Medien ohne Ende - wann ist viel zu viel?

Medien üben auf Kinder und Jugendliche eine große Faszination aus. Die Nutzung sozialer Netzwerke, das Surfen und Spielen im Internet, die Spielkonsole und das Smartphone sind manchmal sogar so reizvoll, dass die Zeit darüber vergessen wird. Konflikte können entstehen, wenn die Nutzung so intensiv wird, dass darüber alle anderen Aktivitäten vernachlässigt werden. SCHAU HIN! gibt Tipps, wie Eltern für so einen Fall vorbeugen können.

© Shestakoff / Fotolia
© Shestakoff / Fotolia

Zuletzt aktualisiert am 20.02.2017

Besonders Computerspiele und das Internet, aber auch Smartphones können für Kinder und Jugendliche so reizvoll und spannend sein, dass sie damit gar nicht mehr aufhören wollen. Streit entsteht, weil die Meinungen wie viel Mediennutzung „normal“ und angemessen ist, bei Eltern und Kindern oft weit auseinander gehen, da die Heranwachsenden häufig nicht das Gefühl haben zuviel Zeit mit dem Computer oder Smartphone zu verbringen. Eltern fühlen sich oft hilflos und wissen nicht genau wie sie damit umgehen sollen, da sie dieses Freizeitverhalten ihres Kindes häufig nicht nachvollziehen können und es ihnen schwerfällt es zu akzeptieren, da sie es im Widerspruch zu den anderen Anforderungen des Lebens sehen.

Im öffentlichen Diskurs ist oft von „Mediensucht“ die Rede. Von Mediensucht zu sprechen ist grundsätzlich schwierig, denn die Sucht nach Medien ist noch nicht offiziell als Erkrankung anerkannt. Für eine Sucht müssen immer bestimmte Kriterien erfüllt sein. Um von einer Sucht zu sprechen, müssen tatsächlich über einen längeren Zeitraum konkrete Symptome erfüllt sein: gesundheitliche, leistungsbezogene, soziale oder emotionale Probleme wie eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive Reaktionen bei längerer Abstinenz. Diese Kriterien werden in psychologischen Testverfahren abgefragt.  Oft ist exzessive Mediennutzung temporär und hängt von der Motivation (z.B. Langeweile vertreiben, im Kontakt mit Freunden sein oder aktuelle Ereignisse mitbekommen) und anderen sozialen Faktoren ab. Ein Schritt zur Klärung der Frage, wann eine Computerspielnutzung mit Krankheitswert vorliegt, erfolgte 2013 durch die Expertengruppe für die fünfte Revision des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-5) der American Psychiatric Association (APA). Da Belege zu Störungen mit Krankheitswert vor allem im Bereich der pathologischen Nutzung von Computerspielen vorliegen, wurde die Störung auf diese begrenzt und als „Internet Gaming Disorder“ bezeichnet.

Position von SCHAU HIN!

Entgegen des bei verbreiteten Alarmismus ist der Anteil Jugendlicher mit exzessiver Mediennutzung relativ klein und ist oft vorübergehend. Von Mediensucht zu sprechen ist grundsätzlich schwierig, denn die Sucht nach Medien ist noch nicht offiziell als Erkrankung anerkannt. Exzessive Mediennutzung lässt sich nicht allein an der verbrachten Zeit messen. Ausschlaggebend ist vor allem, inwieweit es durch die Nutzung zu gesundheitlichen, leistungsbezogenen, sozialen oder emotionalen Problemen kommt, wie etwa eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive Reaktionen bei längerer Abstinenz.
Dennoch ist das Phänomen ernst zu nehmen. So sind gesundheitliche Schäden möglich. Zudem kann eine exzessive Mediennutzung Anforderungen des Alltags und Entwicklungschancen beeinträchtigen sowie ein Hinweis auf persönliche Probleme oder sozialen Isolation des Kindes sein.

Wichtig ist, dass sich Eltern dafür interessieren was genau ihre Kinder im Netz machen, welche Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dafür sollten Eltern ihre Kinder von Anfang an begleiten und frühzeitig über die Risiken, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären. Elternbegleitung beinhaltet auch, dass Kinder Medien ausprobieren und lernen sie mit Unterstützung der Eltern kritisch einschätzen zu können. Auf dieser Grundlage können Eltern gemeinsam mit ihrem Kind die Mediennutzungszeiten festlegen.

Oft beginnt eine extreme Mediennutzung nicht plötzlich, sondern die Voraussetzungen dafür werden schon früh gesetzt. Wenn Kinder beispielsweise lernen ihre Langeweile vor allem durch Computerspielen oder Fernsehen zu vertreiben. Hier sind Eltern gefragt ihrem Kind zusätzlich zu den Medien ausreichend Zuwendung, Auseinandersetzung und Aktivitätsmöglichkeiten mit Familie und Freunden zu schaffen, um sich möglichst vielfältig zu erproben und einen kreativen Prozess ihrer Kinder zur Freizeitgestaltung zu unterstützen.

Bei älteren Kindern und Jugendlichen spielt die ausgedehnte Nutzung von Computerspielen, Internet und/oder Smartphone häufig eine wichtige Rolle für ihre Einbettung in die Gruppe der Gleichaltrigen. Im Gespräch mit den Kindern/Jugendlichen können Eltern herausfinden, was die Mediennutzung für die Heranwachsenden so attraktiv macht und sie zu einer kritischen Reflexion des Nutzungsverhaltens anregen. So kann z.B. die Erwartung ständiger Verfügbarkeit für die Freunde durchaus auch einmal hinterfragt werden.

Tipps

Vereinbarungen für Nutzungszeiten

Bei jüngeren Kindern bis zehn Jahren sollten Eltern darauf achten, dass ein tägliches Maß bei der Mediennutzung nicht überschritten wird. Bei älteren Kindern können sie zusammen mit ihrem Kind ein wöchentliches Zeitkontingent für Games, Internet und TV festlegen, das es sich selbst einteilt.
Wir empfehlen folgende Richtwerte:

  • bis 5 Jahre: bis eine halbe Stunde am Stück
  • 6-9 Jahre: bis zu einer Stunde am Stück

Als eine andere Orientierung gilt ein Limit der Medienzeit von 10 Minuten pro Lebensjahr am Tag oder 1 Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Die Mediennutzung für die Schule ist dabei nicht anzurechnen.

Wichtig ist, dass die aufgestellten Regeln eingehalten werden. Dabei helfen Klassiker wie eine Eieruhr neben dem Bildschirm oder auch Regeln verbindlich festzuhalten, etwa in einem Mediennutzungsvertrag. Zudem ist es auch möglich, Zeitbegrenzungen im Betriebssystem (PC/Windows; iOS), durch externe Jugendschutzsoftware (auch mobil), bei Spielkonsolen und in der Spielsoftware selbst einzustellen.
Zwar sind Nutzungszeiten von mobilen Geräte weniger leicht zu regeln, doch ist darauf zu achten, dass Kinder Handy & Co. bei Treffen, beim Essen, bei den Hausaufgaben und vor dem Schlafengehen beiseitelegen, um Respekt gegenüber dem sozialen Miteinander zu zeigen, sich zu konzentrieren und zur Ruhe zu kommen. Ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollte man die Geräte aus der Hand legen, da das gleißende Licht der Bildschirme das Hormon Melatonin unterdrücken kann, das die Schlaf- und Wachphasen regelt. Gerade die Nutzung mobiler Geräte sollte nicht gänzlich verboten werden, da sie oft eine wichtige soziale Funktion haben.

Auf Anzeichen achten

Interessieren Sie sich dafür, was genau ihre Kinder mit Medien machen, welche Seiten sie mögen oder welche Spiele sie spielen. Dabei können Sie frühzeitig über die Risiken und vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären sowie gemeinsam Medien ausprobieren und sie kritisch einschätzen. Zur Einschätzung der Mediennutzung Ihres Kindes ist nicht allein die Zeit bedeutsam. Neben der Häufigkeit der Nutzung ist auch die Motivation dahinter wichtig, z.B. Langeweile vertreiben, im Kontakt mit Freunden oder über Aktuelles informiert sein. Hinweise darauf, dass die Mediennutzung zu viel wird, sind die Vernachlässigung von Schulpflichten, der Rückzug von anderen Aktivitäten und Interessen oder aus Freundschaften sowie starke Launenhaftigkeit oder Gereiztheit.

Vorbild sein

Sie können mit Ihrer eigenen Mediennutzung ein gutes Vorbild für Ihr Kind sein und sich auch einmal selbst kritisch fragen, wie oft Sie welche Medien wozu nutzen. Anhaltspunkte, um die eigene Mediennutzung zu reflektieren, bietet unser Elterntest. Auch ein gemeinsamer medienfreier Tag in der Woche oder ein gemeinsames Medienfasten kann helfen.

Abwechslung bieten und bestärken

Kinder sollten unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennenlernen und Medien als Mittel und nicht als Zweck, etwa gegen Langeweile nutzen. Wichtig ist auch, das Selbstwertgefühl zu stärken. Dazu gehören die Fähigkeit, lösungsorientiert mit belastenden oder als stresshaft erlebten Situationen des täglichen Lebens umzugehen, sowie zu selbstbestimmtem Handeln.

Professionelle Hilfe suchen

Haben Eltern Anhaltspunkte für eine „Mediensucht“ bei ihren Kindern oder führt die Mediennutzung zu lang anhaltenden und heftigen Konflikten, ist es wichtig, unbedingt auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, beispielsweise bei einer Sucht- oder Erziehungsberatungsstelle in ihrer Nähe.

Wann machen Medien süchtig?

Die EU-Initiative klicksafe.de bietet eine Checkliste, die Eltern erste Anhaltspunkte geben kann, ob ihr Kind gefährdet ist. Wenn drei oder mehr Merkmale zutreffen, sollten Eltern reagieren und gegebenenfalls professionelle Hilfe suchen.

  • die Gedanken des Kindes kreisen auch bei anderen Beschäftigungen ständig um Medien
  • das Kind spielt oder surft bis tief in die Nacht
  • dem Kind fällt es schwer, die Zeit vor dem Bildschirm zu begrenzen
  • das Kind reagiert gereizt, wenn es auf Computer, Internet oder Spielkonsole verzichten muss
  • es zieht sich immer mehr von Familie und Freunden zurück
  • Internetnutzung verdrängt andere Interessen und Hobbies
  • die Leistungen in der Schule haben sich deutlich verschlechtert
  • das Kind verzichtet auf Mahlzeiten, um am Computer zu bleiben
  • es hat stark ab- oder zugenommen und wirkt übermüdet
  • das Kind reagiert Gefühle wie Ärger oder Frust mit Computerspielen ab

Laut einem Bericht des Bundestages gibt es folgende Anzeichen und Risikofaktoren:

  • Vernachlässigung von privaten und gesellschaftlichen Verantwortungen,
  • signifikante Einschränkungen des Tagesablaufs,
  • negative Konsequenzen für private Beziehungen,
  • problematische Leistungsabfälle in der Schule/ im Beruf,
  • körperliche Einschränkungen wie Haltungsschäden aufgrund von Bewegungsmangel, Schwächung des Immunsystems wegen Schlafentzugs und Übergewicht wegen Fehlernährung

Weitere Risikofaktoren:

  • ein ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer Interaktion,
  • eine starke soziale Isolation sowie
  • Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit, Neurotizismus, Stressanfälligkeit, ein geringes Selbstwertgefühl und der Hang zur Prokrastination – im Sinne des Aufschiebens von anstehenden Aufgaben und Tätigkeiten
  • soziale Faktoren wie gefühlte Einsamkeit und eine gering wahrgenommene soziale Unterstützung – zum Beispiel durch Freunde oder Eltern
  • Internetkonsum als Bewältigungsstrategie für persönliche Probleme

Wie häufig nutzen Kinder Medien?

  • Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der DAK (2017) erfüllen 8,4% der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 bis 25 Jahren die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der „Internet Gaming Disorder Scale“ . Der Anteil der betroffenen Mädchen und jungen Frauen liegt mit 2,9% deutlich niedriger. 46% der Befragten vernachlässigen soziale Kontakte zu Freunden oder zu Familienangehörigen, die ihnen früher wichtigen waren.

  • Laut einer Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen (2015) können die meisten befragten Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 14 Jahren auch längere Zeit ohne Handy oder Smartphone auszukommen. Etwa 21% weisen jedoch eine sehr starke Bindung auf. Dies äußere sich unter anderem dadurch, dass sie ständig an das Mobiltelefon denken, es auf neue Nachrichten überprüfen oder zum Zeitvertreib nutzen. Acht Prozent von ihnen seien so stark involviert, dass sie als suchtgefährdet bezeichnet werden müssten. Besonders introvertierte, schüchterne Personen, die sich weniger gut in ein soziales Umfeld eingebettet und unterstützt fühlen, wenden sich eher dem Internet bzw. sozialen Netzwerken zu, um dort die Befriedigung individueller Bedürfnisse zu erfahren, wodurch das Risiko einer unkontrollierten Nutzung erhöht wird.

  • Die BZgA-Studie „Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015“ zeigt, dass Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 12 und 25 Jahren durchschnittlich 22 Stunden pro Woche online sind, zum Kommunizieren, Spielen oder zur Unterhaltung, nicht im Zusammenhang mit Schule, Studium oder der Arbeit. Auf Grundlage der „Compulsive Internet Use Scale“ (CIUS)  ist bei 5,8 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 2,8 % der 18- bis 25-jährigen jungen Erwachsenen von einer computerspiel- oder internetbezogenen Störung auszugehen. In der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen sind die weiblichen Jugendlichen (7,1 %) stärker betroffen als die männlichen Jugendlichen (4,5 %).

  • In der PINTA-Studie führten Rumpf et al. (2011) eine Datenanalyse anhand einer Stichprobenziehung bei 15.024 Personen im Alter von 14 bis 64 Jahren in Deutschland durch und stellten mithilfe eines Fragebogenverfahrens die Prävalenz der Internetsucht in der untersuchten Bevölkerungsstichprobe fest. Die geschätzte Prävalenz für eine Internetabhängigkeit liegt bei 1,5 %, bei den 14- bis 16- Jährigen bei 4,0 % (Frauen 4,9 %; Männer 3,1 %).

  • Der Suchtbericht 2016 der Drogenbeauftragten bezieht sich wie 2015 auf diese PINTA-Studie, wonach rund 560.000 Personen in Deutschland als internetabhängig bezeichnet werden können.

  • Bei einer Onlinebefragung von Hahn und Jerusalem aus dem Jahr 2001 wurde eine Stichprobe von 8.266 Personen ausgewählt. Die Prävalenz hinsichtlich einer Internetsucht in der deutschen Betrachtungsgruppe wird mit 3,2 % beziffert, weitere 6,6 % werden als Risikogruppe klassifiziert. Bis zum Alter von 18 Jahren sind Jungen im Durchschnitt doppelt so häufig wie Mädchen unter den Internetabhängigen auszumachen.

 

 

Infografik zum Thema Schlaf und Smartphone vom Ratgeberportal Zitronenzauber