhabekonstellationen muss weiterhin verbessert werden. Die Studie bietet eine gute Grundlage, auf der inhaltlich und methodisch aufgebaut werden kann, um in Folgeuntersuchungen Teilhabebarrieren in der Mediennutzung weiter zu erforschen.

Für die einzelnen Formen von Beeinträchtigungen lassen sich folgende Schlussfolgerungen formulieren:

Sehbeeinträchtigungen und Blindheit

In der Gruppe der sehbeeinträchtigten und blinden Mediennutzenden findet sich ein bemerkenswert hoher Anteil von Nichtnutzung der Medien Tageszeitung, Internet und auch Fernsehen. Dies weist auf große Bedarfe beziehungsweise Lücken in Sachen Barrierefreiheit hin. Blinde Menschen sind in ihrer Mediennutzung mehr behindert als sehbeeinträchtigte. Der Eintrittszeitpunkt der Beeinträchtigung ist wichtig für den Umgang mit Medien: Personen mit angeborener Beeinträchtigung gehen souveräner mit Medien um als diejenigen, die die Beeinträchtigung später erwerben. Fernsehen ist auch in dieser Teilgruppe ein zentrales Medium (neben dem Radio), bei der regelmäßigen Nutzung gibt es kaum Unterschiede zur Gesamtbevölkerung. Audiodeskription ist von zentraler Bedeutung sowohl bei Sehbeeinträchtigung als auch bei Blindheit. Die Gerätebedienung sowie die Sprachverständlichkeit sind vor allem für blinde Menschen ein großes Problem.

Hörbeeinträchtigungen

Untertitelung und Gebärdensprachdolmetschung sind für viele hörbeeinträchtigte Mediennutzende unabdingbar, weil sie ohne Ton ausgeschlossen sind. Menschen mit Hörbeeinträchtigungen sind eine vergleichsweise internetaffine Gruppe. Ihre Bedarfe sind naturgemäß sehr heterogen, deshalb ist Wahlfreiheit ganz entscheidend. Digitales Fernsehen bietet dazu zahlreiche Möglichkeiten, die allerdings häufig zugleich die Nutzer_innen zwingt, sich die neueste Gerätegeneration anzuschaffen. Untertitel sind die wichtigste Grundversorgung, von der alle Hörbeeinträchtigten profitieren – sie müssen zu 100 Prozent angeboten werden. Sprachverständlichkeit stellt wie auch bei den blinden- und sehbehinderten Nutzer_innen, eine große Barriere dar.

Körperliche und Motorische Beeinträchtigungen

Mediennutzende mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen sehen gerne und viel fern. Die Sprachverständlichkeit ist (vor allem bei Menschen mit einer zusätzlichen) Beeinträchtigung auch in dieser Teilgruppe ein Problem, sie wird ähnlich häufig genannt wie „zumindest manchmal Probleme mit der Fernbedienung“. Für die eigenständige Bedienung der TV-Geräte sind vor allem große und gut fühlbare Tasten und ausreichend Zeit zur Sendereinstellung hilfreich. Die Internetnutzung und -ausstattung ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung schlechter. Die Lebensbedingungen, sprich Wohnform, beeinflussen die Mediennutzung.

Lernschwierigkeiten

Die Gruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten ist am ehesten von Exklusion bei digitalen Medien betroffen oder bedroht. Wohn- und Lebensbedingungen sowie Lesefähigkeit (die sich gegenseitig bedingen) sind Faktoren, die die Mediennutzung beeinflussen. Dadurch sind sie in vielen Bereichen behindert, etwa beim Gerätezugang oder der freien Entscheidung über den Fernsehkonsum. Die Sprachverständlichkeit im inhaltlichen und akustischen Sinne behindern den Fernsehkonsum.
Insgesamt wird deutlich: Ob Inklusion ermöglicht wird, entscheidet sich auch an der Art und Weise wie Medienangebote gestaltet und genutzt werden. Die Digitalisierung bietet gute Chancen, vielfältige Lösungen als Wahlmöglichkeiten anzubieten, um individuellen Bedarfen gerecht zu werden.

Die Studie ist hier herunterladbar.

Die Technische Universität Dortmund und das Hans-Bredow-Institut an der Universität Hamburg haben sich – gefördert von den Medienanstalten und der Aktion Mensch – zum Ziel gesetzt, erstmals deutschlandweit aussagekräftige Daten zur Mediennutzung, den Nutzungsmotiven und -erwartungen von Menschen mit Beeinträchtigungen zu ermitteln. Auch die individuellen Zugangs- und Nutzungsbarrieren von Medien waren ein zentraler Bestandteil der Untersuchung. Mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention sollte es für die Medienanbieter und die Medienpolitik ein Ziel sein, die Voraussetzungen für eine selbstbestimmte und chancengleiche Teilhabe an Medien für alle zu schaffen.

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