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"Potenzial der Medien für die frühkindliche Bildung nutzen"

Medien spielen auch bei Kleinkindern eine zunehmende Rolle. SCHAU HIN! hat hierzu das Beiratsmitglied Prof. Dr. Sandra Fleischer und Peter Kroker befragt.

© DURIS Guillaume / Fotolia

Wie hoch ist der Anteil der Kleinkinder, die schon digitale Medien nutzen? Welche Medien sind besonders beliebt? Wie hoch sind Häufigkeit und Dauer?

Der Mainzer Medienpädagoge Stefan Aufenanger hat in diesem Jahr eine Studie zur Bedeutung von Medien im Leben null- bis fünfjähriger Kinder veröffentlicht. Danach spielen digitale Medien (mp3-Player, Computerspiele, eBooks, Tablets) bis zur Vollendung des vierten Lebensjahres eine untergeordnete Rolle. Mit dem Heranwachsen kommt es jedoch zu einem deutlichen Anstieg. So beschäftigen sich bereits 8 Prozent der Vierjährigen und sogar 13 Prozent der Fünfjährigen mit digitalen Medien. Etwa jedes zehnte Kind (11 Prozent) zwischen null und fünf Jahren schaut sich Filme über Laptops, Computer, Spielekonsolen, Smartphones oder Tablets an. Auch dieser Anteil steigt mit dem Alter deutlich an. Musik und Geschichten hören 9 Prozent auf einem mp3-Player, 11 Prozent nutzen dazu Laptops, PCs, Spielekonsolen, Smartphones oder Tablets.

Auch die aktuelle Studie „miniKIM“ weist darauf hin, dass digitale Medien für Kleinkinder anfangs eine noch vergleichsweise kleine Rolle spielen.

Eine Unterscheidung audiovisueller Inhalte hinsichtlich der Geräte ist nicht mehr zielführend.

Unsere aktuellen Untersuchungen geben jedoch Hinweise darauf, dass das Alter sinkt, in dem Kinder beginnen mit digitale Medien verstärkt umzugehen: Zum Beispiel schauen Kinder mitunter bereits vor der Vollendung des zweiten Lebensjahres mit ihren Eltern Clips auf Videoplattformen wie YouTube.

Eine Unterscheidung audiovisueller Inhalte hinsichtlich der Geräte ist nicht mehr zielführend. Eltern sehen Sendungen mit ihrem Kind sowohl über den Fernseher als auch über den Computer oder das Tablet. Wir begleiten ausgewählte Familien langzeitlich und konnten dieses konvergente Medienhandeln in allen Familien feststellen. Die Daten zeigen zudem: Computern und Computer-, Konsolen- und Onlinespielen nutzen Zwei- bis Fünfjährige etwa vier bis fünf Minuten pro Tag. Dies steigt aber mit dem Alter rasch an, ebenso wie die Ausstattung mit digitalen Mediengeräten. Während nur ein Prozent der Zwei- bis Dreijährigen eine Spielekonsole besitzt, ist es bei den Vier- bis Fünfjährigen bereits jeder Zehnte. Ebenso zeigt sich bei der Ausstattung mit Kindercomputern ein deutlicher Anstieg. Zu den beliebtesten Spielen der Kinder zählen momentan „Super Mario“, „Bob der Baumeister“, „Cars“ und „Mario Kart“.

Wo liegt im kognitiven Bereich der Unterschied zwischen der Nutzung einer App und dem Beschäftigen mit einem Bilderbuch oder einem Memory?

Das hängt von der App ab. Die kognitiven Anforderungen eines Bilderbuches oder Memorys an das Kind können denen einer altersgerechten App sehr ähnlich sein. Beispielsweise gibt es Apps, bei denen Bilder von Tieren zu sehen sind. Tippt das Kind ein Tier an, vergrößert sich das Bild und es kommt der passende Tierlaut. Das Bild ändert sich erst, wenn das Kind wieder auf den Bildschirm tippt. Genauso wie beim Buch oder beim Memory, kann das Kind dann selbst bestimmen, wie lange es sich mit einem Bild beschäftigt.

Der Vorlesemodus ist auch mit vielen Apps möglich.

Die Eltern begleiten das Kind im Idealfall dabei und erklären, was es bei der App, im Buch oder beim Memory sieht. Das heißt, der „Vorlesemodus“, also das dialogische gemeinsame Erschließen zwischen Vorlesendem und Kind im eigenen Tempo, ist auch mit vielen Apps möglich. Dennoch gibt es einen Unterschied in der Rezeptionssituation: Bilderbücher haben viele Kleinkinder zur eigenen Verfügung, sie holen sie selbst aus dem Regal und bringen sie zu den Eltern.

Für eine App braucht das Kinder ein Tablet, das kognitiv eine viel höhere Anforderung darstellt und von Kleinkindern noch nicht selbst aktiviert werden kann. Das ausgeschaltete Tablet hat auch kein buntes Deckblatt, macht also keinen inhaltlichen Vorschlag. Zudem bieten Apps häufig zusätzliche Reize wie die Möglichkeit, etwas zu hören. Es ist zu untersuchen, inwieweit dies das dialogische Miteinander beeinflusst. Euphorische Bildungsversprechen zur lernförderlichen Wirkung von Apps unterstützen wir nicht.

Welche Vorteile hat eine solch frühe Mediensozialisation und welche Nachteile?

Begleiten Eltern ihre Kinder bei den ersten Schritten in der Medienwelt entstehen verbindende Erlebnisse.

Das kann man nicht klar beantworten. In unserem Alltag und unserem Miteinander sind Medien ein wichtiger Bestandteil. Kinder beobachten das von klein auf und interessieren sich mit zunehmenden kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten dafür, was Geschwister und Eltern tun. Um Kinder auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten, ist es wichtig, dass sie positive Möglichkeiten der Mediennutzung erfahren. Wenn Eltern ihre Kinder bei den ersten Schritten in der Medienwelt begleiten und ihnen dabei kindgemäße Angebote aufzeigen, entstehen häufig für beide verbindende Erlebnisse. Diese können Kindern auch motivieren, das Erlebte weiterzuverarbeiten, etwa nachzuerzählen, was für ihre sprachliche und kognitive Entwicklung förderlich sein kann.

Kinder brauchen ganzheitliche Erlebnisse, die alle Sinne ansprechen.

Die Nachteile liegen dort, wo Kinder mit für sie unangemessenen Medieninhalten in Kontakt kommen, die sie irritieren oder verängstigen können. Problematische Nutzungsweisen bestehen außerdem dann, wenn die Medienzuwendung zur hauptsächlichen Tagesaktivität wird. Kinder brauchen ganzheitliche Erlebnisse, Erfahrungen, die über das Ansprechen aller Sinne entstehen. Sie benötigen direkte, auf sie bezogene Kommunikation. Kinder spielen gern mit anderen und wollen ihre Umwelt entdecken. Dort wo Medien andere Erlebnisse verdrängen und keinen Raum für eigene Erfahrungen in der Wirklichkeit lassen, haben sie einen zu großen Stellenwert und können die Entwicklung des Kindes hemmen.

Wie stark hängt die Mediennutzung der Kinder mit dem familiären Umfeld zusammen?

Sehr stark. Die Familie stellt die Lebensumgebung, sie ist Vorbild, schlägt Handlungen vor und bestimmt damit die frühe Kindheit. Entscheidend ist welche Medien dem Kind zur Verfügung stehen und wie die Eltern es dabei begleiten. Die Eltern sind es, die ihr Kind an die Mediengeräte und –inhalte heranführen und dabei entscheiden, was es wie lange nutzen darf. Dabei passen die Eltern im besten Fall die Mediennutzung an die Interessen und Fähigkeiten ihrer Kinder an. Kinder beobachten ihre Eltern und eifern ihnen auch nach. So kommen Kinder in Familien, die häufig fernsehen, auch eher damit in Kontakt. Außerdem möchten Eltern häufig ihre Medienvorlieben an ihre Kinder „vererben“. Wie mit anderen Erfahrungen auch, wollen sie das weitergeben, was sie begeistert und ihnen geholfen hat. Wie Eltern ihre Kinder an Medien heranführen hängt auch davon ab, welche Funktion Medien in den Augen der Eltern erfüllen. Beispielsweise setzen manche Eltern Medien gezielt ein, damit sich ihr Kind beruhigt, damit es beschäftigt ist oder damit es etwas lernt.

Ab welchem Alter oder Reifegrad und unter welchen Bedingungen können Eltern ihren Kindern ihr Smarthphone oder Tablet überlassen?

Im Kleinkindalter würden wir von einem „Überlassen“ gänzlich abraten. Der Umgang mit Smartphones und Tablets sollte stets begleitet werden. Ab wann dies für Kinder sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal festlegen. Wenn das Kind von allein auf das Gerät aufmerksam wird und Interesse daran zeigt, können Eltern dem Kind die Gelegenheit geben, es zu erkunden. Es kann anfangs sein, dass das Kind versucht, das Gerät in den Mund zu stecken, um es mit allen Sinnen zu erkunden.

Wenn sich das Kind auch inhaltlich mit dem Gerät beschäftigt und die Bedienung einer bestimmten App in den Grundzügen beherrscht, können Eltern nach und nach dazu übergehen es ihm kurzzeitig zum Spielen zu geben. Doch auch wenn Kinder mitunter bereits im 2. Lebensjahr wissen, wie sie auf einem Touchscreen von einem Bild zum nächsten wischen und mit einem Fingertipp Videoclips starten können, benötigen sie noch Unterstützung. Eltern sollten immer anwesend sein, um das Kind bei inhaltlichen und technischen Schwierigkeiten beiseite zu stehen.

Viele Sendungen und Apps überreizen Kleinkinder, auch wenn sie vielleicht für diese Zielgruppe produziert wurden. Welche Inhalte sind für sie zu empfehlen? Wie filtern Eltern gute Angebote?

Niemand kennt das eigene Kind besser als die Eltern, also sollten Eltern in erster Linie ihrer Einschätzung vertrauen. Eltern können das jeweilige Angebot erst einmal selbst testen, um herauszufinden, ob es zu ihrem Kind passt. Im Allgemeinen sind solche Inhalte altersgerecht und greifen Themen auf, die das Kind auch aus seiner eigenen Erfahrung kennt. Denn Kinder können nur solche Inhalte verstehen, die sie auf eigene Erlebnisse beziehen können, z.B. die Tier-App mit einem Besuch im Streichelzoo. Zudem sollte das Angebot ohne Weiteres das Beenden des Programms erlauben. Allzu lange Sendungen oder Apps, die das Kind dazu animieren, immer weiter zu spielen, erschweren das Aufhören und können Kinder überfordern. Deshalb ist es ratsam, Angebote mit dem Kind gemeinsam zu nutzen, um zu sehen, wie das Kind darauf reagiert.

Sollten Medien stärker in Kindertagesstätten und Kindergärten eingesetzt werden?

Nicht unbedingt. In vielen Tageseinrichtungen sind Medien bereits ein fester Bestandteil. Das heißt nicht, dass überall ein Fernseher steht oder jeder Kindergarten über möglichst viele Mediengeräte verfügt. Wichtig ist, dass Erziehende das Potenzial der Medien für die frühkindliche Bildung nutzen und Medienangebote bewusst gemäß des Alters der Kinder einsetzen.

Kinder auf die Medienwelt vorzubereiten ist eine wichtige Aufgabe für pädagogische Einrichtungen.

In unserer Welt spielen Medien eine große Rolle. Kinder darauf vorzubereiten und sie stark dafür zu machen ist eine wichtige Aufgabe pädagogischer Einrichtungen. Deswegen ist es bedeutend, Kinder an den positiven Umgang mit Medien heranzuführen, damit sie durch das eigene Handeln ihre Medienkompetenz entwickeln können. Viele Tageseinrichtungen haben das erkannt und setzen auch technische Medien ein, um Kindern ihre Umwelt erfahrbar zu machen. Dabei nehmen Kinder beispielsweise Geräusche wie Blätterrascheln auf, spielen sie sich gegenseitig vor und erraten dann, was sie hören.

Prof. Dr. Sandra Fleischer ist  Vertretungsprofessorin für Medienkompetenz- und Aneignungsforschung an der Universität Leipzig und hat in Erfurt die Juniorprofessur für Kindermedien inne. Sie gründete die Arbeitsgruppe „Medien in der frühen Kindheit“, in der WissenschaftlerInnen der Universitäten Leipzig, Erfurt und Mainz gemeinsam forschen. Peter Kroker ist Medienpädagoge und Absolvent des Masterstudiengangs Kinder- und Jugendmedien der Universität Erfurt.

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