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"Zuwanderungsgeschichte berücksichtigen"

Professor Dr. Haci Halil Uslucan, Mitglied des SCHAU HIN!-Beirats und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Essen Duisburg, fordert, dass Medien stärker die Lebenswelten von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte thematisieren sollten.

© ZouZou / Fotoarabia

Welches Bild von Migranten gerade aus dem türkischen oder arabischen Kulturkreis wird Ihrer Meinung nach in den Medien vermittelt?

Prof. Uslucan: Weitestgehend ist das Bild dieser Gruppe leider nach wie vor defizitär; sie werden vielfach dargestellt als „gefährlich“, „bedürftig“ oder „integrationsresistent“. Hin und wieder erleben wir auch Exotisierungen.

Wie definieren Sie gelungene Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund?

Prof. Uslucan: Gelungene Medienkompetenz würde sich darin ausdrücken, dass die Auswahl der Sendungen altersgerecht ist, die „Dosis“ des Medienkonsums angemessen ist und es eine Vielfalt an Mediennutzung gibt.

Welche Angebote in der deutschen Medienlandschaft wären dazu wünschenswert? Wie oder worüber kann man Kinder mit Migrationshintergrund erreichen?

Prof. Uslucan: Deutsche Medien müsste vielmehr die Lebenswelten von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte auch thematisieren: wird beispielsweise, um bei einem aktuellen Beispiel zu bleiben, die Bedeutung des Fastens und des Fastenbrechens, die Bedeutung der wichtigen religiösen Feste wie Zuckerfest und Opferfest, irgendwie thematisiert? Wird auf Spiele eingegangen, die in anderen kulturellen Kreisen gespielt werden, damit Eltern mit ihren Kindern über diese Spiele in Dialog kommen etc.?

Können Sie einen Unterschied in der Mediennutzung von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund feststellen? Was bedeutet das für die Medienaufklärung/-erziehung?

Prof. Uslucan: Hierzu existieren eine Reihe von allerdings früheren Untersuchungen: Granato hat im Jahre 2001 die Gruppe der 6-13-jährigen deutschen und türkischen Kinder verglichen. Dabei zeigte sich, dass die Rate der türkischen Kinder, die täglich ferngesehen hatten, mit 77% etwas höher lag als die der deutschen (73%). Differenziert man mit Blick auf Gewaltprävention den Medienkonsum nach Genres, so zeigte sich, dass zwar bei Krimis kaum Unterschiede gibt (8% bei türkischen, 12% bei deutschen Kindern), jedoch substanzielle Unterschiede bei betrachteten Actionfilmen (22% bei türkischen und 12% bei deutschen Kindern) und Zeichentrickfilmen (59% bei türkischen, 37% bei deutschen Kindern) existieren. Für die Medienerziehung erwächst daraus die Aufgabe, dass die türkischen Eltern noch stärker auf die negativen Folgen des Mediengewaltkonsums bei Kindern hingewiesen werden müssen.

Wo liegen Unterschiede in der Mediennutzung zwischen den Generationen in Familien mit Migrationshintergrund? Wo gibt es Hürden in der interkulturellen Medienerziehung? Welchen Bedarf haben zweisprachige Familien?

Prof. Uslucan: Während älteren Türkeistämmige eher türkische Medien konsumieren (aufgrund sprachlicher, aber auch thematischer Nähe), ist der Medienkonsum der jungen Generation deutlich stärker bikulturell ausgerichtet. Rund die Hälfte der 14 bis 49 jährigen nutzen beide Medien.
Deutsche Medien werden stärker mit Sachlichkeit (Vertrauen in deutsche Nachrichten größer als türkische), türkische Medien eher mit Emotionalität assoziiert.

Professor Dr. Haci Halil Uslucan hat Psychologie an der Freien Universität in Berlin studiert. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie Professor für Moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen vor allem in den Bereichen Erziehung und Entwicklung, psychosoziale Belastungen von Migrantenfamilien und Gewalt im Jugendalter. Er ist Preisträger der Körber Stiftung für deutsch-türkische Beziehungen.

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