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Zum Weltgesundheitstag: Machen Medien krank?

Digitale Medien machen Kinder abhängig, krank und egozentrisch, sagen die Kritiker. Zum Weltgesundheitstag am 7. April ein Beitrag für mehr Sachlichkeit.

©Ingo_Bartussek
©Ingo_Bartussek

Unter Psychologen, Medienexperten oder Lehrer gibt es viele, die in den neuen Medien für Kinder vor allem eine Gefahr sehen. Der vielleicht bekannteste Vertreter ist Hirnforscher Manfred Spitzer von der Uniklinik Ulm. In seinen Büchern „Digitale Demenz“ (2010) und „Cyberkrank!“ (2015) spricht Spitzer davon, dass die ständige Nutzung von digitalen Medien die Gesundheit ruiniert. Vor allem für Kinder seien die Gefahren groß, so Spitzer. Denn ihre Gehirne seien noch im Wachstum und würden durch Online-Aktivitäten massiv in ihrer Entwicklung gestört.

"Digitale Demenz" vs. "Digitale Hysterie"

Die radikale Kritik von Manfred Spitzer teilen die wenigsten Experten. Als „digitale Hysterie“ bezeichnet dies beispielsweise der Psychotherapeut Georg Milzner. Hysterisch reagierten dabei Experten, die unter dem Deckmantel von Wissenschaft Behauptungen verbreiten, die nicht belegt sind. So werde aus Ängsten ein sich ausbreitender Panikmodus, der Eltern von Kindern entfremde: „Wenn Kinder heute die digitale Welt für sich entdecken, dann vollziehen sie im evolutionären Sinn eine Anpassungsleistung. Kinder müssen auf das vorbereitet werden, was ihre Zukunft sein wird.“

Prof. Gerald Lembke rät in seinem Gastbeitrag: Es sollte also darum gehen, wieder das „Abschalten“ zu erlernen und das „Anschalten“ als Selbstverständlichkeit zu durchbrechen! Für alle gilt: Achtsamkeit und gezielte Enthaltsamkeit wirken sich positiv auf die eigene persönliche Entwicklung in jedem Alter aus und liefern im Alltag mehr Zufriedenheit und Glücksmomente.

Andrew Przybylski von der Universität Oxford und Netta Weinstein von der Universität Cardiff haben sogar herausgefunden, dass die Medienzeit vor dem Bildschirm das Wohlbefinden Jugendlicher steigert. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Erst wenn sie diese Zeitspanne überschritten haben, nehme das Wohlbefinden der Jugendlichen ab.

"Mediensucht" umstritten

Die Frage, bis zu welchem Ausmaß der Alarmismus um krank machende Medien begründet ist, lässt sich so einfach nicht beantworten. Auch der Begriff der Mediensucht ist stark umstritten. "Klar ist: Um von einer Sucht zu sprechen, müssen tatsächlich über einen längeren Zeitraum konkrete Symptome erfüllt sein: gesundheitliche, leistungsbezogene, soziale oder emotionale Probleme wie eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive Reaktionen bei längerer Abstinenz. Für die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen gilt dies nicht in dieser extremen Weise oder aber nur phasenweise", so SCHAU HIN! Beirat und Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus.

So gehen die Wissenschaftler der Untersuchung „Always On“ von der Universität Mainz davon aus, dass bloß 2,5 Prozent der Jugendlichen tatsächlich als internetsüchtig bezeichnet werden können. 14,8 Prozent der befragten 1800 Schüler im Alter zwischen 11 und 17 gelten als gefährdet. Als süchtig werden dabei die Personen benannt, die bestimmte Kriterien, wie eine exzessive Nutzung, Kontrollverlust oder Entzugserscheinungen vorweisen. Im Umkehrschluss bedeuten die Befunde aber auch: Die Mehrheit der Jugendlichen haben ein gesundes Verhältnis zum Internet und ihrem Smartphone. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Verstehen statt verbieten

Entgegen des bei verbreiteten Alarmismus ist der Anteil Jugendlicher mit exzessiver Mediennutzung
relativ klein und die Phase ist oft vorübergehend. Dennoch ist das Phänomen ernst zu nehmen. So sind gesundheitliche Schäden möglich. Zudem kann eine exzessive Mediennutzung Anforderungen des Alltags und Entwicklungschancen beeinträchtigen sowie ein Hinweis auf persönliche Probleme oder eine soziale Isolation des Kindes sein.

Oft beginnt eine extreme Mediennutzung nicht plötzlich, sondern die Voraussetzungen dafür werden
schon früh gesetzt. Wenn Kinder beispielsweise lernen ihre Langeweile vor allem durch
Computerspielen oder Fernsehen zu vertreiben. Hier sind Eltern gefragt ihrem Kind zusätzlich zu
den Medien ausreichend Zuwendung, Auseinandersetzung und Aktivitätsmöglichkeiten mit Familie
und Freunden zu schaffen, um sich möglichst vielfältig zu erproben und eine kreative Freizeitgestaltung ihrer Kinder zu unterstützen.

Qualität vor Quantität

Auf das Smartphone einfach zu verzichten, wie Kritiker fordern, kommt nicht nur für Jugendliche nicht in Frage. Medien sind Teil unseres Alltags, sie dienen dazu, dass wir uns über Neuigkeiten informieren und Kontakte pflegen. Auf diese Weise bereichern sie Freizeit, Bildung und Beruf. Statt sie zu verteufeln, sollten wir deshalb lernen und darauf achten, sie kompetent zu nutzen.

Wichtig ist die kompetente Nutzung, um Informationen zu selektieren, Inhalte kritisch zu bewerten, sich angemessen auszutauschen und auf ein gesundes Maß zu achten . Doch noch wichtiger als das "wie viel" ist tatsächlich auch das "was" und "wie bei der Mediennutzung. Medien sind als Mittel zu nutzen und nicht zu dem Zweck, Probleme zu verdrängen oder Emotionen zu regulieren. Eltern können mit einem reflektierten Umgang ein Vorbild sein und Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen, sie auf Risiken hinweisen, aber auch die kreativen Potenziale sowie die Chancen sozialer Medien sehen und fördern.

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