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"Verhaltensroutinen durchbrechen"

Ständig am Handy, gestresst und dennoch die Angst, etwas zu verpassen? Prof. Gerald Lembke zeigt in diesem Gastbeitrag 10 Wege aus dem digitalen Hamsterrad.

Jugendlich haben es schwer in dieser digitalen Zeit. Die Ende 2016 erschienene JIM-Studie (Jugendliche zwischen 12 und 19) zeigt auf, dass das aktuelle Kommunikationsverhalten nahezu vollständig aus der realen Welt in die digitale Welt verlagert ist.  Zudem haben sich die Nutzungszeiten weiter erhöht. Die Jugendlichen sind bei den exzessiven Bildschirmnutzungszeiten weit von einer digitalen Medienkompetenz entfernt. Und der sogenannten Generation Y scheint das Smartphone am Körper angewachsen zu sein.   

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Aufmerksamkeit von Goldfischen

Und nicht nur das: Dieses Verhalten ist zudem mit Risiken verbunden.  Die digitale Kommunikation überflutet sie mit Reizen und zwingt sie zum Multitasking. Die Aufmerksamkeitsspanne nimmt dabei immer weiter ab. Erst jüngst hat Microsoft eine neue Studie veröffentlicht, die zeigt, dass die Aufmerksamkeitsspanne beim Menschen von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden im Jahr 2013 gesunken ist. Damit ist die Aufmerksamkeitsspanne von Goldfischen sogar noch um eine Sekunde höher als bei Menschen. Schuld daran sind nicht die Smartphones, sondern die exzessive Nutzung von Kommunikationsapps, sozialen Netzwerken und Spielen.

Es geht darum, wieder das „Abschalten“ zu erlernen und das „Anschalten“ als Selbstverständlichkeit zu durchbrechen.

Es kann demzufolge nicht darum gehen, Smartphones aus dem Leben der Jugendlichen zu verdammen. Es geht um den verantwortlichen Umgang, konkret um das Durchbrechen von Verhaltensroutinen. Smartphonenutzung ist zu einer Routine geworden, die für immer mehr Menschen zu einer schlechten Routine mutiert ist. Doch gerade diese Routinen zu durchbrechen, ist für Jugendliche besonders schwer. Denn für das Durchbrechen eigener Verhaltensroutinen sind Fähigkeiten erforderlich, die selbst bei Erwachsenen häufig nicht besonders ausgeprägt sind: Selbstbewusstsein, Reflexionsfähigkeit oder ausgeprägte Selbststeuerungsfähigkeiten. Gerade unter letzterer verstehen wir die Fähigkeit zur Selbstdisziplin.

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Es sollte also darum gehen, wieder das „Abschalten“ zu erlernen und das „Anschalten“ als Selbstverständlichkeit zu durchbrechen! Für alle gilt: Achtsamkeit und gezielte Enthaltsamkeit wirken sich positiv auf die eigene persönliche Entwicklung in jedem Alter aus und liefern im Alltag mehr Zufriedenheit und Glücksmomente.

10 Wege aus dem digitalen Hamsterrad

  1. Reflektion: Installieren Sie die App „Offtime“, um Ihr Nutzungsverhalten zu erfassen und zu verringern.

  2. Apps: Löschen Sie 90 Prozent Ihrer Apps. Stellen Sie Benachrichtigungen ab. Nutzen Sie Statistik-Apps, um Ihr Nutzungsverhalten zu überwachen.

  3. Analoger Wecker: Das Schlafzimmer ist digitalfrei. Smartphones bekommen ihr Bettchen in einer Schublade außerhalb des Schlafzimmers. Angeschaltet wird es erst nach Duschen und Frühstück.
     
  4. WhatsApp: Deinstallieren. Vorher schreiben Sie Ihren Kontakten, dass Sie ab sofort via Telefon und via SMS erreichbar sind.

  5. Facebook: Entfreunden Sie sich von Personen, die nichts zu sagen haben und Ihre wertvolle Lebenszeit mit Katzenfotos und Werbung zumüllen.

  6. Essen: Bei gemeinsamen Mahlzeiten sind digitale Medien tabu.

  7. Notifications: Schalten Sie alle (!) Benachrichtungen in den Einstellungen Ihres Smartphones ab.

  8. Nutzungsfrequenz: Statt alle sieben Minuten auf das Smartphone zu schauen, reduzieren Sie es zu Beginn auf einmal die Stunde. Auto, Bahn, Flugzeug und Klos sind handyfrei und dienen der Erholung.

  9. Reales Leben: Shiften Sie Ihr virtuelles Leben wieder mehr in das reale Leben. Planen Sie Tagträumen und Spaziergänge in der Natur ein – das fördert Ihre Kreativität und entspannt zugleich.

  10. Kinder: Je jünger, umso enger müssen sie bei ihrer digitalen Mediennutzung begleitet werden.

Gerald Lembke ist Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Sein Forschungsgebiet ist das digitale Mediennutzungsverhalten. Er ist Buchautor und Berater für den Einsatz und den Umgang mit Digitalen Me­dien in Wirtschaft, Gesellschaft und Bildung. Zu seinen jüngeren Publikationen zählen „Im digitalen Hamsterrad – Ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Smartphone & Co“ (2016) und „Die Lüge der Digitalen Bildung“ (2014) mit dem Ko-Autor Ingo Leipner. Mehr Infos zum Hören auf gerald-lembke.de/podcast.

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