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Selbstoptimierung auf Social Media: Wenn Motivation zu Druck wird
Themen
Inhalt des Artikels:
Selbstoptimierung auf Social Media: Was ist das?
Warum sind Selbstoptimierungs-Trends für Kinder und Jugendliche so attraktiv?
Welche Selbstoptimierungs-Trends auf Social Media gibt es?
Selbstoptimierung: Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche
Selbstoptimierung im Kinderzimmer: Tipps für Eltern und Erziehende
Selbstoptimierung auf Social Media: Was ist das?
Clean Girl, Looksmaxxing oder Achtsamkeitstagebuch: Auf Instagram, TikTok und YouTube gibt es zahlreiche Selbstoptimierungs-Trends und Challenges, die mit einem bestimmten Lifestyle ein besseres, erfolgreicheres und gesünderes Leben versprechen.
Verbreitet werden solche Trends oft von InfluencerInnen oder kleineren Content CreatorInnen. Sie zeigen ihre Routinen, welche Ziele sie sich setzen und geben Tipps. Auch sogenannte „Coachings“, wie andere ebenso das Maximum aus sich herausholen können, werden online angeboten. Diese sollten allerdings mit Vorsicht genossen werden: Es gibt viele unseriöse Angebote. Coachings ersetzen keinen Besuch bei der Psychotherapie oder beim Arzt. Mehr zu Coachings erfahren Sie im Abschnitt „Selbstoptimierung: Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche“.
Bei der AOK finden Sie ein Interview mit der Psychologin Prof. Dr. Ada Borkenhagen zum Thema Selbstoptimierung auf Social Media.
Warum sind Selbstoptimierungs-Trends für Kinder und Jugendliche so attraktiv?
Kinder und Jugendliche können durch solche Trends zur Selbstoptimierung besonders beeinflusst werden. Sie befinden sich in einer Phase, in der sie ihre Identität und das eigene Körperbild gerade erst entwickeln. Dafür suchen sie nach Vorbildern und Anhaltspunkten – auch in den Medien. Die Videos rund um Selbstoptimierung können dabei als Orientierung dienen. Sie geben ein klares Zielbild vor und vermitteln: Wenn du diese Schritte befolgst, wirst du zu einem glücklichen und erfolgreichen Menschen.
Jungen Menschen, die gerade noch lernen, ihren Platz in der Welt zu finden, kann das Halt geben und als Motivation dienen. Gleichzeitig können solche Trends Druck ausüben – insbesondere dann, wenn sich die Heranwachsenden mit den InfluencerInnen im Netz vergleichen.
Welche Selbstoptimierungs-Trends auf Social Media gibt es?
Rund um Selbstoptimierung gibt es viele Trends im Netz – und es kommen immer wieder neue dazu. Einige sind harmlos und werden erst bei extremer Ausführung problematisch. Andere wiederum sind gesundheitsgefährdend und sind grundsätzlich nicht für Kinder und Jugendliche geeignet. Ein Überblick:
Beide Trends stehen für ein möglichst „perfektes“ Leben und Aussehen. Ein CleanGirl hat einen minimalistischen Look mit strahlender Haut und dezentem Make-up. Alles soll natürlich, aber makellos wirken. Oft werden dazu Pflege- und Lifestyle-Produkte beworben.
Der ThatGirl-Trend betrifft vor allem die Lebensweise: Ein ThatGirl steht früh auf, treibt regelmäßig Sport, liest viel, ernährt sich gesund, meditiert, führt ein Dankbarkeitstagebuch, erbringt in der Schule Bestleistungen und sieht bei alledem auch noch fabelhaft aus. Der ganze Tag besteht aus Maßnahmen zur Selbstoptimierung. So entsteht ein Bild von Perfektion, das für die meisten jungen Menschen kaum erreichbar ist.
Auf Social Media ist auch Ernährungs- und Fitness-Content besonders beliebt. InfluencerInnen zeigen ihr Training, stellen Vorher-Nachher-Bilder gegenüber und geben Einblicke in ihre Ernährung, etwa in „What I eat in a day“-Videos. Dabei kommen oft Tracking-Apps und Smartwatches zum Einsatz, die Kalorien, Nährstoffe, Schritte und Trainingsverbrauch messen. Diese Werte werden dann auf Social Media geteilt und dienen anderen als Vorbild zur Selbstoptimierung. So kann aus einfachen Gewohnheiten schnell ein Zwang werden, um „gesünder“, schlanker oder fitter zu werden.
Im Zuge von sogenannten FitfluencerInnen stehen insbesondere bei jungen Männern auch Krafttraining und Bodybuilding im Fokus. Nicht selten wird hier ein extrem muskulöser Körper mit einem bestimmten Weltbild verknüpft, das auf Stärke, problematischen Männlichkeitsbildern und frauenfeindlichen Einstellungen beruht. Die Übergänge zwischen Fitness-Content, der zunächst Trainings- und Ernährungstipps vermittelt, und Inhalten, die ein bestimmtes „Mindset“ propagieren, sind fließend. Ein Bericht des Anti-Bullying Centres zeigt, dass Jungen, die sich für Fitnessinhalte interessieren, innerhalb kurzer Zeit durch Empfehlungen des Algorithmus mit zunehmend extremen Inhalten konfrontiert werden.
Auch Schönheitsideale spielen beim Thema Selbstoptimierung eine Rolle. Manche Trends treiben die Optimierung der Schönheit bis an gesundheitliche Grenzen und darüber hinaus. Dazu gehört etwa Looksmaxxing, einem Phänomen, bei dem Jungen und junge Männer ihr Aussehen perfektionieren wollen, etwa um besonders markant zu wirken. Looksmaxxing basiert auf dem ständigen Vergleich mit anderen und der Kategorisierung des äußeren Erscheinungsbildes. Dadurch wird Druck aufgebaut, der dazu führen kann, härtere Methoden anzuwenden. In extremen Fällen werden dafür sogar Knochenbrüche in Kauf genommen.
Ein anderes Beispiel für einen Selbstoptimierungs-Trend, bei dem extreme Maßnahmen für ein äußerliches Idealbild ergriffen werden, ist SkinnyTok. Dabei geht es um extreme Diät- und Abnehmtipps, um so schlank wie möglich zu sein. Zwar ist das Hashtag #SkinnyTok seit Juni 2025 auf TikTok verboten, doch ist Skinny-Content nach wie vor sehr beliebt und weit verbreitet. Aktuell wird auf unzähligen Accounts sogar ein Körperbild als normal inszeniert, das weit über schlank hinausgeht. Junge Frauen mit stark untergewichtigen Körpern zeigen ihre „Outfits of the day“, tanzen zu viralen Sounds oder posieren wie Models. Der Zuspruch, in Form von Likes und bewundernden Kommentaren, ist groß.
Diese beiden Trends zeigen, dass sich unter dem Deckmantel der Selbstoptimierung auch gesundheitsgefährdende Ideale verstecken können, die nicht für Kinder und Jugendliche geeignet sind.
Hinter den Begriffen steckt der Versuch, den eigenen Körper möglichst lange gesund und leistungsfähig zu halten, oft mit Produkten und Nahrungsergänzungsmitteln. Auch Teenager stoßen auf diese Themen, häufig im Zusammenhang mit Maxxing-Trends wie Sleepmaxxing oder Lifemaxxing. Sie versprechen, dass man sich in jedem Lebensbereich verbessern kann.
Was als Maßnahme für besseren Schlaf oder gute Blutwerte beginnt, kann leicht ins Extreme kippen. Viele der angepriesenen Methoden wie bestimmte Hautpflegeanwendungen, Ernährungsweisen oder gar das Spritzen nicht zugelassener Forschungssubstanzen wie Peptiden sind nicht wissenschaftlich geprüft und für Jugendliche nicht geeignet.
Achtsamkeit, Meditation und bewusste Pausen können Menschen guttun und Stress abbauen. Auf Social Media werden sie jedoch oft Teil von Leistung und Produktivität. Morgenmeditation, Tagebuch und Atemübungen werden zum Pflichtprogramm einer perfekten Routine, um möglichst produktiv zu sein. Jede Pause im Tagesablauf soll sinnvoll genutzt werden. Selbstfürsorge wird damit zu einem weiteren Projekt, das man möglichst gut erledigen soll. Für Kinder und Jugendliche kann das die Botschaft vermitteln: Entspannung, Pausen und Langeweile dürfen nicht aufkommen und sollten mit Aufgaben zur Selbstoptimierung gefüllt werden.
Selbstoptimierung: Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche
Selbstoptimierungs-Trends auf Social Media sind nicht grundsätzlich etwas Schlechtes oder gefährlich für Heranwachsende. Gerade in der Jugend probieren junge Menschen aus, wer sie sind und wer sie sein möchten. Social Media bietet dafür viel Material: Trends, Vorbilder und Tipps für nahezu jeden Lebensbereich. So können sie neue Hobbys entdecken oder sich Ziele setzen. Leistung erbringen zu wollen und auf Ernährung und Fitness zu achten kann zur Gesundheit und Zufriedenheit beitragen.
Problematisch wird es dann, wenn die Selbstoptimierungs-Tipps im Netz auf extreme Methoden zurückgreifen oder wenn aus Motivation Druck wird. Auf diese Risiken sollten Eltern achten:
UNSERIÖSE COACHES UND DUBIOSE TIPPS
Auf Social Media geben viele Menschen Ratschläge zu Fitness, Ernährung, Schlaf oder Erfolg, ohne dass klar ist, welche Ausbildung sie haben. Oft beruhen die Tipps auf eigenen Erfahrungen, Mythen und kommerziellem Interesse, nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Darunter können auch gefährliche bzw. potenziell schädigende Ratschläge oder Produktwerbungen sein, etwa ungeeignete Präparate zum Muskelaufbau oder Warnung vor eigentlich gesunden Lebensmitteln. „Coaches“, die neben kostenlosen Tipps teure Programme, Kurse oder Produkte verkaufen, können Heranwachsende in Kostenfallen locken. Insbesondere Fragen rund um Gewicht, Ernährung und Gesundheit sollten mit einem Arzt oder einer Ärztin abgeklärt werden.GEFÄHRLICHE SCHÖNHEITSIDEALE
Bei vielen Selbstoptimierungs-Trends spielt auch das Aussehen eine Rolle. Eine Studie von saferinternet.at aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Kinder und Jugendliche sich mit solchen Darstellungen vergleichen. So hat über die Hälfte der Befragten zwischen elf und 17 Jahren schon einmal etwas an ihrem Körper wegen Social Media geändert. Außerdem glauben 74 Prozent, dass Fitness-InfluencerInnen einen Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben. Social Media spielt also eine entscheidende Rolle dabei, wie Kinder und Jugendliche ihren Körper wahrnehmen. Extreme Körperideale sowie übermäßiges Tracking von Essen und Sport können belasten, die eigene Selbstwahrnehmung beeinträchtigen und in einigen Fällen auch Essstörungen begünstigen.HOHER LEISTUNGSDRUCK
Bei Selbstoptimierung geht es darum, sich selbst ständig zu perfektionieren. Wenn jede Minute des Tages produktiv sein soll und Kinder immer Bestleistung von sich erwarten, kann das zu Überforderung führen. Der ständige Vergleich mit scheinbar perfekten Vorbildern kann außerdem den Selbstwert verringern und zu unrealistischen Erwartungen führen. Pausen und auch mal Langeweile geben dagegen Raum zum Abschalten und für eigene Ideen.EINSAMKEIT
Viele Trends fokussieren sich auf die individuelle Entwicklung. Bei durchgetakteten Routinen bleibt wenig Zeit für FreundInnen und Familie. Manche Beiträge raten sogar dazu, Menschen aus dem Leben zu streichen, die einen nicht weiterbringen. Das kann dazu führen, dass soziale Kontakte vernachlässigt werden und sich Heranwachsende einsam fühlen.WERBUNG UND PRODUKTPLATZIERUNGEN
Selbstoptimierungs-Tipps werden oft zusammen mit Produkten verbreitet, etwa Fitness-Trackern, Kalorienzähl-Apps oder teuren Gesichtscremes. Manche Platzierungen sind als Werbung gekennzeichnet, oft wirken sie aber wie die Empfehlung einer guten Freundin oder eines guten Freundes. Für Kinder und Jugendliche ist das schwer zu durchschauen. Es kann der Eindruck entstehen, sie bräuchten diese Produkte, um schöner, gesünder und erfolgreicher zu werden.
Selbstoptimierung im Kinderzimmer: Tipps für Eltern und Erziehende
Nicht jeder Impuls Ihres Kindes, an sich zu arbeiten, muss bei Ihnen die Alarmglocken schrillen lassen. Entscheidend ist, ob Ihr Kind in Extreme abrutscht, sich genügend Pausen gönnt und auch außerhalb der Selbstoptimierungs-Blase Hobbys und Kontakte hat.
Folgende Tipps können Ihnen helfen, Ihr Kind im richtigen Umgang mit Selbstoptimierung auf Social Media zu begleiten:
Interesse zeigen: Fragen Sie Ihr Kind, welchen Accounts es folgt und was ihm daran gefällt. Lassen Sie sich Trends erklären, ohne zu bewerten. So merkt Ihr Kind, dass es mit Fragen und Sorgen zu Ihnen kommen kann.
Ideale hinterfragen: Sprechen Sie darüber, dass nicht alles echt ist, was auf Social Media gezeigt wird. Die Fotos und Videos zeigen nur ausgewählte Ausschnitte und können mit Filtern bearbeitet worden sein. Sensibilisieren Sie dafür, dass hinter den Accounts oft InfluencerInnen stecken, deren Job es ist, Content zu Selbstoptimierung zu erstellen – mit eindeutigen kommerziellen Zielen. Das sind keine Maßstäbe, mit denen sich Kinder und Jugendliche vergleichen sollten.
Auf Pausen und Erholung achten: Behalten Sie im Blick, ob Ihr Kind sich genügend Pausen erlaubt, in denen es nichts leisten oder optimieren muss. Auch handyfreie Zeiten können helfen, Abstand von Selbstoptimierungs-Trends zu bekommen.
Selbstwert stärken: Sprechen Sie gemeinsam darüber, was Ihr Kind ausmacht und welche Hobbys ihm Spaß machen, unabhängig von Leistung und Aussehen.
Für Abwechslung im Feed sorgen: Schauen Sie sich den Feed gemeinsam an und entfolgen Sie Accounts, bei denen sich Ihr Kind schlecht fühlt. Suchen Sie bewusst nach vielfältigen Inhalten, etwa zu Hobbys oder unterschiedlichen Körperbildern. Zusätzlich können Sie den Feed trainieren, in dem Ihr Kind ungeeignete Beiträge mit „Nicht interessiert“ markiert oder nicht mit ihnen interagiert. So verstärkt der Algorithmus nicht immer dieselben Extreme.
Warnsignale ernst nehmen: Beobachten Sie, dass Ihr Kind Mahlzeiten auslässt oder sich bestimmte Lebensmittel verbietet, exzessiv trainiert, sich keine Pausen im Alltag gönnt oder extreme Schönheitsmaßnahmen ergreift, sprechen Sie das Thema behutsam an. Suchen Sie sich bei Bedarf Unterstützung. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer berät Eltern, wenn sie sich Sorgen um Ihr Kind machen. Bei Essstörungen können Sie sich z. B. an Cinderella e. V. oder das BIÖG-Infotelefon wenden.