Pornografie im Netz

Heranwachsende können im Internet leicht auf erotische und pornografische Inhalte stoßen. Manche suchen auch gezielt danach. SCHAU HIN! rät Eltern, jüngere Kinder vor diesen Inhalten zu schützen, und dieses Thema mit Jugendlichen möglichst offen zu besprechen. Eltern können gerade Kindern den Zugang durch technische Maßnahmen erschweren, aber auch dazu beitragen, dass ihr Kind über passendes Wissen zu Sexualität verfügt und einen selbstbestimmten Umgang damit entwickelt.

© Sabphoto / Fotolia
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Definitionen

Bei der Definition von Pornografie gibt es nach Döring verschiedene Dimensionen:

Juristisch unterscheidet man in Deutschland gemäß § 184 des Strafgesetzbuches (StGB) drei Typen sexuell expliziter Darstellungen:

a) Erotika bzw. Softcore-Darstellungen, die sexuelle Interaktionen andeutungsweise und eingebettet in größere Handlungskontexte zeigen (für Minderjährige erlaubt),

b) einfache Pornografie bzw. Hardcore-Darstellungen, die sexuelle Interaktionen detailliert und weitgehend isoliert zeigen (Erwachsenen vorbehalten) und

c) illegale bzw. harte Pornografie (Gewalt-, Tier-, Kinder- und Jugendpornografie), deren Produktion und Verbreitung sowie – bei Kinder- und Jugendpornografie – auch deren Besitz unter Strafe steht.

Im Alltag ist der Begriff weniger trennscharf formuliert und beinhaltet oft auch Softcore-Darstellungen, etwa wenn Jugendliche Softsexfilme im TV als „Porno“ bezeichnen. Selbstaussagen von Kindern und Jugendlichen sind deswegen kritisch zu hinterfragen.

Wertende Definitionen wollen zum Ausdruck bringen, dass es sich bei „Pornografie“ grundsätzlich um ästhetisch und ethisch abzulehnende Darstellungen im Gegensatz zu akzeptablen „Erotika“ handelt. Wo genau die Grenze liegt, bleibt meist unklar.

Inhaltlich-funktionale Definitionen
legen wertfrei fest, dass es sich um „pornografische“ Darstellungen handelt, wenn nackte Körper und sexuelle Aktivitäten sehr direkt und detailliert dargestellt sind und vorwiegend zum Zweck der sexuellen Stimulation produziert und rezipiert werden. Statt von „Erotika“ und/oder „Pornografie“ wird neutraler von „sexuell explizitem Material“ gesprochen.

Nutzung

Jugendliche kommen im Netz leicht mit Pornografie und Erotik in Berührung. Wie in vielen anderen Medien auch, sind sexuelle Inhalte und Anspielungen weit verbreitet. Hier spielen auch viele Stars und andere Vorbilder eine Rolle, die sich oft besonders sexualisiert darstellen, was einige Jugendliche auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Selbstbestätigung dazu verleiten kann, dem nachzueifern. Nicht selten versenden sie auch selbst erotische oder pornografische Bilder und Clips von sich oder anderen, meist per Instant Messenger oder über Soziale Netzwerke – nicht immer mit dem Einverständnis des Empfängers. Dies bezeichnet man als „Sexting“. Manchmal werden Kinder auch von Erwachsenen mit solchem Material konfrontiert, mit der Absicht, diese zu belästigen und sexuelle Kontakte anzubahnen. Dies bezeichnet man als „Cybergrooming“

Die Angaben, wie viele Jugendliche Erfahrung mit (Internet-)Pornografie gemacht haben, schwanken stark. Laut der repräsentativen Dr. Sommer-Studie 2016 der Jugendzeitschrift Bravo spielt für die Mehrheit der befragten Mädchen und die Hälfte der befragten Jungen Pornografie keine Rolle. Mehr Jungen als Mädchen haben Interesse an pornographischen Inhalten: Die Hälfte der 15-jährigen Jungen und ein Drittel der Mädchen im selben Alter haben schon „echte Pornos“ gesehen: die große Mehrheit im stationären (85%) sowie im mobilen Internet (30% der Mädchen und 41% der Jungen).

Laut der Studie der Bundeszentrale für gesellschaftliche Aufklärung (BzgA) "Jugendsexualität 2015" informieren sich 39 Prozent der weiblichen und 50 Prozent der männlichen 14- bis 17-Jährigen im Internet über sexuelle Themen. Für  Jungen  mit  Migrationshintergrund  hat  das  Internet  einen  noch  höheren  Stellenwert  (57%) als für Jungen aus deutschen Familien (47%). Mädchen unterscheiden sich hingegen nicht nach  Herkunft,  was das Internet als bisherige Informationsquelle für sexuelle Themen betrifft.

Nach BZgA-Studie "Jugendsexualität im Internetzeitalter" von 2013 nutzen viele der 160 befragten Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren das Internet. Mädchen sehen Pornografie später, seltener und nutzen sie fast nie zur Masturbation. Nicht einmal 10 % der Mädchen, aber 80 % der Jungen haben mehr als sporadische Erfahrung mit Pornografie im Internet; keine der Mädchen, aber ein Drittel der Jungen sehen Pornos öfter als zwei Mal die Woche. Anders als Mädchen nutzen Jungen Pornografie zudem häufig im Kreise Gleichaltriger. Mädchen zeigen häufiger eine Abneigung gegen pornografische bzw. erotische Darstellungen, während Jungen sie eher als erregend beschreiben.

Für Jungen dient das offensive Interesse an Pornografie zur Stützung und Affirmation der sich ausbildenden Geschlechtsidentität. Jugendliche unterscheiden klar zwischen ihrer realen und der virtuellen sexuellen Welt, sie wollen die eine nicht durch die andere ersetzen. Männliche Jugendliche gehen mit dem Internetangebot wählerisch um, ihre sexuellen Vorlieben bestimmen den Pornografiekonsum, nicht umgekehrt. Das Interesse an Pornografie ist zudem an das Alter gekoppelt. Viele Jugendliche haben gerade ab der Pubertät Fragen, sind neugierig, möchten die eigene Sexualität entdecken und sexuelle Bedürfnisse befriedigen, wollen mitreden können und sich anderen beweisen. Dies alles können Anreize sein, sich Pornos im Netz anzuschauen. Verschiedene Studien zeigen, dass das Interesse daran meist mit zunehmender sexueller Erfahrung und zunehmendem Alter nachlässt.

Problematik

Pornografie zählt zu den entwicklungsgefährdenden Inhalten und ist nicht für Kinder und Jugendliche geeignet. Sie kann Kinder und Jugendliche verstören und verunsichern, unter Druck setzen, fragwürdige Vorstellungen von Sexualität vermitteln sowie sich auf deren Umgang und deren Kommunikation untereinander auswirken. Sie kann Leistungsdruck, Überforderung, Verunsicherung und Ängstigung bei Heranwachsenden auslösen und dazu führen, dass diese problematische sexuelle Verhaltensweisen und Rollenklischees übernehmen, etwa durch Angebote, die Frauen als unterwürfige und permanent willige Sexualpartner darstellen oder wenn der Geschlechtsakt auf eine apersonale Sexualität reduziert und der Mensch zum auswechselbaren Objekt degradiert wird.

Entwicklungsgefährdend sind gerade Angebote die Sexualität und Gewalt miteinander verknüpfen oder bizarre Sexpraktiken präsentieren. Im Sadomasochismus-Bereich könnten Nachahmungsversuche von etwa Atemreduktions- oder Strangulationstechniken Kinder und Jugendliche in lebensgefährliche Situationen bringen. Bei Gewaltdarstellungen mit sexuellem Kontext werden die Macht des Stärkeren und die körperliche Unterwerfung des Schwächeren lustvoll dargestellt. Bei Kindern und Jugendlichen ist durch solche Inhalte eine sozial-ethische Desorientierung zu befürchten.

Position

Eltern können gerade Kindern den Zugang zu Pornografie durch technische Maßnahmen erschweren, aber auch dazu beitragen, dass ihr Kind über entsprechendes Wissen zu Sexualität verfügt und einen selbstbestimmten Umgang damit entwickelt. Pornografie- und Medienkompetenz ist auch wichtig, um zu wissen, welche Inhalte illegal sind, damit man nicht unwissentlich solche nutzt und sich straffällig macht oder legale Inhalte irrtümlich für illegal hält, was psychisch belasten kann. Je älter der Nutzer ist, je mehr Basiswissen er über Sexualität hat, je positiver er mit dem eigenen Körper und den eigenen Emotionen umgeht, und je kompetenter sein Medienumgang ist, desto weniger ist er beeinträchtigt.

Tipps

1. Beim Surfen begleiten

Begleiten Eltern ihr Kind von Beginn an beim Surfen und sprechen rechtzeitig darüber, dass es im Netz auch auf Dinge stoßen kann, die ihm komisch oder eklig vorkommen, können sie das nötige Vertrauen aufbauen, damit sich ihr Kind bei Konfrontation mit entsprechendem Material an sie wendet. Am besten ermutigen Eltern ihr Kind dazu, sich mitzuteilen, auch wenn es dies möglicherweise als peinlich empfindet und versprechen sie ihm, dass es keine Verbote fürchten muss. Auf Fragen der Kinder zu Dingen, die es im Internet gesehen hat und durch die es verunsichert oder verängstigt ist, eingehen.

2. Kinder vor Pornografie schützen

Technische Maßnahmen wie das Aktivieren von Sicherheitseinstellungen, Einrichten geschützter Surfräume und die Installation Jugendschutzprogramme bei internetfähigen Geräten minimieren das Risiko auf unpassende Inhalte stoßen. Am besten lassen Eltern ihr Kind nur altersgerechte Kindersuchmaschinen verwenden bzw. sichern bei Älteren Suchmaschinen wie Google, indem sie hier den „SafeSearch Filter“ aktivieren. Doch diese Maßnahmen ersetzen keine Begleitung durch die Eltern und sind kein Allheilmittel: Je älter Kinder werden und je gezielter sie nach Pornografie suchen, umso wirkungsloser werden Filter. Jugendliche können oft diese umgehen.

3. Klare Regeln vereinbaren

Hilfreich sind auch klare Regeln, welche Inhalte altersgerecht sind, welche nicht und warum. Sucht das Kind gezielt danach, können Eltern darüber reden, warum es das interessant findet, inwieweit Pornografie fragwürdig und ungeeignet ist und welche Informationsquellen sich besser anbieten. Bei illegaler Pornografie auch auf die Rechtslage verweisen.

4. Auf Anzeichen achten

Auch wenn Jugendliche mit ihren Eltern ab einem gewissen Alter nicht mehr direkt über Sexualität
reden, bleibt sie in der Kommunikation zwischen Kind und Eltern dennoch indirekt ein Thema. Codierte Aussagen von Jugendlichen können provokant, ärgerlich, demütigend oder
grenzüberschreitend sein. Dazu gehören etwa sexuell abwertende Bemerkungen oder derbe Witze und Zoten. Oft ist dies aber ein Hinweis darauf, wie sehr das Thema präsent und gleichzeitig verunsichernd ist. Hier können Eltern behutsam nachhaken.

5. Über Inszenierungen sprechen

Eltern können ihre älteren Kinder und Jugendlichen auch auf den frappierenden Unterschied zwischen Pornos und echter Sexualität hinweisen, wenn das Thema aufkommt. Pornos transportieren meist ein höchst fragwürdiges Bild von Sexualität. Die Unterwürfigkeit von Frauen, die klischeehafte Zuschreibung sexueller Eigenschaften wie z.B. permanente sexuelle Bereitschaft, die Reduzierung der Frau zum Sexualobjekt, der Fokus auf genitale Sexualität sowie die Dominanz des Mannes sind stereotype Darstellungen, die an der Wirklichkeit vorbeigehen bzw. gesellschaftlich wertgeschätzten Formen von Sexualität widersprechen. Letzteres gilt vor allem für alle Formen von Gewaltpornografie und insbesondere für sogenannte „harte“ bzw. illegale Formen von Pornografie. Darauf können Eltern hinweisen und ihr Kind zu einem kritischen, selbstbestimmten Umgang ermuntern. Dazu gehört auch das Hinterfragen von im Internet gefundenen Informationen.

6. Auffälligkeiten und Verstöße melden

Sollte Ihr Kind mit problematischen Inhalten konfrontiert werden oder von Fremden belästigt werden, dann sichern Sie Beweise - mithilfe eines Screenshots (per Druck-Taste) und Notizen zu Datum, Uhrzeit, Nickname und Impressum - und wenden Sie sich damit an Betreiber, Polizei oder eine Meldestelle, wie z.B. jugendschutz.net, www.internet-beschwerdestelle.de oder das Zentrum für Kinderschutz im Netz (www.i-kiz.de/hilfe).

7. Altersgerechte Informationen anbieten

Vielen ist das Thema Sexualität unangenehm, zudem möchten die meisten Kinder ab der Pubertät ungern darüber mit ihren Eltern sprechen. Diese können ihrem Kind jedoch passende Informationen über Publikationen und Webseiten anbieten, die in ihrer Sprache auf Fragen eingehen. Gerade das Internet eignet sich dafür gut, da es Informationen ausführlich und anonym bietet.

8. Rechtliche Aspekte ansprechen

Sucht ihr Kind gezielt nach Pornos oder versendet bzw. empfängt entsprechendes Material, bietet es sich auch an auf mögliche Konsequenzen hinzuweisen, gerade wenn die Rechte anderer betroffen sind. Vielen Jugendlichen ist nicht bewusst, welch weitreichende Konsequenzen dies haben kann.
In vielen Schulen führt der Besitz von pornografischen Handyvideos zu einem Schulverweis. Gegebenenfalls bringen Jugendliche selbst jugendpornografisches Material in Umlauf, wenn sie Bilder von sich in eindeutig sexuellen Posen machen und versenden. Außerdem kann der Versand und teilweise auch der Besitz eine Straftat nach StGB darstellen.

Ratgeber

Studien

  • Heßling, Angelika; Bode, Heidrun (2015): Jugendsexualität 2015. Die Perspektive der 14- bis 25-Jährigen. Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativen Wiederholungsbefragung. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln.

  • Silja Matthiesen, S.; Aude, A.; Mainka, J.; Martyniuk, U.; Schmidt, G. und Wermann, A. (2013): Jugendsexualität im Internetzeitalter. Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen, Band 37 Praxis und Forschung der Sexualaufklärung und Familienplanung, BzgA (Hrsg.)
  • Grimm, Petra (2013): Liebe und Sexualität in Zeiten des Internets. In: Kamin, Anna-Maria/Meister, Dorothee M./ Schulte, Dietmar (Hrsg.): Kinder - Eltern - Medien. Medienpädagogische Anregungen für den Erziehungsalltag. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag. S. 117-132.

  • Grimm, Petra (2012): Porno und Gewalt im Web und deren Konsum durch Kinder und Jugendliche - Ausmass und Auswirkungen auf das Verhalten. In: Schwarzenegger, Christian/Nägeli, Rolf (Hrsg.): 4. Zürcher Präventionsforum - Illegale und schädliche Inhalte im Internet und in den neuen Medien - Prävention und Jugendschutz. Zürich u. a.: Schulthess.

  • Nicola Döring (2011): Pornografie im Internet: Fakten und Fiktionen. In: tv diskurs 57, FSF.     Pornografie-Kompetenz: Definition und Förderung. Zeitschrift für Sexualforschung 24 (3), 228-255

  • Grimm, Petra/Rhein, Stefanie/Müller, Michael (2010): Porno im Web 2.0 Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen. Berlin: Vistas.