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Vorbilder im TV – Zwischen Gut und Böse

© iStock/karelnoppe
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Was wir sehen, was wir medial konsumieren, ist nicht einfach schnöde Unterhaltung, sondern beeinflusst uns – zumindest unterbewusst. Gerade Kinder und Jugendliche befinden sich in einer Phase des Lebens, in der Vorbilder eine wichtige Orientierungshilfe darstellen. Soziale Netzwerke, Sendungen im Fernsehen oder Games können dabei wegweisend sein. Doch was, wenn der Weg in eine ungesunde Richtung gezeigt wird?

Körperkult, Schönheitsideale und Sexismus

Bei dem Blick in die Programmzeitschrift kann man manchmal verzweifeln, denn die deutsche Fernsehlandschaft ist nicht frei von umstrittenen Serien. Seit elf Jahren sucht Heidi Klum nach dem nächsten Topmodel. Erfolgreich sind diejenigen Mädchen, die möglichst dünn, hübsch und bereit sind, vieles mit sich machen zu lassen. So werden Gefühle und Zweifel unterdrückt um „Challenges“ zu gewinnen, statt junge Frauen und ihre Gefühle ernst zu nehmen.
Was stellt solch eine Sendung mit einem Kind an? Was für Werte werden vermittelt?

Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen untersuchte 2015 zusammen mit dem Bundesfachverband Essstörungen den Zusammenhang der Castingshow und anderen derartigen Fernsehsendungen mit Krankheiten wie Magersucht und Bulimie. Das Ergebnis zeigt: Für fast ein Drittel der Betroffenen war die Sendung Germany’s Next Topmodel entscheidend für die eigene Krankheitsentwicklung.

Gleichzeitig sind Dating-Shows sehr beliebt. Allen voran: Der Bachelor. Die Dating-Welt, die den Zuschauern dort präsentiert wird, strotzt nur so vor Klischeehaftigkeit und Sexismus. Die Frauen, die um die Gunst des Mannes buhlen, werden einerseits zum Spielball. Werden sie nach Hause geschickt, waren sie nicht schön genug oder zu zickig – zumindest liegt die Schuld bei ihnen. Gleichzeitig sind die Frauen vollkommen passiv: Das Konzept schließt von vornherein eine Entscheidung ihrerseits aus. Andererseits werden Jungen dabei mit einem neomaskulinen Stereotyp konfrontiert, der die männliche Persönlichkeit auf harte, emotionsarme und bisweilen chauvinistische Attribute reduziert. Die Sendung vermittelt ganz deutlich, um erfolgreich zu sein und geliebt zu werden muss ich als Frau unbedingt schön sein und als Mann stark und emotionsarm – vor allem anderen.

Es geht auch anders: Sensibilität, Vielfalt und Partizipation

Was oft zu kurz kommt, wenn stets über die negativ-Beispiele gesprochen wird, sind die Sendungen, die Kinder und Jugendliche bestärken und sensibilisieren.
Das kann zum Beispiel Hörspiel- und Serienliebling Benjamin Blümchen: Der Elefant aus Neustadt regt zur Partizipation in der demokratischen Gesellschaft an. Etwa wenn er einen Baum besetzt, damit dieser nicht gefällt werden kann. Benjamin Blümchen setzt sich mit Gerechtigkeit auseinander und schreckt nicht davor zurück, bei Ungerechtigkeiten zu widersprechen. Dadurch werden auch die jungen Zuschauer und Zuschauerinnen sensibilisiert.

Auch Zauberschüler Harry Potter hat einen guten Einfluss auf seine Fans. Die Welt der Zauberei hat es mit dem erstarkenden Bösewicht Voldemort zu tun, der ganz streng in magisch und nicht-magisch unterteilt, wobei die nicht-magischen Menschen (Muggle) oder auch Hexen und Zauberer aus nicht-magischen Familien als „Schlammblut“ diskriminiert werden. Wissenschaftler fanden 2014 in einer Studie, die im „Journal of Applied Social Psychology“ veröffentlicht wurde, heraus, dass Harry-Potter-Fans toleranter gegenüber Minderheiten auftreten und in der Lage sind, mehr Verständnis aufzubringen als die Vergleichsgruppen - Ebenso wie Zauberer Harry dies tut.

Junge Frauen und Mädchen, die in Sendungen wie „Der Bachelor“ oder „Germany’s Next Topmodel“ auf ihr Äußerliches und ihr Geschlecht reduziert werden, stehen im Gegensatz zu Heldinnen wie Pippi Langstrumpf oder Anne von Green Gables. Hier zählt, wer man als Person ist und nicht unbedingt wie man aussieht. Außerdem stellen die beiden genannten Mädchen mutige und starke Persönlichkeiten dar, die durch ihre Klugheit überzeugen können.

Zwischen Bestärkung und Rassismus

Auch wenn Pippi Langstrumpf einige Kinder in ihrer Entwicklung bestärken kann, trifft dieser Klassiker der Kinder- und Jungendunterhaltung direkt in die koloniale und rassistische Handlungslogik.  Pippis Vater ist in den neuen Auflagen zwar nur noch als „Südseekönig“ bekannt, doch steckt in der Handlung des Kinderbuches trotzdem die Vorstellungen von dem zivilisierten „Wir“ (Pippi, ihre Freunde, ihr schwedisches Umfeld und ihr Vater) und dem exotischen, unzivilisierten „Anderen“, irgendwo in der Südsee. Pippi bietet nicht für alle Kinder Identifikationspotential, eben durch diese Problematik, die von Wissenschaftlern aus emanzipatorischen und postkolonialen Perspektiven in den letzten Jahren immer stärker betont und in den Fokus gestellt wird. Für die Sichtbarkeit von Menschen des globalen Südens oder People of Colour in den Medien muss immer wieder gekämpft werden.

Ein Plädoyer für den kritischen Umgang mit Medien

Diese Beispiele zeigen sehr deutlich, wie wichtig kritisches Hinterfragen der Medien für Kinder ist. Gerade das Beispiel „Pippi Langstrumpf“ bietet Raum um innerhalb einer Geschichte emanzipatorische Ideen hervorzuheben und gleichzeitig rassistische Vorurteile zu reflektieren und zu widerlegen. Das gemeinsame Diskutieren und Reflektieren über die Inszenierung und Vorbestimmung von Rollenbildern ist ein gutes Mittel, Heranwachsenden eine selbstbestimmte Werte-, Meinungs- und Persönlichkeitsbildung zu ermöglichen. SCHAU HIN! hat dafür einige Tipps zusammengestellt:

Gemeinsam schauen: Lassen Sie ihr Kind nicht alleine und begleiten es beim Medienkonsum. Ist es bei sozialen Medien und eigenem Internetzugang schwieriger, sprechen Sie ihr Kind aktiv auf das Gesehene, Gehörte und Erlebte an.

Interesse zeigen: Auch wenn Ihnen die Helden der Lieblingssendung nicht gefallen, zeigen Sie aufrichtiges Interesse für die aktuellen Vorbilder Ihres Kindes. Vermitteln Sie klar, dass Sie verstehen möchten, warum Ihr Kind gewissen Stereotypen hinterhereifert.

Realitätsgehalt besprechen: Nicht erst seit Scripted-Reality-Formaten wie „Berlin Tag & Nacht“ fällt es Kindern viel schwerer, Realität und Fiktion in Unterhaltungsformaten zu unterscheiden. Überlegen Sie gemeinsam, welche Szenen man wirklich so erleben würde und welche überspitzt dargestellt sind.

Vorbilder reflektieren: Thematisieren Sie den Inszenierungsgrad der Vorbilder ihres Kindes. Meistens wissen junge Mediennutzer zwar Bescheid beispielsweise über Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung, sind sich der Tragweite jedoch nicht bewusst. Dies gilt insbesondere für vermeintliche Schnappschüsse von Stars auf Plattformen wie Instagram, die realitätsferner sind als sie scheinen.

Stereotype brechen: Mehr als nur gegebene Stereotype zu besprechen, hilft es auch zu alternativen Rollenbildern zu greifen, um zu sehen, wie einseitig Attribute von Geschlecht, Ethnizität etc. transportiert werden. Suchen Sie nach Gegengewichten zu den gängigen Stereotypen der Modelshows und weiterer Formate, insbesondere in den bereits von Ihrem Kind konsumierten Medienformaten.

Kontext verdeutlichen: Erläutern Sie Ihrem Kind, dass sich die Kritik nicht gegen die einzelnen Schauspieler, YouTube-Stars etc. richtet, sondern größere Zusammenhänge hinter der Kultivierung von Stereotypen stehen: Mainstream-Meinungen, Starkult, veraltete Rollenbilder…

Selbstvertrauen stärken: Machen Sie deutlich, dass Ihre Kinder nicht jedem Trend nacheifern müssen, um soziale Anerkennung zu erlangen. Diskutieren Sie mit Ihrem Nachwuchs, was die besten Freunde wirklich an einem schätzen und wie einige Attribute von stereotypisierten Vorbildern dazu auch nicht immer passen.

 

 

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