Vermischtes

Wie digitale Medien die Schule verändern

Medien bestimmen unseren Alltag, sind aber in den meisten Schulen noch nicht angekommen, diese stecken oft noch in der Kreidezeit. Wir sprachen mit den beiden Organisatoren des Barcamps Digitale Bildung, Martina Grosty und Björn Nölte, warum das so ist.

Am 29. August 2015 trafen sich Lehrende, Studierende und Interessierte zum Barcamp Digitale Bildung in der Finkenkrug-Schule in Berlin. Kurze Vorträge stellten Programme und Techniken vor, um Inhalte multimedial und interaktiv zu vermitteln: von Augmented Reality über den Einsatz von Videos, Apps und Lernplattformen bis zum Modell „flipped classroom“. Die Methode bezieht Schüler aktiv in die Aufbereitung und Vermittlung von Lernstoff ein, vor allem mit digitalen Hilfsmitteln.

In Berlin erstellt das Projekt „Flip your Class!“ mit der Herman-Nohl-Schule, dem Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium und der Evangelischen Schule Berlin Zentrum dazu Unterrichtskonzepte und untersucht sie. Das Projekt wird von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, der Bertelsmann-Stiftung und dem Berliner Lernportal sofatutor getragen. Am Nachmittag fanden dann offene Sessions im Barcamp-Format statt. Dabei behandeln die Teilnehmer Themen in einer selbst koordinierten Großgruppenmoderation.

Organisiert haben das Barcamp Digitale Bildung Martina Grosty, E-Teacherin und Dozentin in der Lehrerfortbildung, und Björn Nölte vom Studienseminar Potsdam. Wir haben mit ihnen über den Einsatz digitaler Medien in der Schule gesprochen.

Digitale Medien bieten unzählige Möglichkeiten, Bildung zu vermitteln. Was sind konkret die Vorteile im Vergleich zum herkömmlichen Frontalunterricht?

Martina Grosty: Ein gewaltiges Potenzial liegt darin, Schüler interaktiv beteiligen zu können. Es entstehen neue Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens. Das Material kann aktuell gehalten werden. Am Beispiel der Finkenkrug-Schule, einem Förderzentrum mit sonderpädagogischem Schwerpunkt “Geistige Entwicklung”, sieht man deutlich, dass Medien für Schülern ein Kommunikations- und Hilfsmittel ist, dass ihnen das Lernen überhaupt erst ermöglicht.

Björn Nölte: Digitale Medien und Frontalunterricht, das ist nicht unbedingt ein Gegensatz. Mit Feedback-Apps wie socrative.com oder Edkimo lassen sich interaktive Lernformen sehr effizient in einen guten Frontalunterricht einbauen. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass über den unreflektierten Einsatz beispielsweise von Lernvideos ein neuer, digitaler Frontalunterricht Einzug in die Schule hält. Es geht daher neben den technischen Möglichkeiten immer darum, dass die Lehrkraft den didaktischen Sinn neuer Unterrichtsmethoden im Auge behält.

Warum kommen digitale Medien in Schulen immer noch kaum zum Einsatz?

Martina Grosty: Zum einen liegt es an der fehlenden Infrastruktur (Hardware/Internetzugang), zum anderen an der Haushaltslage. Dazu kommen fehlende Administratoren und die fehlende verbindliche Weiterbildung der Lehrkräfte. In meinen Fortbildungen treffe ich immer wieder auf LehrerInnen, die von ihrer Schulleitung vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Das mindert natürlich deren Bereitschaft sich darauf einzulassen. Ferner müssen wir die Eltern frühzeitig ins Boot holen. Nur eine gute Zusammenarbeit von Schulleitung, Lehrkräften und Eltern führt zum erfolgreichen Einsatz digitaler Medien in der Schule.

Björn Nölte: Viele Lehrkräfte haben Berührungsängste. Ich führte kürzlich eine Fortbildung in einem OSZ durch, in dem in fast jedem Raum ein interaktives Whiteboard hing. Auf Nachfrage bekannten sich nur zwei Kollegen dazu, regelmäßig damit zu arbeiten. Die größten Veränderungen sehe ich dort, wo Kollegien mich freiwillig zu Fortbildungen einladen. Es kommt sehr stark auf die Haltung der Lehrkräfte an. In der Versorgung mit digitaler Infrastruktur (WLAN) gibt es noch an vielen Schulen Nachholbedarf.

Was braucht es, um diese Hürden zu minimieren?

Martina Grosty: Solange diese Berührungsängste aller Beteiligten nicht abgebaut werden, kann eine erfolgreiche Umsetzung nicht gelingen. An der Finkenkrug-Schule liegt es vor allem an der gelungenen Zusammenarbeit zwischen der stellvertretenden Schulleiterin Frau Moser, ihrem Medienbeauftragten und ihrem Administrator, dass erfolgreiche Fortbildungen durchgeführt werden. Wir haben es an dieser Schule geschafft, dass alle Beteiligten einen Mehrwert für sich selbst und den Unterricht erkennen.

Björn Nölte: Die Lehrkräfte müssen selbst die Erfahrung machen, dass digitale Medien ihren Arbeitsalltag erleichtern und Spaß machen. Wer erlebt hat, wie effizient Dienstberatungen mit digitalen Medien ablaufen oder wie sich die Unterrichtsvorbereitung digital verbessern lässt, ist auch viel eher bereit, das in den Unterricht zu integrieren. Ich setze im Vorbereitungsdienst digitale Tools ein, die meine Referendare wiederum im Unterricht erproben.

Digitale Infrastruktur kostet viel Geld. Wie stehen Sie zu Sponsoring und zum Ansatz „Bring your own device“?

Martina Grosty: Der Ansatz ist eine Möglichkeit um Schulen schnell im Umgang mit digitalen Medien zu stärken. Dabei entstehen jedoch neue Probleme. Schüler brauchen speziell gesicherte WLAN-Zugänge, der Unterricht muss geräteunabhängig funktionieren. Dies sind weitere Herausforderungen für die Schulen und die Lehrer.

Björn Nölte: Ich halte BYOD für den richtigen Ansatz, um digitale Medien plattformunabhängig  in den Unterricht zu integrieren. Der Vorteil ist ja gerade der, dass man Schülern und Eltern kein spezielles Endgerät vorschreibt. Es kommt darauf an, plattformübergreifende Apps bzw. Software zu benutzen. Wer an einem Berliner oder Potsdamer Gymnasium unterrichtet, weiß: 80-100% der Schüler haben ein eigenes Smartphone. Allerdings gilt das nicht für jede Klasse. Deshalb muss die Lehrkraft die Voraussetzungen sensibel erkunden, wenn sie auf BYOD setzt. Beim Thema Sponsoring muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Wirtschaft über Schulbücher, Unterrichtsmaterial etc. oft schon sehr stark an den Schulen vertreten ist. Ich empfinde dosiertes Sponsoring auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit vertretbar. Ich denke da an gesponsorte Endgeräte, um BYOD mit allen Schülern einer Lerngruppe durchzuführen.

Schüler wachsen selbstverständlich mit Medien auf. Wie kann man die „digital gap“ zu vielen Lehrern schließen?

Martina Grosty: Wir müssen versuchen bei Lehrkräften ein neues Bewusstsein zu schaffen. Wenn wir erreichen, dass Lehrkräfte bereit sind sich von ihrer „traditionellen“ Rolle lösen, haben wir reelle Chancen diese Lücke zu schließen. In den letzten Jahren ist mit der Umsetzung des Flipped Classroom zu sehen, dass dies durchaus gelingen kann.

Björn Nölte: Den Lehrern muss es Spaß machen, aus ihrer Rolle als Vermittler und “Bescheidwisser” herauszutreten. Auch Lehrer müssen Lerner sein und offen für neue Wege, auch wenn es erst einmal Umwege sind. Die Schulleitungen können entscheidend dazu beitragen, ein Schulklima zu erzeugen, das von Innovationsbereitschaft und Offenheit gekennzeichnet ist. An meinen 38 Ausbildungsschulen sehe ich deutlich, wie sehr sich ermutigende Rückmeldungen der Schulleitungen an innovative Kollegen positiv auswirken. Außerdem geht es vor allem in der Ausbildung neuer Lehrkräfte darum, eine offene und kritische Haltung zu digitaler Bildung auszustrahlen und Formen digitalen Unterrichtens zu ermöglichen. Veranstaltungen wie unser Barcamp dienen natürlich auch diesem Zweck.

Wie können Eltern die digitale Bildung ihrer Kinder von zu Hause aus begleiten?

Martina Grosty: Die Session vom Kriminologen T.-G. Rüdiger „Cybergrooming in virtuellen Welten“ auf unserem Barcamp hat eindrucksvoll gezeigt, dass eine Erziehung zur Medienkompetenz ohne Einbeziehung der Eltern nicht funktionieren kann. Ständige Verbote oder Einschränkungen behindern die Ausbildung von Medienkompetenz. Sie führen eher dazu, dass in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern Gräben entstehen. Digitale Bildung muss selbstverständlich werden, um in einer digitalen Welt zu leben.

Björn Nölte: Eltern sollten den angemessenen Umgang mit digitalen Medien vorleben. Also reflektieren Sie Ihr eigenes digitales Leben! Jugendliche orientieren sich zwar vor allem an der Peer-Group, Kinder ahmen jedoch das Verhalten der Eltern nach. Nicht die Augen verschließen und nur Verbote aussprechen, sondern sich aktiv mit digitalen Gewohnheiten der Kinder auseinandersetzen. Auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und Ehrlichkeit offen über Chancen und Gefahren digitaler Medien sprechen. Neugierig sein und gleichzeitig notwendige Grenzen ziehen. Es ist auch erlaubt, als Elternteil Spaß an digitalen Medien zu haben!

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