Medien ohne Ende - wann ist viel zu viel?

Medien üben auf Kinder eine große Faszination aus. Das Surfen, Chatten und Spielen ist manchmal so reizvoll, dass viele die Zeit vergessen. Problematisch wird es, wenn die Nutzung so intensiv ist, dass sie dabei andere Aktivitäten und sozialen Kontakte vernachlässigen. SCHAU HIN! rät Eltern, den Medienkonsum ihrer Kinder zu begleiten, Regeln aufzustellen und gemeinsam einzuhalten, auf Anzeichen für ein Übermaß zu achten, das Gespräch zu suchen und Beratungsstellen zu kontaktieren.

© Shestakoff / Fotolia
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Besonders Computerspiele und das Internet, aber auch Smartphones können für Kinder und Jugendliche so reizvoll und spannend sein, dass sie damit gar nicht mehr aufhören wollen. Streit entsteht, weil die Meinungen wie viel Mediennutzung okay ist, bei Eltern und Kindern oft weit auseinander gehen. Dabei nutzen Mädchen und Jungen verschiedene Medien unterschiedlich intensiv. Jungen spielen eher Computerspiele, Mädchen tendieren zur intensiveren Nutzung von sozialen Netzwerken und Chats.

Wie häufig nutzen Kinder Medien?

  • Ein Drittel der in der KIM-Studie 2014 befragten Kinder zwischen sechs und 13 Jahren ist über eine Stunde am Tag online. 40 Prozent spielen über eine Stunde am Tag Games.
  • Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2013 zeigt der größte Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit Computerspielen und dem Internet keine Verhaltensprobleme. Nur drei Prozent der 12- bis 17-Jährigen nutzen das Internet exzessiv.
  • Nach der PINTA-Studie sind es vier Prozent der 14- bis 16-Jährigen. Weibliche Befragte zeigen eine höhere Gefährdung in Bezug auf soziale Netzwerke, männliche in Bezug auf Online-Computerspiele.
  • Einer Studie von Stodt/Wegmann/Brand (2015) zufolge, zeigen 15 % der befragten 14- bis 19-Jährigen eine problematische, 6 % eine pathologische Internetnutzung.
  • Laut einer Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen (Knop u.a. 2015) weisen 21 Prozent der befragten Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 14 Jahren eine sehr starke Bindung zu ihrem Handy/Smartphone auf. Dies äußere sich u.a. dadurch, dass sie ständig daran denken, es auf neue Nachrichten überprüfen oder zum Zeitvertreib nutzen. Acht Prozent seien so stark involviert, dass sie als suchtgefährdet gelten. Besonders introvertierte, schüchterne Personen, die sich weniger gut in ein soziales Umfeld eingebettet und unterstützt fühlen, sind betroffen.
  • Weitere Umfragen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen finden Sie in unter Studien.

Machen Medien süchtig?

Da der Begriff "Sucht" nicht klar definiert ist, sprechen Experten von einer "exzessiven Mediennutzung". Entgegen des weit verbreiteten Alarmismus betrifft diese nur sehr wenige Jugendliche und ist oft nur temporär. Zudem lässt sich dies nicht allein an der verbrachten Zeit messen. Ausschlaggebend ist vor allem, inwieweit es zu gesundheitlichen, leistungsbezogenen, sozialen oder emotionalen Problemen kommt, wie eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive Reaktionen bei längerer Abstinenz.

Dennoch ist das Phänomen ernst zu nehmen. So sind gesundheitliche Schäden möglich. Zudem kann eine exzessive Mediennutzung Anforderungen des Alltags und Entwicklungschancen beeinträchtigen sowie ein Hinweis auf persönliche Probleme oder sozialen Isolation des Kindes sein. Wichtig ist, dass sich Eltern dafür interessieren was genau ihre Kinder im Netz machen, welche Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dafür sollten Eltern ihre Kinder von Anfang an begleiten und frühzeitig über die Risiken, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären. Elternbegleitung beinhaltet auch, dass Kinder Medien ausprobieren und lernen sie mit Unterstützung der Eltern kritisch einschätzen zu können. Auf dieser Grundlage können Eltern gemeinsam mit ihrem Kind die Mediennutzungszeiten festlegen.

Welche Bildschirmzeiten sind angemessen?

Kinder brauchen auch klare Regeln bei der Mediennutzung. Wir empfehlen folgende Richtwerte

  • bis 5 Jahre: bis eine halbe Stunde am Tag
  • 6-9 Jahre: bis zu einer Stunde am Tag
  • ab 10 Jahre: rd. 9 Stunden pro Woche

Als eine andere Orientierung gilt ein Limit der Medienzeit von 10 Minuten pro Lebensjahr am Tag oder 1 Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Für Kinder ab 10 Jahren bietet sich das Wochenkontingent an, das sich Kinder ähnlich wie beim Taschengeld zunehmend selbstständig einteilen können.

Wann sollten Medien Pause haben?

Wichtig ist Handy & Co. bei Treffen, beim Essen, bei den Hausaufgaben und vor dem Schlafengehen beiseite zu legen, um Respekt zu zeigen, sich zu konzentrieren und zur Ruhe zu kommen. Forscher haben heruasgefunden, dass das gleißende Licht der Bildschirme das Hormon Melatonin unterdrücken kann, das die Schlaf- und Wachphasen regelt. Ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollte man die Geräte daher am besten aus der Hand legen.

Was ist zuviel Mediennutzung?

Ab wann Eltern die Mediennutzung ihres Kindes als bedenklich einstufen, ist bei jedem Kind individuell verschieden. Dabei zählen neben der Häufigkeit der Nutzung auch die Motivation dahinter z.B. Langeweile vertreiben, im Kontakt mit Freunden sein oder aktuelle Ereignisse mitbekommen. Hinweise darauf, dass die Mediennutzung zu viel wird, sind die Vernachlässigung von Schulpflichten, der Rückzug von anderen Aktivitäten und Interessen oder aus Freundschaften sowie starke Launenhaftigkeit oder Gereiztheit.

Checkliste

Die EU-Initiative klicksafe.de bietet eine Checkliste, die Eltern erste Anhaltspunkte geben kann, ob ihr Kind gefährdet ist. Wenn drei oder mehr Merkmale zutreffen, sollten Eltern reagieren und gegebenenfalls professionelle Hilfe suchen.

  • die Gedanken des Kindes kreisen auch bei anderen Beschäftigungen ständig um Medien
  • das Kind spielt oder surft bis tief in die Nacht
  • dem Kind fällt es schwer, die Zeit vor dem Bildschirm zu begrenzen
  • das Kind reagiert gereizt, wenn es auf Computer, Internet oder Spielkonsole verzichten muss
  • es zieht sich immer mehr von Familie und Freunden zurück
  • Internetnutzung verdrängt andere Interessen und Hobbies
  • die Leistungen in der Schule haben sich deutlich verschlechtert
  • das Kind verzichtet auf Mahlzeiten, um am Computer zu bleiben
  • es hat stark ab- oder zugenommen und wirkt übermüdet
  • das Kind reagiert Gefühle wie Ärger oder Frust mit Computerspielen ab

Was können Eltern tun?

Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind in seiner Medienbiografie begleiten und dabei nichts überstürzen. Neben analogen Medien wie Büchern und Hörspielen können Kleinkinder gute Sendungen im TV sowie geeignete Apps entdecken und ab der Grundschule die ersten Schritte im Internet oder mit einer Konsole spielen. Computer oder Konsole braucht ihr Kind im Grundschulalter noch nicht im eigenen Zimmer, auch ein Handy empfehlen wir erst ab 9 Jahren. So kann es die Medienwelt bewusst und behutsam mit Ihnen entdecken. 

Wichtig ist aber, dass Sie von Anfang an auf die Inhalte schauen und Zeiten setzen. Dabei helfen Klassiker wie eine Eieruhr neben dem Bildschirm oder die Aktivierung von Zeitschaltuhren. Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, dass es lernt, sich die Medienzeit selbst und vernünftig einzuteilen. Dabei hilft auch, Regeln verbindlich zu vereinbaren und festzuhalten, etwa in einem Mediennutzungsvertrag.   

Sie können mit Ihrer eigenen Mediennutzung ein gutes Vorbild für Ihr Kind sein und sich auch einmal selbst kritisch fragen, wie oft sie welche Medien wozu nutzen. Anhaltspunkte, um die eigene Mediennutzung zu reflektieren, bietet unser Elterntest. Auch ein gemeinsamer medienfreier Tag in der Woche oder ein gemeinsames Medienfasten kann helfen, dass sich die ganze Familie mit anderen Dingen beschäftigt.

Interessieren Sie sich dafür, was genau ihre Kinder mit Medien machen, welche Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dabei können Sie frühzeitig über die Risiken und vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären sowie gemeinsam Medien ausprobieren und sie kritisch einschätzen

Oft beginnt eine extreme Mediennutzung nicht plötzlich. Achten Sie auf Anzeichen. Vor allem wenn Ihr Kind Langeweile vor allem durch Medien vertreibt, ständig unruhig und unkonzentriert wirkt sowie andere Beschäftigungen darunter leiden.

Hier sind Sie gefragt Ihrem Kind zusätzlich zu den Medien ausreichend Zuwendung, Auseinandersetzung und Alternativen mit Familie und Freunden anzubieten, damit es sich möglichst vielfältig erprobt und seine Freizeit vielseitig und kreativ verbringt.

Tipps im Überblick:

  • Feste Regeln setzen: Bei jüngeren Kindern sollten Eltern darauf achten, dass ein tägliches Maß bei der Mediennutzung nicht überschritten wird. Bei älteren Kindern können sie zusammen mit ihrem Kind ein wöchentliches Zeitkontingent für Internet, TV und Handy festlegen, das es sich selbst einteilt.
  • Verstehen statt verbieten: Bestimmte Medien nur vorübergehend verbieten, denn diese sind oft wichtig für soziale Kontakte des Kindes, vor allem soziale Netzwerke und mobile Messenger.
  • Vorbild sein: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und schalten Sie auch einmal ab.
  • Abwechslung bieten: Kinder sollten unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennenlernen und Mediennutzung nicht als Lösung von Langeweile einsetzen. Unsere kostenlose SCHAU HIN!-App bietet über 100 Spielideen in einem Spielomat.
  • Hilfe suchen: Haben Eltern Anhaltspunkte für eine „Mediensucht“ bei ihren Kindern oder führt die Mediennutzung zu lang anhaltenden und heftigen Konflikten, können Eltern auch Beratung suchen, passende Stellen finden sie in unserem Initiativenatlas und bei Beratungsstellen vor Ort.