Öffentlichkeit im Netz – 5 Fragen an Daniela Stoltenberg

Interview

Kinder und Jugendliche nutzen digitale Medien nicht nur zur Information oder Unterhaltung, sondern auch, um sich über Nachrichten, Posts und Fotos oder Videos zu Wort melden – und das können sie mit mobilen Geräten zeitnah und überall. Mal gehen einzelne Stimmen im allgemeinen Murmeln unter, mal kann ein Beitrag extreme Reichweite erzielen. Daniela Stoltenberg forscht unter anderem über digitale Kommunikation, Online-Aktivismus und Öffentlichkeit im Internet. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was die Öffentlichkeit ausmacht, die Heranwachsende in ihrer digitalen Lebenswelt erfahren.

Grafik mit Portrait von Daniela Stoltenberg und dem Istitut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft"g
Grafik: SCHAU HIN!; Bild: David Ausserhofer

Wie kann man sich Öffentlichkeit im Netz vorstellen – inwiefern funktioniert sie digital anders als analog?

Öffentlichkeit beschreibt im Allgemeinen einen Kommunikationsraum, in dem sich eine Gesellschaft über ihre relevanten Probleme verständigt. Traditionell konnte man Öffentlichkeit zwar auch in der Kneipe oder bei Protestveranstaltungen finden, besonders einflussreich war aber die Form der massenmedialen Öffentlichkeit, im Fernsehen oder der Tageszeitung.
Demgegenüber ist der Zugang zu einem großen Publikum in digitalen Kontexten potentiell einfacher und kostengünstiger. Um eine Information oder Meinung zu teilen, benötigt man keine teure Produktions- und Sendetechnik, sondern lediglich einen Computer oder ein Smartphone. Damit nimmt die Zahl der SprecherInnen in der Öffentlichkeit sprunghaft zu und wird auch vielfältiger. Auch gesellschaftliche Gruppen, die traditionell weniger sichtbar geworden sind, nutzen digitale Medien teils sehr strategisch, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen – man denke etwa an die #MeToo- oder #BlackLivesMatter-Bewegungen.
Damit gehen auch neue zeitliche und räumliche Dynamiken einher. Digitale Öffentlichkeit entsteht oft scheinbar spontan in Reaktion auf Schlüsselereignisse und löst sich dann nach einiger Zeit wieder auf. Und sie orientiert sich weniger selbstverständlich an nationalen, territorialstaatlichen Grenzen, sondern verknüpft häufiger spezifische, relevante Orte überall auf der Welt miteinander. Aufgrund all dieser Vervielfältigungen spricht man auch häufiger von Öffentlichkeiten im Plural.

 

Führt die Digitalisierung zu mehr Teilhabe und Integration oder eher zu einer (Auf-)Teilung der Gesellschaft durch unterschiedliche „Filterblasen“ im Netz?

Sicherlich sowohl als auch. Das Konzept der Filterblasen ist zwar recht umstritten, aber natürlich eröffnen soziale Medien, Foren und Co. zahlreiche Möglichkeiten, sich in kleinen, relativ homogenen Gruppen zusammenzufinden. Das ist nichts völlig Neues: Dass Menschen bevorzugt soziale Beziehungen mit anderen aufbauen, die ihre Meinungen und Interessen teilen, ist ein gut dokumentiertes Phänomen. Digitale Medien bieten für diese Prozesse Infrastrukturen und begünstigen sie teilweise durch Empfehlungssysteme.
Grundsätzlich muss das nicht problematisch sein. Wenn sich Menschen mit Gleichgesinnten austauschen können oder sich in kleinen, geschützten Kreisen artikulieren, dann kann das im Sinne der Teilhabe durchaus positiv sein. Schwierig wird es, wenn dabei ein verbindendes Element verloren gehen sollte. Wenn also zwischen gesellschaftlichen Gruppen keine grundlegende Einigung mehr darüber gefunden wird, was wichtig oder auch nur real ist. Hier kommt den Massenmedien weiter eine wichtige integrierende Rolle zu.

 

Oft wird festgestellt, dass nur ein Bruchteil der NutzerInnen den Großteil der Kommentare, Bilder und Videos posten – die meisten sind online nur passiv unterwegs. Ist es wichtig, dass jede/r an der Öffentlichkeit im Netz aktiv mitwirkt?

Es muss nicht jede/r an Öffentlichkeit im Netz mitwirken – weder gibt es dazu eine Verpflichtung, noch wäre eine derartige Vielzahl an SprecherInnen praktikabel. Denn Aufmerksamkeit ist ja auch eine begrenzte Ressource. Problematisch aus einer normativen Sicht ist es allerdings, wenn Angehörige bestimmter Gruppen systematisch schlechtere Chancen zur Mitwirkung haben oder systematisch weniger Aufmerksamkeit erhalten, wenn sie sich äußern.
Der Zugang zu schnellem und stabilem Internet und zu geeigneten Endgeräten ist global aber auch lokal ungleich verteilt. Und, auch wenn man Zugang zu diesen technischen Ressourcen hat, braucht es Fähigkeiten, um im digitalen Raum effektiv politisch teilzunehmen und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch diese Fertigkeiten sind gesellschaftlich nicht gleich verteilt. Diese Phänomene werden unter dem Begriff des „Digital Divide“, also einer digitalen Kluft, zusammengefasst.

 

Welche Chancen sehen Sie für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der Online-Welt?

Kinder und Jugendliche, die ja völlig selbstverständlich mit digitalen Medien aufwachsen, haben in den letzten Jahren bewiesen, dass sie deren Potentiale auf beeindruckende Weise mobilisieren können. Man denke nur an die „Fridays for Future“-Bewegung, die globale digitale Vernetzung in den sozialen Medien sehr erfolgreich mit klassischen lokalen Straßenprotesten kombiniert hat und von jungen Menschen getragen ist. Diese wäre in ihrer jetzigen Form ohne die Digitalisierung von Öffentlichkeiten kaum vorstellbar.
Auch sonst nutzen Jugendliche Plattformen wie TikTok oder Instagram in sehr kreativen, persönlichen Formen, um sich politisch zu äußern und auszuprobieren. Das ermöglicht eine Form von Teilhabe, wenn formelle Formen der politischen Meinungsäußerung, wie das Wahlrecht, altersgemäß noch nicht zur Verfügung stehen. Zugleich sollte man nicht verschweigen, dass junge Menschen, die sich im Netz öffentlich äußern, oft auch mit problematischen Kommunikationsformen und -inhalten, wie Hate Speech, konfrontiert sind.

 

Wie können Netzöffentlichkeiten in Zukunft unsere Gesellschaft positiv beeinflussen?

Grundsätzlich können uns digitale Öffentlichkeiten sensibler machen für die Problemlagen marginalisierter Gruppen und uns affektiv verbinden mit Ereignissen an weit entfernten Orten. Dafür, dass das funktionieren kann, gibt es immer wieder spektakuläre Einzelbeispiele. Man denke an die Wellen der Solidaritätsbekundungen nach Terroranschlägen oder Naturkatastrophen oder an die bereits erwähnten transnationalen Protestbewegungen. Trotzdem sollten diese Beispiele nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der alltäglichen Kommunikation Aufmerksamkeit weiterhin auf sehr ungleich verteilt bleibt und auf sehr wenige AkteurInnen konzentriert ist.

Daniela Stoltenberg, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin und am Sonderforschungsbereich 1265 „Re-Figuration von Räumen“.