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Faszination Castingshows – Was Eltern wissen sollten

Dieter Bohlen sucht Deutschlands Superstar, auf Pro7 castet Heidi Klum jedes Jahr aufs Neue Deutschlands nächstes Topmodel und selbst die Jüngsten dürfen sich in Shows wie „The Voice Kids“ oder dem „Supertalent“ auf der großen Bühne beweisen. Castingshows haben seit Jahren Hochkonjunktur im deutschen Fernsehen. SCHAU HIN! hat wichtige Informationen rund um dieses Showformat zusammengestellt.

© Sergey Nivens / Fotolia
© Sergey Nivens / Fotolia

Laut einer Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen sehen über zwei Drittel der befragten Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren Castingshows – Mädchen, Ältere, Bildungsferne und
Jugendliche mit Migrationshintergrund tendenziell eher. Drei Viertel aller Kinder und Jugendlichen
sind davon überzeugt, dass eine Teilnahme für die Kandidaten die größte Chance ihres Lebens sei.
Zwei Drittel sind überzeugt, dass die Castings und Charaktere der Kandidaten der Realität
entsprechen. Von denen, die Castingshows oft sehen, sind es über 80 Prozent. Aus dieser Gruppe
würde die Hälfte gern selbst teilnehmen.

Das Zielpublikum wird dabei immer jünger. Der Anteil von jungen Zuschauern nimmt zu; bereits achtzig Prozent Mädchen und junge Frauen schauen regelmäßig Castingshows und sechzig Prozent der männlichen Jugendlichen tun dies ebenfalls. Etablieren sich Formate wie "The Voice Kids" für Acht- bis Vierzehnjährige wird auch das Mitmachpublikum immer jünger.

Was fasziniert Kinder an Castingshows?

Was sich Kinder und Jugendliche in den Medien anschauen, hängt neben ihren persönlichen Bedürfnissen auch eng mit den (Lebens-)Themen zusammen, die sie gerade beschäftigen. Die jungen Kandidatinnen und Kandidaten in Castingshows sind für Kinder und Jugendliche meist ideale Identifikationsfiguren. Mit ihnen fühlen sie mit, hoffen, dass sie sich gut präsentieren, Zustimmung erhalten und am Ende weiterkommen. Castingshows wecken oft Wünsche nach Beliebtheit, Berühmtheit, Erfolg und den Anreiz, sich mit anderen zu messen. Junge Menschen bewältigen große Aufgaben und berühren Millionen mit ihrer Musik. Eltern, Freunde und Verwandte sind stolz und stehen immer hinter einem. Dies fasziniert Kinder und Jugendliche und motiviert auch sich in sozialen Medien wie YouTube und YouNow oder Instagram darzustellen.

Heranwachsende fühlen mit ihnen mit, hoffen, dass sie sich gut präsentieren, Zustimmung von Jury
und Publikum erhalten und weiterkommen. Dies können sie über kostenpflichtige Anrufe oder SMS
sowie per App beeinflussen und an parallelen Gewinnspielen teilnehmen. Zudem können sie online
etwa über soziale Netzwerke auf dem Laufenden bleiben. Diese Sendungen sind außerdem oft
Schulhofthema und so möchten viele Heranwachsende zuschauen, um mitreden zu können. Zudem
schauen einige Jugendliche diese Formate schlicht, um unterhalten zu werden oder sich über die
Mitwirkenden lustig zu machen. Sendungen suchen oft gerade zu diesem Zweck spezielle Charaktere
und stellen diese bewusst verzerrt dar, z.B. als Zicke, Dummchen, Weichei usw.

Warum möchten Kinder und Jugendliche selbst daran teilnehmen?

Jahr für Jahr melden sich viele junge Menschen für Castingshows an. Die meisten Formate verlangen
ein Mindestalter von 16 Jahren, andere wie „The Voice Kids“, „Das Supertalent“ oder „DSDS Kids“
auch darunter. Viele Heranwachsende träumen davon, als einzigartiger Mensch gesehen und
bejubelt zu werden. Sie verbinden mit einer Teilnahme die Hoffnung, prominent zu werden, ein
ereignisreiches Leben zu führen und finanziell abgesichert zu sein. Doch den meisten ist nicht
bewusst, dass die Teilnahmebedingungen sehr hart sind, sie etwa alle Rechte an Bild- und
Tonaufnahmen abtreten, die Sendungen viel abverlangen und sie in ein falsches Licht rücken
können. Dies kann Folgen haben, die weit über die Teilnahme hinausreichen, wie Studien zeigen.

Eine Vielzahl der Castingshowteilnehmer beteiligt sich, weil ihre Eltern sie angemeldet haben und ihre Kinder gerne im Rampenlicht sähen. Im Grunde wollen Eltern sich damit einen eigenen, unerfüllten Traum nachholen. Doch Eltern sollten vorsichtig mit diesen Wünschen umgehen. Denn als vermeintliches Talent im Fernsehstudio zu stehen ist immer auch mit Aufregung, Anspannung und Leistungsdruck verbunden. Der schnelle Ruhm, der oft nur kurz währt, überfordert viele Kinder in ihrer Identitätsbildung. Teilnehmer müssen einem großen Druck standhalten, öffentliche Kritik verkraften und mögliche Enttäuschungen aushalten. Das kann nicht nur anstrengend, sondern auch verletzend sein.

Problematische Inhalte und Strukturen

Klischees

Mit Klischees behaftet und sehr fragwürdig ist das Frauen- und Männerbild, das viele Castingshows vermitteln. Frauen werden oft auf Äußerlichkeiten reduziert und als naiv dargestellt. Statt Cleverness kommen oft Emotionen zum Einsatz, um Männer von sich zu überzeugen. Die Beurteilung der Kandidaten fällt durch Kommentare der Moderatoren und die redaktionelle Bearbeitung der Sendung oft einseitig aus und drängt die Beteiligten in eine bestimmte Ecke. Dies erfolgt oft in einem Werteschema, das der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen widerspricht. In der Familie lernen Kinder, dass sie sich nicht über andere lustig machen sollen. Im Fernsehen werden dagegen immer wieder Kandidaten zum Zwecke der Unterhaltung schonungslos bloßgestellt. Dem Zuschauer bleibt kaum eine Chance, sich neutral eine eigene Meinung zu bilden.

Wie können Eltern dem entgegen wirken? Eltern können klar zu den Rollenbilder Stellung beziehen: Wenn Menschen auf das Äußere reduziert werden, wie es in Castingshows häufig passiert, ist das zu wenig. Kinder müssen von ihren Eltern auch erfahren, dass vor allem der Charakter einer Person wichtig ist und dass man sie deshalb wert schätzen sollte.

Inszenierungen

Eine Show ist mittlerweile weit mehr als der Sendeplatz im Programmschema. Die Marketingkampagnen dahinter bauen die Protagonisten medial auf und erhöhen damit die Identifikation bei den Zuschauern. Dies geschieht nicht mehr nur im Fernsehen. Im Internet und in sozialen Netzwerken wie Facebook bekommen die Fans weitere Einblicke. Hier werden Hintergrundgeschichten erzählt und Bilder von den Kandidaten gepostet. In Foren und sozialen Netzwerken können Fans über die letzte Sendung aber auch das Outfit der Kandidaten und die letzten Zickereien diskutieren.

In der Show sollen gewisse Mittel der Inszenierung, wie der gezielte Einsatz von Musik und Fanaufnahmen, bei dem Zuschauer gezielt Emotionen zuspitzen. Kinder können den suggerierten Traum vom schnellen Ruhm und einem Leben in Glitzer und Glamour als realistische Perspektive für das eigene Leben missverstehen. Sie fiebern mit und träumen von medialem Ruhm und einer Karriere als kommender Star. Vor allem jüngere Kinder haben Schwierigkeiten, sich von diesen Traumbildern zu distanzieren. Älteren ist es eher möglich, eine kritische Haltung zu Castingshows einzunehmen.

Second Screen

Viele TV-Formate sind so erfolgreich, weil sie das Publikum eng an die Protagonisten binden. Dazu
dienen vor allem „Second Screen“-Angebote wie Fanseiten oder Profile der Darsteller auf Facebook,
Twitter und Instagram. Gewinnspiele, etwa verbunden mit dem Aufruf, Selfies öffentlich unter
einem Hashtag zu posten, animieren zudem zur Preisgabe privater Daten. Die Plattformen enthalten
oft beleidigende Kommentare, werden nicht moderiert, bergen Kontakt- sowie Konfrontationsrisiken
und sind daher für Heranwachsende ungeeignet.

Ab wann dürfen Kinder Castingshows schauen?

Castingshows aus dem Erwachsenenprogramm sind überwiegend nichts für Kinder. Das ist häufig
schon an der Sendezeit zu erkennen. Vor allem jüngere Kinder können den suggerierten Traum vom
schnellen Ruhm als realistische Perspektive für das eigene Leben missverstehen. Zudem sind viele
Formate kritisch zu sehen: sie sind stark inszeniert, klischeebeladen, vermitteln überkommene
Rollenbilder und setzen im Rahmen einer ausgeklügelten Marketingstrategie auf Emotionen und
Identifikation. Zudem können gerade Modelshows mit übertriebenen Körperidealen Unsicherheiten
bei Kindern und Jugendlichen hervorrufen bzw. verstärken.

Es ist immer schwierig, ein genaues Alter festzulegen, denn bei der Mediennutzung kommt es auf viele Aspekte an: Wie viel Seherfahrung bringt ein Kind mit? Mit welchen Interessen wendet es sich bestimmten Medien zu? In welchem Zusammenhang stehen die Inhalte und Themen zur Entwicklungsphase und zur aktuellen Lebenswelt? Inwiefern kann das Kind bereits kritisch die Macharten dieser Shows einschätzen? In Bezug auf Castingshows empfiehlt sich aus medienpädagogischer Sicht ein Einstiegsalter zwischen 11 und 13 Jahren, wohl wissend, dass durchaus jüngere Kinder dieses Format lieben.

Wie können Eltern ihr Kind begleiten?

Unabhängig in welchem Alter sich Kinder Castingshows anschauen, eine Unterstützung und Begleitung der Eltern ist immer wichtig. Sinnvoll ist es daher, zumindest einige Folgen zusammen mit ihrem Kind zu schauen. Damit zeigen sie auch Respekt vor den Wünschen und Interessen der Kinder. Gleichzeitig können Eltern konkret aus dem Gesehenen wichtige Aspekte herausgreifen und mit ihrem Kind diskutieren.

Zu kritischer Perspektive anregen

Eltern können auf Inszenierungen und Klischees aufmerksam machen, beispielsweise durch ein kleines Ratespiel, bei dem Eltern mit dem Kind erraten, welche Rolle den Kandidaten zugeschrieben wird oder welche Gestaltungsmittel in der Show genutzt werden - wie dramatische Musik und Geräusche. Dabei geht es nicht darum, Jugendlichen den Spaß an diesen Sendungen zu verderben, sondern sie dazu zu animieren, einen kompetenten Umgang mit Inhalten sowie eigenen Wünschen und Vorstellungen zu entwickeln.

Vermarktung beleuchten

Am besten achten Eltern auch auf begleitende Second Screen-Angebote, informieren sich über die Altersfreigaben und Risiken der Dienste, klären ihre Kinder darüber auf und vereinbaren Chatregeln, etwa Störer zu melden und zu blockieren. Zudem ist die Anmeldung bei Diensten oder die Teilnahme an Gewinnspielen vorher zu besprechen.

Kreativität unterstützen

Castingshows haben immer auch das Potenzial bei den Zuschauenden
die Lust zu wecken, selbst Musik zu machen, zu singen und herauszufinden, was man in diesem
Bereich möchte. Das kann eine Bereicherung sein und macht viel Spaß und kann motivieren,
eigene musikalische oder tänzerische Talente zu entdecken und auszubauen. Dies können Eltern
etwa mit passenden Gesangs- und Tanzkursen unterstützen.

Alternativen anbieten

Eltern können Alternativen zu herkömmlichen Castingshows aufzeigen,
etwa Talentwettbewerbe vor Ort, die nur eine begrenzte Öffentlichkeit haben, oder
kindgerechte Formate wie die Sendung "Dein Song" auf KiKa. Dazu können sich Kinder auch in
der altersgerechten Kika-Community austauschen. Man kann auch ein eigenes musikalisches
Event daheim organisieren, wo Familienmitglieder Songs zum Besten geben. Dies kann man auch
aufzeichnen und im privaten Rahmen etwa beim nächsten Familientreffen vorführen.

Beschwerde einlegen

Haben Eltern den Eindruck, dass Sendungen den Jugendmedienschutz
missachten, etwa durch den Umgang mit Kandidaten oder eine stark sexualisierte Darstellung,
können sie sich bei den Jugendschutzbeauftragten der Sender und externen Aufsichtsstellen
beschweren, etwa bei Landesmedienanstalten oder der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen.

Mehr auf SCHAU HIN!

Im Interview mit Dr. Maya Götz stellt diese die Ergebnisse ihrer Studie vor.

Im Interview mit Verena Weigand äußert diese sich zu Rollenklischees im TV.

Im Interview mit Prof. Sandra Fleischer erläutert diese, warum Castingshows faszinieren.

Antworten auf Fragen zu TV & Film finden Sie in den Elternfragen.

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