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"Mediensucht": Was steckt dahinter?

Die BLIKK-Studie der Kinder- und Jugendärzte untersucht Zusammenhänge zwischen übermäßigem Medienkonsum und Auffälligkeiten wie Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen. Wir stellen erste Ergebisse vor, haben Experten befragt und bieten Tipps für Eltern.

© Mikael Damkier / Fotolia

Die intensive Nutzung von digitalen Medien kann bei Kindern und Jugendlichen zu Entwicklungsstörungen führen, wie die Ergebnisse der „Blikk-Medien-Studie 2017“ zeigen.

Diese wurden am 29. Mai von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), dem Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln, Prof. Dr. Rainer Riedel (Arzt für Neurologie/Psychiatrie, Psychotherapie) sowie Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder –und Jugendärzte (BVKJ) vorgestellt.

Demnach hätten Babys häufiger Fütter- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter parallel digitale Medien nutzt. Kleinkinder zwischen 2 und 5 Jahren sowie Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 13 Jahren zeigten häufiger motorische Hyperaktivität, Konzentrations- und Sprachentwicklungsstörungen sowie Unruhe.

Wesentliche Ergebnisse im Überblick

  • 70 % der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.
  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer intensiven Mediennutzung und Entwicklungsstörungen der Kinder.
  • Bei Kindern bis zum 6. Lebensjahr finden sich vermehrt Sprachentwicklungsstörungen sowie motorische Hyperaktivität bei denjenigen, die intensiv Medien nutzen.
  • Wird eine digitale Medienkompetenz nicht frühzeitig erlernt, besteht ein erhöhtes Risiko, den Umgang mit den digitalen Medien nicht kontrollieren zu können.

Dazu die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler: „Diese Studie ist ein absolutes Novum. Sie zeigt, welche gesundheitlichen Folgen Kinder erleiden können, wenn sie im digitalen Kosmos in der Entwicklung eigener Medienkompetenz allein gelassen werden, ohne die Hilfe von Eltern, Pädagogen  sowie Kinder- und Jugendärzten. Für mich ist ganz klar: Wir müssen die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernst nehmen! Es ist dringend notwendig, Eltern beim Thema Mediennutzung Orientierung zu geben. Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen. Unter dem Strich ist es höchste Zeit für mehr digitale Fürsorge – durch die Eltern, durch Schulen und Bildungseinrichtungen, aber natürlich auch durch die Politik.“

Institutsleiter Prof. Dr. Riedel dazu: „Als Fazit der Studie ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll. Dabei müssen  soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen  der Erziehung gefördert werden. Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

Kinderarzt und Vorstandsmitglied des BVKJ, Dr. Büsching, zu den Ergebnissen der Studie: „Die Sorge der Eltern, ein Kind möge die besten Bedingungen für sein zukünftiges Leben vorfinden, gilt ebenso für Kinder- Jugendärzte. Mit vorschneller Verordnung von Ergo- oder Sprachtherapie allein lassen sich Gefahren nicht abwenden. Gerade, wenn das Verhalten oder die Entwicklung auffällig ist, sollte immer auch ein unangebrachter Umgang der Eltern wie der Kinder mit Medien in Betracht gezogen werden. Eine Medienanamnese und eine qualifizierte Medienberatung muss zukünftig die Früherkennungsuntersuchungen ergänzen.“

Über 80 Ärzte in 13 Bundesländern befragten vom 13. Juni 2016 bis 13. Januar 2017 Eltern von Kindern sowie Jugendliche. So wurden im Rahmen der üblichen Früherkennungsuntersuchungen 5.573 Eltern und deren Kinder zum Umgang mit digitalen Medien befragt und die körperliche, entwicklungsneurologische und psychosoziale Verfassung dokumentiert. Die Ergebnisse wurden mit Werten aus anderen Studien verglichen. Weitere Informationen im Factsheet und der Präsentation.

Das ist die Idee auch u.a. bei "Schau hin!" zu sagen, es bringt nichts, das zu verteufeln. Dann nutzen die Kinder es irgendwie heimlich oder bei Freunden. Sondern es wird darum gehen, mit Kindern zusammen medienkompetent mit diesen Geräten umzugehen.

SCHAU HIN!-Beirat Dr. Astrid Carolus warnt im Deutschlandfunk vor einer einseitigen Beurteilung: Dass der Umgang mit Smartphones negative Folgen habe, gehe  nicht eindeutig hervor. Nachgewiesen worden seien lediglich statistisch signifikante Zusammenhänge, aber keine klaren Kausalitäten. Die Wissenschaftlerin sprach sich gegen Smartphone-Verbote für Kinder aus. Diese gingen an der Realität vorbei. Die jungen Menschen wüchsen heute in einer digitalisierten Welt auf und müssten den richtigen Umgang mit den Geräten lernen. In der öffentlichen Diskussion vermisst Carolus das Eingehen auf die positiven Effekte von Smartphones. Stattdessen stehe - wie früher beim Fernsehen - die "Angst vor dem übermächtigen Medium" im Raum.

Was "Mediensucht" bedeutet und wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich exzessiv Medien nutzen erfahren Sie in unserem Extrathema Medienzeiten.

Welche Anzeichen gibt es?

Anzeichen für eine "Internetsucht" sind vielschichtig, mehrere Faktoren müssen dauerhaft eintreffen:

  • Vernachlässigung von privaten und gesellschaftlichen Verantwortungen,
  • signifikante Einschränkungen des Tagesablaufs
  • negative Konsequenzen für private Beziehungen
  • problematische Leistungsabfälle in der Schule/ im Beruf
  • körperliche Einschränkungen wie Haltungsschäden aufgrund von Bewegungsmangel, Schwächung des Immunsystems wegen Schlafentzugs und Übergewicht wegen Fehlernährung

Risikofaktoren

  • ein ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer Interaktion,
  • eine starke soziale Isolation sowie
  • Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit, Neurotizismus, Stressanfälligkeit, ein geringes Selbstwertgefühl und der Hang zur Prokrastination – im Sinne des Aufschiebens von anstehenden Aufgaben und Tätigkeiten
  • soziale Faktoren wie gefühlte Einsamkeit und eine gering wahrgenommene soziale Unterstützung – zum Beispiel durch Freunde oder Eltern 
  • Internetkonsum als Bewältigungsstrategie für persönliche Probleme

Nach dem Suchtbericht 2016 der Drogenbeauftragten, sind Nutzer von Onlinerollenspielen, Onlineshootern oder Strategiespielen gefährdeter als Spieler anderer Genres. Häufiger betroffen sind weiterhin impulsivere Personen und solche mit einer geringeren sozialen Kompetenz. Gleiches gelte für Jugendliche aus Ein-Eltern-Familien, mit Problemen in der Peergroup oder einer geringeren Integration in der eigenen Schulklasse.

Was können Eltern tun?

Bestärkende Faktoren

  • Maßgaben, das Internet als hilfreiches Werkzeug für die Erreichung von Zielen zu betrachten und nicht als Zweck an sich
  • die Fähigkeit, lösungsorientiert mit belastenden oder als stresshaft erlebten Situationen des täglichen Lebens umzugehen
  • Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln, verbunden mit einem hohen Selbstwertgefühl, Willensstärke und Verantwortungsbewusstsein

Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind in seiner Medienbiografie begleiten und dabei nichts überstürzen. Neben analogen Medien wie Büchern und Hörspielen können Kleinkinder gute Sendungen im TV sowie geeignete Apps entdecken und ab der Grundschule die ersten Schritte im Internet oder mit einer Konsole spielen. Computer oder Konsole braucht ihr Kind im Grundschulalter noch nicht im eigenen Zimmer, auch ein Handy empfehlen wir erst ab 9 Jahren. So kann es die Medienwelt bewusst und behutsam mit Ihnen entdecken. 

Dabei ist entscheidend, dass Sie von Anfang an auf die Inhalte schauen und Zeiten setzen. Dabei helfen Klassiker wie eine Eieruhr neben dem Bildschirm oder die Aktivierung von Zeitschaltuhren. Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, dass es lernt, sich die Medienzeit selbst und vernünftig einzuteilen. Dabei hilft auch, Regeln verbindlich zu vereinbaren und festzuhalten, etwa in einem Mediennutzungsvertrag.   

Sie können mit Ihrer eigenen Mediennutzung ein gutes Vorbild für Ihr Kind sein und sich auch einmal selbst kritisch fragen, wie oft sie welche Medien wozu nutzen. Anhaltspunkte, um die eigene Mediennutzung zu reflektieren, bietet unser Elterntest. Auch ein gemeinsamer medienfreier Tag in der Woche oder ein gemeinsames Medienfasten kann helfen, dass sich die ganze Familie mit anderen Dingen beschäftigt.

Interessieren Sie sich dafür, was genau ihre Kinder mit Medien machen, welche Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dabei können Sie frühzeitig über die Risiken und vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären sowie gemeinsam Medien ausprobieren und sie kritisch einschätzen

Oft beginnt eine extreme Mediennutzung nicht plötzlich. Achten Sie auf Anzeichen. Vor allem wenn Ihr Kind Langeweile vor allem durch Medien vertreibt, ständig unruhig und unkonzentriert wirkt sowie andere Beschäftigungen darunter leiden.

Hier sind Sie gefragt, Ihrem Kind zusätzlich zu den Medien ausreichend Zuwendung, Auseinandersetzung und Alternativen mit Familie und Freunden anzubieten, damit es sich möglichst vielfältig erprobt und seine Freizeit vielseitig und kreativ verbringt.

Tipps im Überblick

  • Regeln setzen: Bei jüngeren Kindern sollten Eltern darauf achten, dass ein tägliches Maß bei der Mediennutzung nicht überschritten wird. Bei älteren Kindern können sie zusammen mit ihrem Kind ein wöchentliches Zeitkontingent für Internet, TV und Handy festlegen, das es sich selbst einteilt.Vorlagen dazu bieten mediennutzungsvertrag.de und surfen-ohne-risiko.net/netzregeln.
  • Verstehen statt verbieten: Bestimmte Medien nur vorübergehend verbieten, denn diese sind oft wichtig für soziale Kontakte des Kindes, vor allem soziale Netzwerke und mobile Messenger.
  • Vorbild sein: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und schalten Sie auch einmal ab.
  • Abwechslung bieten: Kinder sollten unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennenlernen und Mediennutzung nicht als Lösung von Langeweile einsetzen.
  • Hilfe suchen: Haben Eltern Anhaltspunkte für eine „Mediensucht“ bei ihren Kindern oder führt die Mediennutzung zu lang anhaltenden und heftigen Konflikten, können Eltern auch Beratung suchen, passende Stellen finden sie in unserem Initiativenatlas und bei Beratungsstellen vor Ort.

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