Scripted Reality: Junge ZuschauerInnen im Bann der falschen Wirklichkeit

Affären in Familie und Schule, Betrug am Arbeitsplatz, Kriminalfälle in der Nachbarschaft: Der Nachschub an Drehbüchern für „Scripted Reality“ ist unerschöpflich. Sind die Fälle zu bizarr für den Bildschirm? Untersuchungen legen nahe: Die Formate liegen besonders bei jungen ZuschauernInnen trotzdem im Trend.

Ein alter Röhrenfernseher steht in der Wüste, eine Hand berührt den Bildschirm mit Störbild
George Coletrain/Unsplash

Scripted Reality-Shows stellen Alltagssituationen scheinbar täuschend echt dar: Derzeit drehen sich etwa 26 Sendungen um Detektivgeschichten, Dramen in Familie, Schule und Job oder brenzlige „Polizeifälle“. Die Handlungen sind fiktiv, doch sind sich Kinder, Jugendliche und andere ZuschauerInnen dessen bewusst?

Wahlloser Konsum von Inhalten

Eine Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen auf Basis einer Befragung von Zehn- bis 20-Jährigen zeigt, dass Kinder und Jugendliche, die häufig und regelmäßig Scripted Reality-Sendungen schauen, generell zu den VielseherInnen des Fernsehens gehören. Die Untersuchung erklärt dies damit, dass solche NutzerInnen relativ wahllos Inhalte konsumieren. Hinsichtlich der Zuwendung zu Scripted Reality gibt es zudem soziodemografische Unterschiede. Die episodischen Serien, also Alltags- sowie Familien- und ErmittlerInnengeschichten, die vorrangig am Nachmittag laufen, werden umso häufiger geschaut, je niedriger die formale Bildung der RezipientInnen ist. Soapartige Serien sind besonders bei den 14- bis 17-Jährigen beliebt. Diese schalten insbesondere Mädchen und junge Frauen bevorzugt ein. Die Untersuchung führt die weibliche Begeisterung für die Formate primär darauf zurück, dass – anders als in anderen Genres – weibliche ProtagonistInnen häufig in aktiven Rollen vorkommen. Drei von fünf Seherinnen gaben an, dass Scripted Reality bei ihnen schon Gesprächsthema war.

Formate sind Gesprächsthema

VielseherInnen sprechen häufiger über Scripted Reality. Die abwertende Kommunikation kommt oft vor, noch häufiger reden die jungen Befragten tatsächlich über die Inhalte. Sie ordnen das Gesehene gemeinsam ein und ziehen bisweilen sogar Vergleiche zu ihrem eigenen Leben. Mit Eltern oder gar LehrerInnen wird kaum über die Serien gesprochen. Ein Fünftel der befragten SeherInnen gab an, die Facebook-Seiten der jeweiligen Sendungen zu nutzen; davon gab wiederum ein Drittel an, dort auch selbst Kommentare zu posten.

Inszenierung schwer zu durchschauen

Das wichtigste Ergebnis der Studie ist, dass es einen gewissen Anteil an jungen RezipientInnen gibt, die den Inszenierungsgrad von Scripted Reality nicht durchschauen. Ein noch größerer Anteil ist bezüglich des Inszenierungsgrades verunsichert. Während es bei den episodischen Serien knapp 23 Prozent sind, die diese für eher non-fiktional hält und weitere 23 Prozent unsicher sind, sind werden soapartige Sendungen nur von knapp 16 Prozent als non-fiktional angenommen; 14 Prozent sind sich nicht sicher. Insgesamt zeigen auch die Ergebnisse der quantitativen Befragung, genau wie die der qualitativen Interviews, dass viele junge RezipientInnen den Inszenierungsgrad nicht durchschauen. VielseherInnen halten das Gezeigte eher für „echt“ als WenigseherInnen. Mit zunehmendem Alter durchschauen die Rezipienten und Rezipientinnen die Inszenierung von Scripted Reality besser. Interessant ist der Unterschied hinsichtlich der formalen Bildung: Während bei episodischen Serien der Anteil derjenigen, die sie für dokumentarische Erzählungen halten, mit abnehmendem Bildungsgradsteigt, ist dies bei soapartigen Serien nicht der Fall. Gerade jüngere Jugendliche und Kinder sowie formal niedriger Gebildete haben also einen Nachholbedarf.

Heranwachsende sollten mehr geboten bekommen als Emotionen nach Drehbuch.

Michael Gurt vom JFF

Kinder brauchen Orientierung

„Der emotionale Ausnahmezustand ist Normalität, der Umgangston ist rau und abwertend“, meint Michael Gurt vom JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. „Sind solche Sendungen die vorrangige Orientierungsquelle, wird es kritisch. Heranwachsende sollten mehr geboten bekommen als Emotionen nach Drehbuch.“ Denn Kinder und Jugendliche benötigen in erster Linie echte Vorbilder. Empfehlenswert seien altersgerechte Geschichten, die sich vielschichtig mit Themen wie Freundschaft, erster Liebe, Zusammenleben, aber auch Bewährungsproben auseinandersetzen.