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"Mediensucht": Was steckt dahinter?

Der Begriff "Mediensucht" macht wieder die Runde. So hat der Bundestag eine Studie zum Thema vorgestellt und auch im Suchtbericht der Bundesregierung beschäftigt sich damit. Wir stellen die Ergebisse daraus vor, haben Experten befragt und bieten Tipps für Eltern.

© Mikael Damkier / Fotolia

Was ist Mediensucht?

Der Bundestag widmete sich bei einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung dem Thema „Neue elektronische Medien und Suchtverhalten – Risiken, Bewältigungsstrategien und Präventionsmöglichkeiten“ und stellte dabei einen Bericht (18/8604) dazu vor. Dieser fasst die wissenschaftlichen Befunde zu Umfang und Folgen suchtartiger Mediennutzung zusammen.

Demnach sei "Mediensucht" eine stoffungebundene "Tätigkeits- oder Verhaltenssucht". Basis sei eine "normale" Handlung, die nicht zwingend problematisiert werden müsse. Problematischer Bildschirmmediennutzung wird in drei Teildimensionen differenziert: zeitlich, inhaltlich und funktional. Wichtig ist also nicht nur wie lange Kinder Medien nutzen, sondern auch was und warum, etwa um Stress und Misserfolge zu verdrängen.

Von Mediensucht zu sprechen ist grundsätzlich schwierig, denn die Sucht nach Medien ist noch nicht offiziell als Erkrankung anerkannt.

SCHAU HIN!-Beirat Dr. Astrid Carolus meint: "Von Mediensucht zu sprechen ist grundsätzlich schwierig, denn die Sucht nach Medien ist noch nicht offiziell als Erkrankung anerkannt. Für eine Sucht müssen immer bestimmte Kriterien erfüllt sein, sodass man diese Sucht als psychische Erkrankung diagnostizieren kann. Eine solche Liste spezifischer Kriterien gibt es derzeit für die 'Sucht nach Medien' noch nicht. Ob Internet, Computerspiele oder Social Media: Was genau soll das sein? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, sodass man wirklich von einer Sucht und nicht nur von einer intensiven Nutzung sprechen kann? Oder ist Medienabhängigkeit vielleicht gar keine eigenständige Störung, sondern viel eher eine Begleiterscheinung anderer psychischer Erkrankungen (z.B. Depression)?

Klar ist: Um von einer Sucht zu sprechen, müssen tatsächlich über einen längeren Zeitraum konkrete Symptome erfüllt sein: gesundheitliche, leistungsbezogene, soziale oder emotionale Probleme wie eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive Reaktionen bei längerer Abstinenz. Für die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen gilt dies nicht in dieser extremen Weise oder aber nur phasenweise."

Klar ist: Um von einer Sucht zu sprechen, müssen über einen längeren Zeitraum konkrete Symptome erfüllt sein. Für die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen gilt dies nicht in dieser extremen Weise oder aber nur phasenweise.

Wie häufig ist "Mediensucht" wirklich?

Hinsichtlich der Prävalenz der allgemeinen Internetsucht gibt es keinen homogenen Forschungsstand.

  • Bei einer Onlinebefragung von Hahn und Jerusalemaus dem Jahr 2001 wurde eine Stichprobe von 8.266 Personen ausgewählt. Die Prävalenz hinsichtlich einer Internetsucht in der deutschen Betrachtungsgruppe wird mit 3,2 % beziffert, weitere 6,6 % werden als Risikogruppe klassifiziert. Bis zum Alter von 18 Jahren sind Jungen im Durchschnitt doppelt so häufig wie Mädchen unter den Internetabhängigen auszumachen.
  • In der PINTA-Studie führten Rumpf et al. (2011) eine Datenanalyse anhand einer Stichprobenziehung bei 15.024 Personen im Alter von 14 bis 64 Jahren in Deutschland durch und stellten mithilfe eines Fragebogenverfahrens die Prävalenz der Internetsucht in der untersuchten Bevölkerungsstichprobe fest. Die geschätzte Prävalenz für eine Internetabhängigkeit liegt bei 1,5 %, bei den 14- bis 16- Jährigen bei 4,0 % (Frauen 4,9 %; Männer 3,1 %).
  • Der Suchtbericht 2016 der Drogenbeauftragten bezieht sich wie 2015 auf diese PINTA-Studie, wonach rund 560.000 Personen in Deutschland als internetabhängig bezeichnet werden können.
  • Die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 25 Jahren zeigt, dass bei 2,5 % eine exzessive Internetnutzung vorliegt. Bei den 12- bis 17-jährigen Jugendlichen trifft das auf 3,2 % und bei den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren auf 2,1 % zu.

Welche Anzeichen gibt es?

Anzeichen für eine "Internetsucht" sind vielschichtig, mehrere Faktoren müssen dauerhaft eintreffen:

  • Vernachlässigung von privaten und gesellschaftlichen Verantwortungen,
  • signifikante Einschränkungen des Tagesablaufs
  • negative Konsequenzen für private Beziehungen
  • problematische Leistungsabfälle in der Schule/ im Beruf
  • körperliche Einschränkungen wie Haltungsschäden aufgrund von Bewegungsmangel, Schwächung des Immunsystems wegen Schlafentzugs und Übergewicht wegen Fehlernährung

Risikofaktoren

  • ein ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer Interaktion,
  • eine starke soziale Isolation sowie
  • Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit, Neurotizismus, Stressanfälligkeit, ein geringes Selbstwertgefühl und der Hang zur Prokrastination – im Sinne des Aufschiebens von anstehenden Aufgaben und Tätigkeiten
  • soziale Faktoren wie gefühlte Einsamkeit und eine gering wahrgenommene soziale Unterstützung – zum Beispiel durch Freunde oder Eltern 
  • Internetkonsum als Bewältigungsstrategie für persönliche Probleme

Nach dem Suchtbericht der Drogenbeauftragten sind Nutzer von Onlinerollenspielen, Onlineshootern oder Strategiespielen gefährdeter als Spieler anderer Genres. Häufiger betroffen sind weiterhin impulsivere Personen und solche mit einer geringeren sozialen Kompetenz. Gleiches gelte für Jugendliche aus Ein-Eltern-Familien, mit Problemen in der Peergroup oder einer geringeren Integration in der eigenen Schulklasse.

Was heißt "Onlinekaufsucht" und "Onlinespielsucht"?

Bei der Vorstellung des Berichts wurden zwei Aspekte von exzessiver Internetnutzung diskutiert: die Onlinekaufsucht und die Onlinespielsucht. Die Onlinekaufsucht werde anders als die Onlinespielsucht kaum in der Öffentlichkeit diskutiert und es fehle weitgehend ein Problembewusstsein. Grundsätzlich stelle sich für Wissenschaftler immer wieder die Frage - die keine Dämonisierung der elektronischen Medien betreiben wollen - was ist noch gewünscht, also „normal“, und was ist nicht mehr „normal“.

Spielsucht wird so definiert: Spielsüchtig sei jemand unter anderem, der vom Spiel gedanklich vereinnahmt werde, obwohl er sich eigentlich gerade in anderen Kontexten befinde. Ferner gehören psychische Entzugserscheinungen dazu, wie auch der Wunsch, immer länger spielen zu wollen. Außerdem nannte sie den Kontrollverlust über die Länge des Zeitempfindens beim Spielen. Außerdem würden zunehmende andere Vorlieben im Leben, nicht mehr gesucht würden. Weiterhin werde oft über Umfang und Länge des Spielens gelogen und der Rückzug von Freunden und der Familie finde statt.

Was können Eltern tun?

Bestärkende Faktoren

  • Maßgaben, das Internet als hilfreiches Werkzeug für die Erreichung von Zielen zu betrachten und nicht als Zweck an sich
  • die Fähigkeit, lösungsorientiert mit belastenden oder als stresshaft erlebten Situationen des täglichen Lebens umzugehen
  • Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln, verbunden mit einem hohen Selbstwertgefühl, Willensstärke und Verantwortungsbewusstsein

Für Prof. Dr. Paula Bleckmann Alanus von der Hochschule Alfter geht Medienmündigkeit vor Medienkompetenz, da man mit einer hohen Medienkompetenz durchaus Suchtverhalten entwickeln könnte. Sie empfahl die Bildschirmzeiten von Kindern und Jugendlichen zu reduzieren und die Erlebniswelt von Kindern auch außerhalb der elektronischen Medien zu eröffnen.

Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind in seiner Medienbiografie begleiten und dabei nichts überstürzen. Neben analogen Medien wie Büchern und Hörspielen können Kleinkinder gute Sendungen im TV sowie geeignete Apps entdecken und ab der Grundschule die ersten Schritte im Internet oder mit einer Konsole spielen. Computer oder Konsole braucht ihr Kind im Grundschulalter noch nicht im eigenen Zimmer, auch ein Handy empfehlen wir erst ab 9 Jahren. So kann es die Medienwelt bewusst und behutsam mit Ihnen entdecken. 

Wichtig ist aber, dass Sie von Anfang an auf die Inhalte schauen und Zeiten setzen. Dabei helfen Klassiker wie eine Eieruhr neben dem Bildschirm oder die Aktivierung von Zeitschaltuhren. Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, dass es lernt, sich die Medienzeit selbst und vernünftig einzuteilen. Dabei hilft auch, Regeln verbindlich zu vereinbaren und festzuhalten, etwa in einem Mediennutzungsvertrag.   

Sie können mit Ihrer eigenen Mediennutzung ein gutes Vorbild für Ihr Kind sein und sich auch einmal selbst kritisch fragen, wie oft sie welche Medien wozu nutzen. Anhaltspunkte, um die eigene Mediennutzung zu reflektieren, bietet unser Elterntest. Auch ein gemeinsamer medienfreier Tag in der Woche oder ein gemeinsames Medienfasten kann helfen, dass sich die ganze Familie mit anderen Dingen beschäftigt.

Interessieren Sie sich dafür, was genau ihre Kinder mit Medien machen, welche Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dabei können Sie frühzeitig über die Risiken und vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären sowie gemeinsam Medien ausprobieren und sie kritisch einschätzen

Oft beginnt eine extreme Mediennutzung nicht plötzlich. Achten Sie auf Anzeichen. Vor allem wenn Ihr Kind Langeweile vor allem durch Medien vertreibt, ständig unruhig und unkonzentriert wirkt sowie andere Beschäftigungen darunter leiden.

Hier sind Sie gefragt Ihrem Kind zusätzlich zu den Medien ausreichend Zuwendung, Auseinandersetzung und Alternativen mit Familie und Freunden anzubieten, damit es sich möglichst vielfältig erprobt und seine Freizeit vielseitig und kreativ verbringt.

Tipps im Überblick

  • Feste Regeln setzen: Bei jüngeren Kindern sollten Eltern darauf achten, dass ein tägliches Maß bei der Mediennutzung nicht überschritten wird. Bei älteren Kindern können sie zusammen mit ihrem Kind ein wöchentliches Zeitkontingent für Internet, TV und Handy festlegen, das es sich selbst einteilt.
  • Verstehen statt verbieten: Bestimmte Medien nur vorübergehend verbieten, denn diese sind oft wichtig für soziale Kontakte des Kindes, vor allem soziale Netzwerke und mobile Messenger.
  • Vorbild sein: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und schalten Sie auch einmal ab.
  • Abwechslung bieten: Kinder sollten unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennenlernen und Mediennutzung nicht als Lösung von Langeweile einsetzen. Unsere kostenlose SCHAU HIN!-App bietet über 100 Spielideen in einem Spielomat.
  • Hilfe suchen: Haben Eltern Anhaltspunkte für eine „Mediensucht“ bei ihren Kindern oder führt die Mediennutzung zu lang anhaltenden und heftigen Konflikten, können Eltern auch Beratung suchen, passende Stellen finden sie in unserem Initiativenatlas und bei Beratungsstellen vor Ort.

Weitere Kriterien und Tipps bietet unser Extrathema zu Medienzeiten.

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