Medien ohne Ende - wann ist viel zu viel?

Medien üben auf Kinder und Jugendliche eine große Faszination aus. Die Nutzung sozialer Netzwerke, das Surfen und Spielen im Internet, die Spielkonsole und das Smartphone sind manchmal sogar so reizvoll, dass die Zeit darüber vergessen wird. Konflikte können entstehen, wenn die Nutzung so intensiv wird, dass darüber alle anderen Aktivitäten vernachlässigt werden. SCHAU HIN! gibt Tipps, wie Eltern für so einen Fall vorbeugen können.

© Shestakoff / Fotolia
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Veröffentlicht am 20.02.2017

Besonders Computerspiele und das Internet, aber auch Smartphones können für Kinder und Jugendliche so reizvoll und spannend sein, dass sie damit gar nicht mehr aufhören wollen. Streit entsteht, weil die Meinungen wie viel Mediennutzung „normal“ und angemessen ist, bei Eltern und Kindern oft weit auseinander gehen, da die Heranwachsenden häufig nicht das Gefühl haben zuviel Zeit mit dem Computer oder Smartphone zu verbringen. Eltern fühlen sich oft hilflos und wissen nicht genau wie sie damit umgehen sollen, da sie dieses Freizeitverhalten ihres Kindes häufig nicht nachvollziehen können und es ihnen schwerfällt es zu akzeptieren, da sie es im Widerspruch zu den anderen Anforderungen des Lebens sehen.

Wie häufig nutzen Kinder Medien?

  • Die BZgA-Studie (2017) „Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015“ zeigt, dass Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 12 und 25 Jahren durchschnittlich 22 Stunden pro Woche online sind, zum Kommunizieren, Spielen oder zur Unterhaltung, nicht im Zusammenhang mit Schule, Studium oder der Arbeit. Auf Grundlage der „Compulsive Internet Use Scale“ (CIUS)  ist bei 5,8 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 2,8 % der 18- bis 25-jährigen jungen Erwachsenen von einer computerspiel- oder internetbezogenen Störung auszugehen. In der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen sind die weiblichen Jugendlichen (7,1 %) stärker betroffen als die männlichen Jugendlichen (4,5 %).

  • Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der DAK (2017) erfüllen 8,4% der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 bis 25 Jahren die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der „Internet Gaming Disorder Scale“ . Der Anteil der betroffenen Mädchen und jungen Frauen liegt mit 2,9% deutlich niedriger. 46% der Befragten vernachlässigen soziale Kontakte zu Freunden oder zu Familienangehörigen, die ihnen früher wichtigen waren.

  • Laut einer Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen (Knop u.a. 2015) können die meisten befragten Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 14 Jahren auch längere Zeit ohne Handy oder Smartphone auszukommen. Etwa 21% weisen jedoch eine sehr starke Bindung auf. Dies äußere sich unter anderem dadurch, dass sie ständig an das Mobiltelefon denken, es auf neue Nachrichten überprüfen oder zum Zeitvertreib nutzen. Acht Prozent von ihnen seien so stark involviert, dass sie als suchtgefährdet bezeichnet werden müssten. Besonders introvertierte, schüchterne Personen, die sich weniger gut in ein soziales Umfeld eingebettet und unterstützt fühlen, wenden sich eher dem Internet bzw. sozialen Netzwerken zu, um dort die Befriedigung individueller Bedürfnisse zu erfahren, wodurch das Risiko einer unkontrollierten Nutzung erhöht wird.

Machen Medien süchtig?

Entgegen des bei verbreiteten Alarmismus ist der Anteil Jugendlicher mit exzessiver Mediennutzung
relativ klein und ist oft vorübergehend. Von Mediensucht zu sprechen ist grundsätzlich schwierig,
denn die Sucht nach Medien ist noch nicht offiziell als Erkrankung anerkannt. Exzessive
Mediennutzung lässt sich nicht allein an der verbrachten Zeit messen. Ausschlaggebend ist vor
allem, inwieweit es durch die Nutzung zu gesundheitlichen, leistungsbezogenen, sozialen oder
emotionalen Problemen kommt, wie etwa eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive
Reaktionen bei längerer Abstinenz.

Dennoch ist das Phänomen ernst zu nehmen. So sind gesundheitliche Schäden möglich. Zudem kann
eine exzessive Mediennutzung Anforderungen des Alltags und Entwicklungschancen beeinträchtigen
sowie ein Hinweis auf persönliche Probleme oder sozialen Isolation des Kindes sein.

Bei älteren Kindern und Jugendlichen spielt die ausgedehnte Nutzung von Computerspielen, Internet
und/oder Smartphone häufig eine wichtige Rolle für ihre Einbettung in die Gruppe der
Gleichaltrigen. Im Gespräch mit den Kindern/Jugendlichen können Eltern herausfinden, was die
Mediennutzung für die Heranwachsenden so attraktiv macht und sie zu einer kritischen Reflexion

Welche Bildschirmzeiten sind angemessen?

Wichtig ist, dass sich Eltern dafür interessieren was genau ihre Kinder im Netz machen, welche
Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dafür sollten Eltern ihre Kinder von Anfang an
begleiten und frühzeitig über die Risiken, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der
Mediennutzung aufklären. Elternbegleitung beinhaltet auch, dass Kinder Medien ausprobieren und
lernen sie mit Unterstützung der Eltern kritisch einschätzen zu können. Auf dieser Grundlage können
Eltern gemeinsam mit ihrem Kind die Mediennutzungszeiten festlegen.

Bei jüngeren Kindern bis zehn Jahren sollten Eltern darauf achten, dass ein tägliches Maß bei der Mediennutzung nicht überschritten wird. Bei älteren Kindern können sie zusammen mit ihrem Kind ein wöchentliches Zeitkontingent für Games, Internet und TV festlegen, das es sich selbst einteilt.

  • bis 5 Jahre: bis eine halbe Stunde am Tag
  • 6-9 Jahre: bis zu einer Stunde am Tag
  • ab 10 Jahre: rd. 9 Stunden pro Woche

Als eine andere Orientierung gilt ein Limit der Medienzeit von 10 Minuten pro Lebensjahr am Tag oder 1 Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Für Kinder ab 10 Jahren bietet sich das Wochenkontingent an, das sich Kinder ähnlich wie beim Taschengeld zunehmend selbstständig einteilen können.

Wann sollten Medien Pause haben?

Zwar sind Nutzungszeiten von beispielsweise mobilen Geräte weniger leicht zu regeln, doch ist darauf zu achten, dass Kinder Handy & Co. bei Treffen, beim Essen, bei den Hausaufgaben und vor dem Schlafengehen beiseitelegen, um Respekt gegenüber dem sozialen Miteinander zu zeigen, sich zu konzentrieren und zur Ruhe zu kommen. Ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollte man die Geräte aus der Hand legen, da das gleißende Licht der Bildschirme das Hormon Melatonin unterdrücken kann, das die Schlaf- und Wachphasen regelt. Gerade die Nutzung mobiler Geräte sollte nicht gänzlich verboten werden, da sie oft eine wichtige soziale Funktion haben.

Was ist zuviel Mediennutzung?

Oft beginnt eine extreme Mediennutzung nicht plötzlich, sondern die Voraussetzungen dafür werden
schon früh gesetzt. Wenn Kinder beispielsweise lernen ihre Langeweile vor allem durch
Computerspielen oder Fernsehen zu vertreiben. Hier sind Eltern gefragt ihrem Kind zusätzlich zu
den Medien ausreichend Zuwendung, Auseinandersetzung und Aktivitätsmöglichkeiten mit Familie
und Freunden zu schaffen, um sich möglichst vielfältig zu erproben und einen kreativen Prozess
ihrer Kinder zur Freizeitgestaltung zu unterstützen.

Ab wann Eltern die Mediennutzung ihres Kindes als bedenklich einstufen, ist bei jedem Kind individuell verschieden. Dabei zählen neben der Häufigkeit der Nutzung auch die Motivation dahinter z.B. Langeweile vertreiben, im Kontakt mit Freunden sein oder aktuelle Ereignisse mitbekommen. Hinweise darauf, dass die Mediennutzung zu viel wird, sind die Vernachlässigung von Schulpflichten, der Rückzug von anderen Aktivitäten und Interessen oder aus Freundschaften sowie starke Launenhaftigkeit oder Gereiztheit.

Die EU-Initiative klicksafe.de bietet eine Checkliste, die Eltern erste Anhaltspunkte geben kann, ob ihr Kind gefährdet ist. Wenn drei oder mehr Merkmale zutreffen, sollten Eltern reagieren und gegebenenfalls professionelle Hilfe suchen.

  • die Gedanken des Kindes kreisen auch bei anderen Beschäftigungen ständig um Medien
  • das Kind spielt oder surft bis tief in die Nacht
  • dem Kind fällt es schwer, die Zeit vor dem Bildschirm zu begrenzen
  • das Kind reagiert gereizt, wenn es auf Computer, Internet oder Spielkonsole verzichten muss
  • es zieht sich immer mehr von Familie und Freunden zurück
  • Internetnutzung verdrängt andere Interessen und Hobbies
  • die Leistungen in der Schule haben sich deutlich verschlechtert
  • das Kind verzichtet auf Mahlzeiten, um am Computer zu bleiben
  • es hat stark ab- oder zugenommen und wirkt übermüdet
  • das Kind reagiert Gefühle wie Ärger oder Frust mit Computerspielen ab

Laut Bericht der Bundesregierung gibt es folgende Anzeichen und Risikofaktoren:

  • Vernachlässigung von privaten und gesellschaftlichen Verantwortungen,
  • signifikante Einschränkungen des Tagesablaufs,
  • negative Konsequenzen für private Beziehungen,
  • problematische Leistungsabfälle in der Schule/ im Beruf,
  • körperliche Einschränkungen wie Haltungsschäden aufgrund von Bewegungsmangel, Schwächung des Immunsystems wegen Schlafentzugs und Übergewicht wegen Fehlernährung

Weitere Risikofaktoren:

  • ein ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer Interaktion,
  • eine starke soziale Isolation sowie
  • Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit, Neurotizismus, Stressanfälligkeit, ein geringes Selbstwertgefühl und der Hang zur Prokrastination – im Sinne des Aufschiebens von anstehenden Aufgaben und Tätigkeiten
  • soziale Faktoren wie gefühlte Einsamkeit und eine gering wahrgenommene soziale Unterstützung – zum Beispiel durch Freunde oder Eltern
  • Internetkonsum als Bewältigungsstrategie für persönliche Probleme

Weitere Tipps

Vorbild sein
Sie können mit Ihrer eigenen Mediennutzung ein gutes Vorbild für Ihr Kind sein und sich auch einmal selbst kritisch fragen, wie oft Sie welche Medien wozu nutzen. Anhaltspunkte, um die eigene Mediennutzung zu reflektieren, bietet unser Elterntest. Auch ein gemeinsamer medienfreier Tag in der Woche oder ein gemeinsames Medienfasten kann helfen.

Abwechslung bieten und bestärken
Kinder sollten unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennenlernen und Medien als Mittel und nicht als Zweck, etwa gegen Langeweile nutzen. Wichtig ist auch, das Selbstwertgefühl zu stärken. Dazu gehören die Fähigkeit, lösungsorientiert mit belastenden oder als stresshaft erlebten Situationen des täglichen Lebens umzugehen, sowie zu selbstbestimmtem Handeln.

Professionelle Hilfe suchen
Haben Eltern Anhaltspunkte für eine „Mediensucht“ bei ihren Kindern oder führt die Mediennutzung zu lang anhaltenden und heftigen Konflikten, ist es wichtig, unbedingt auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, beispielsweise bei einer Sucht- oder Erziehungsberatungsstelle in ihrer Nähe

Infografik zum Thema Schlaf und Smartphone vom Ratgeberportal Zitronenzauber