Menschen feiern vor einer Bühne. Auf der Bühne eine große Leinwand mit der Aufschrift "Jesus".

ChristfluencerInnen: Wenn Glaube zum Trend wird

Auf Social Media gibt es immer mehr CreatorInnen, die neben Lifestyle-Content auch offen über ihren Glauben an Jesus sprechen. Dabei vertreten die sogenannten ChristfluencerInnen oft eine fundamentalistische Auslegung des Christentums – radikale ChristfluencerInnen richten sich mitunter gezielt gegen demokratische Werte und stehen rechtsextremen Milieus nahe. Wir zeigen Eltern, was es mit ChristfluencerInnen auf sich hat und wie sie damit umgehen können.

Was sind ChristfluencerInnen?

Auf Instagram, TikTok und YouTube gibt es immer ChristfluencerInnen, bei denen der Glaube zwischen Lifestyle-Themen, Fitness-Content und Beauty-Tutorials im Fokus steht. Statt eines differenzierten Blicks auf Religion und Glaube verbreiten solche ChristfluencerInnen allerdings oft fundamentalistische Positionen, die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes verankert sind. So lehnen sie etwa LGBTQ+-Rechte und Andersdenkende ab und idealisieren die Unterordnung der Frau und den Mann als natürliches Familienoberhaupt. 

ChristfluencerInnen wissen oft genau, wie sie sich und ihre Botschaften vermarkten können. Ihre fundamentalistischen Botschaften sind eingebettet in eine für InfluencerInnen typische Ästhetik und wirken auf den ersten Blick modern und harmlos. Oft verbinden sie Bibelverse mit motivierenden Sprüchen, hinterlegen Reels mit sogenannter christlicher Popmusik und posten fragwürdige Verhaltens- und  Beauty-Tipps, z. B. wie man einen „Glow-up“ bekommt – also eine Selbstaufwertung – auch als „Jesus-Glow“ bezeichnet. Damit wirken sie insbesondere für junge Menschen attraktiv. Das Auftreten von ChristfluencerInnen entspricht nicht dem klassischen Bild von Kirche, altbacken und langweilig, sondern sie geben dem Glauben ein junges, neues Image.

Nicht jeder christliche Content auf Social Media stellt grundsätzlich ein Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Von modernen, liberalen Blicken auf das Christentum bis zu evangelikal-missionarischen Accounts, die mitunter auch sehr konservative Standpunkte, etwa zu familiären Rollenbildern, vertreten, sind viele Inhalte rechtlich legitim und dürfen im Rahmen der freien Religionsausübung verbreitet werden. Problematisch wird es dort, wo fundamentalistische und radikale ChristfluencerInnen sich etwa gegen demokratische Werte wie Pluralismus und Gleichheit richten und z. B. queere Menschen massiv abwerten oder dogmatisch die Unterordnung der Frau unter den Mann fordern.

Wie sprechen ChristfluencerInnen junge Menschen an?

Der Content von ChristfluencerInnen ist oft auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet. Er nutzt bewusst aktuelle Trends und ein modernes Erscheinungsbild. So docken Inhalte gezielt an die Lebensrealität von Jugendlichen an. Viele ChristfluencerInnen verkörpern auch etwas Erstrebenswertes, wonach sich viele Jugendliche sehnen, zum Beispiel eine glückliche Familie, eine aktive Gemeinschaft und ein besonders weibliches oder männliches Auftreten. 

Viele von ihnen sind selbst noch jung und wirken auf den ersten Blick wie alle anderen Teenager oder junge Erwachsene. Bekannt geworden sind sie oft nicht durch ihren Content zum Christentum, sondern durch TikTok-Tänze, Kochvideos und Fashionposts. Damit wirken die Werte, die sie nach außen verkörpern, nicht alt und aus der Zeit gefallen, sondern modern und geradezu cool. 

Neben Fashion- und Dating-Tipps spielt auch Musik eine große Rolle in der ChristfluencerInnen-Szene. Sogenannte „Worship“-Lieder klingen wie normale Popsongs, die zum Mitsingen und Tanzen einladen. Sie enthalten jedoch streng christliche Botschaften und sollen diese auf emotionaler Ebene vermitteln. Manche ChristfluencerInnen posten etwa, wie sie zu der Musik einen Sonnenuntergang anschauen, gemeinsam beten oder wie auf einem Pop-Konzert mit Gleichgesinnten dazu jubeln. 

Kinder und Jugendliche auf der Suche nach Sinn und Zugehörigkeit können sich von diesen Darstellungen angesprochen fühlen. Heranwachsende befinden sich in einer Lebensphase, in der sie besonders stark formbar sind. Sie finden gerade erst heraus, wer sie sind, und entwickeln einen eigenen Wertekompass. In Zeiten von Krisen, Unsicherheit und gleichzeitig scheinbar endlos vielen Möglichkeiten der Lebensgestaltung, kann eine Religion, die eine klare Ordnung darstellt und mit zahlreichen Regeln Leitplanken für das eigene Leben vorgibt, Sicherheit und Orientierung vermitteln. Deswegen ist es umso einfacher für ChristfluencerInnen, junge Menschen mit ihrem Content zu erreichen.

In einem dunklen Raum steht eine Person vorm Fenster, deren Gesicht unter der Kapuze ihres Hoodies nicht zu erkennen ist.

Extremismus in sozialen Medien

Welche Risiken entstehen durch fundamentale ChristfluencerInnen für Kinder und Jugendliche?

  • PURITY CULTURE
    Viele ChristfluencerInnen machen sich für die sogenannte „Purity Culture“ stark – eine Bewegung, die für sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe wirbt. Je nachdem, wie streng die Purity Culture ausgelegt wird, verzichten ChristfluencerInnen vor der Hochzeitsnacht sogar auf jegliche Zärtlichkeiten wie Küssen oder erste sexuelle Annäherungsversuche. Für Kinder und Jugendliche können durch dieses Ideal Schuld- oder Schamgefühle entstehen, wenn sie erste sexuelle Erfahrungen machen wollen oder diese bereits gemacht haben.
  • ANTI-FEMINISMUS UND VERALTETE ROLLENBILDER
    Fundamentalistische ChristfluencerInnen leben mit ihrem Content oft vor, wie die Geschlechterrollen laut ihrer Auslegung der Bibel verteilt sein sollten: Der Mann soll stark sein und als Familienoberhaupt das Geld nach Hause bringen, während die Frau fürsorglich sei und in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau aufgehe. Damit einher geht häufig die implizite oder direkte Forderung nach Unterordnung der Frau unter den Mann – teils bis hin zu vollkommener körperlicher Verfügbarkeit (auch z. B. sexuell). Vermeintlich belegt werden solche Aussagen oft mit konkreten Bibelversen, die gerade von FundamentalistInnen oft wortwörtlich verstanden werden. Für Kinder und Jugendliche kann das problematisch sein, weil sie den Eindruck bekommen, dass es nur eine richtige Art gibt, „männlich“ oder „weiblich“ zu sein. Mädchen können dadurch lernen, dass sie sich unterordnen sollen und Jungen, dass ihre Meinung wichtiger sei als die von Frauen. 
  • QUEERFEINDLICHKEIT
    Während viele Kirchen inzwischen offen gegenüber der LGBTQ-Community sind, wird sie in fundamental-christlichen Strömungen noch immer abgelehnt. Homosexuelle, Nicht-binäre und Trans-Personen werden als „unnatürlich“ und „sündig“ angesehen. Im Kontrast dazu steht die Idealisierung der starren Geschlechterrollen und der heterosexuellen Ehe zwischen Mann und Frau. Das kann Vorurteile und Abwertungstendenzen bis hin zu Hass auf queere Menschen bei Kindern und Jugendlichen verstärken und insbesondere auch bei queeren Heranwachsenden Selbstzweifel oder gar Selbsthass befördern.
  • NÄHE ZUM RECHTSEXTREMISMUS
    Nicht alle ChristfluencerInnen sind politisch aktiv oder verbreiten gezielt extremes Gedankengut. Es gibt jedoch auch radikale AkteurInnen, die rechtsextreme Positionen vertreten und demokratiefeindliche Botschaften verbreiten. Sie richten sich etwa aggressiv gegen Vielfalt, bewerben die rassistische Remigrationsagenda der extremen Rechten oder bedienen Verschwörungserzählungen. Einige ChristfluencerInnen beteiligen sich auch an politischen Aktionen wie Demonstrationen, kooperieren mit rechtsextremen Gruppierungen und sind mit der rechtsextremen Szene vernetzt. Für Kinder und Jugendliche ist diese ideologische Nähe oft schwer zu erkennen, da die Botschaften häufig in religiöse oder alltagsnahe Inhalte eingebettet sind. Zumal der Anschein erweckt wird, menschenfeindliche Positionen seien religiös legitimiert.

Tipps für Eltern im Umgang mit ChristfluencerInnen

Grundsätzlich gilt: Es ist gut, wenn Ihr Kind sich mit seinem Glauben auseinandersetzt. Problematisch wird es dann, wenn die Inhalte bei Ihrem Kind Druck, Scham oder Schuldgefühle auslösen oder ein Weltbild entsteht, das sich gegen eine demokratische, vielfältige Gesellschaft richtet. Folgende Tipps können Ihnen dabei helfen, im Gespräch zu bleiben und einzugreifen, wenn Sie es für nötig halten:

 

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