TikTok: Das steckt hinter der Trend-App

TikTok ist die am häufigsten heruntergeladene App überhaupt, noch vor WhatsApp, Facebook und Instagram. In Deutschland ist die App bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt. Allerdings sieht sich das Unternehmen auch mit Kritik konfrontiert – da sich manche der jungen NutzerInnen freizügig präsentieren und die App vermehrt mit Werbeinhalten durchzogen wird. Zuvor war die Plattform unter dem Namen „Musical.ly“ bekannt.

Zwei Maedchen machen ein Selfie
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Das soziale Netzwerk TikTok (ehemals Musically bzw. Musical.ly) hat die Social-Media-Welt erobert. Laut  JIM-Studie 2020 nutzen 26 von 100 Jungen und 40 von 100 Mädchen zwischen zwölf und 19 Jahren die App täglich oder mehrmals die Woche.

Mit TikTok können kurze Videoclips selbst erstellt werden, die mit Lieblingssongs unterlegt werden. Anfangs wurden vor allem Playback-Clips zu Chart-Songs aufgenommen und hochgeladen. Mittlerweile posten viele NutzerInnen Sport-Clips oder Do-It-Yourself-Videos und auch Themen wie Comedy oder Beauty erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit. Neben der Erstellung von Videos bietet die App auch eine Menge Interaktionsmöglichkeiten.

Warum die App bei Kindern und Jugendlichen so beliebt ist, ist leicht zu verstehen. Witzige, spontane Selbstdarstellung macht vielen Spaß. Zudem kann man seine Stars nachahmen, witzige Szenen als Gags einbauen, sich in kreativer Bearbeitung ausleben und wird zusätzlich von der Community wahrgenommen, von der man im Idealfall positives Feedback bekommt.

So funktioniert TikTok (ehemals Musical.ly)

Aus Millionen Sounds kann auf dem Smartphone der Lieblings-Song ausgewählt werden. Danach lässt sich ein Playback-Video erstellen. Effekte wie Filter, Zeitraffer oder Zeitlupe ermöglichen eine einfache kreative Bearbeitung der Videos. Bei TikTok geht es anders als beim Vorgänger Musical.ly auch um Comedy und Unterhaltung. Nicht nur Musik-Videos, sondern auch kurze, lustige oder beeindruckende Clips zum Beispiel aus Filmen oder Bühnenprogrammen sind bei den NutzerInnen beliebt.

Die Clips können auf InstagramFacebook, Twitter und WhatsApp geteilt werden. Über die interne Suche können über Stichworte oder Hashtags immer neue Videos, Sounds oder Personen gefunden werden. Im integrierten Chat oder über die Kommentare zu einzelnen Clips tauschen sich die NutzerInnen aus.

Möglichkeiten zur Interaktion

Verschiedene Features regen die NutzerInnen zu kreativen Beiträgen an. Wer Erfolg mit einem Video hat, wird zitiert, aufgegriffen und kopiert – und das ist gewollt. Verschiedene Funktionen ermöglichen es, Videos von anderen NutzerInnen in ein eigenes Video einzubinden.

Bei einem „Duett“ wird ein Video im sogenannten Split-Screen, einem separaten Bildfenster, neben der eigenen Aufnahme abgespielt. So kann es schon beim Aufnehmen parallel angeschaut werden, um Beiträge interaktiv zu gestalten.

„Reaktionen“ betten das originale Video in einem kleinen Bild-in-Bild Modus in die eigene Aufnahme ein. Diese Funktion wird benutzt, um auf andere Beiträge zu reagieren, sind aber nur mit Zustimmung der/des UrheberIn möglich. 

Bei einem „Stitch“ können NutzerInnen Videoausschnitte von anderen vor den eigenen Beitrag schalten. Fremde Inhalte lassen sich dadurch erweitern und neu interpretieren. 

Bekanntheit in der TikTok-Community

Es gibt zahlreiche Tipps im Internet zum erfolgreichen Ausbau des eigenen Accounts. Unter anderem wird geraten, so viele Videos wie möglich zu posten, immer wieder mit neuen Ideen zu überraschen und die Clips spontan zu drehen. Auch Authentizität und Lockerheit vor der Kamera versprechen Erfolg.

Darüber hinaus kann an so genannten „Challenges“, also Wettkämpfen, teilgenommen werden. Hier geht es darum, zu einem bestimmten Thema einen Clip zu kreieren. Die Challenges sind mit Hashtags verbunden, die als Suchfunktion fungieren.

Einzelne Clips können auf TikTok schnell viral gehen. Denn neben einem Feed mit den Inhalten der FreundInnen werden NutzerInnen auf der sogenannten „For You Page“ Beiträge angezeigt, die von einem Algorithmus ausgewählt werden. So lassen sich neue Beiträge entdecken, ohne den Creators folgen zu müssen. Die vorgeschlagenen Videos bekommen schnell eine hohe Anzahl an „Herzen“, Likes und FollowerInnen. Dadurch kann quasi jedes Video große Bekanntheit erlangen und einen Trend starten. Für viele ist das erstrebenswert: Denn wer über 1000 FollowerInnen hat, kann auf TikTok eine Live-Stream Funktion benutzen, bei dem die FollowerInnen in Echtzeit sehen können, was gefilmt wird, und mit dem/der NutzerIn interagieren können.   

Die bekannten Stars und InfluencerInnen, die sich schon lange auf anderen Plattformen wie Instagram einen Namen gemacht haben, sind mittlerweile häufig auch bei TikTok angemeldet und haben sich auch dort schnell eine große Reichweite aufgebaut. Aber das Netzwerk bringt auch regelmäßig eigene Berühmtheiten hervor: Die besonders erfolgreichen NutzerInnen von TikTok sind zu InfluencerInnen geworden. Durch ihre Bekanntheit haben sie auch in anderen sozialen Netzwerken viele FollowerInnen: Einige nutzen ihre Reichweite und verdienen mit Produktplatzierungen in ihren Beiträgen viel Geld. Doch besonders Kindern und Jugendlichen fällt es schwer, diese Werbeinhalte von anderen Inhalten der InfluencerInnen zu unterscheiden.

In-App-Käufe

In Apps können Inhalte erworben werden. Die Abrechnung erfolgt über den App Store.

Um bewunderte NutzerInnen zu unterstützen, können bei TikTok über In-App-Käufe zum Beispiel virtuelle Geschenke gemacht werden. Der Beschenkte erhält hierdurch – nach Abzug von Gebühren für den App-Anbieter – Geld, welches ihm oder ihr gutgeschrieben wird. Das Mindestalter für In-App-Käufe liegt bei 18 Jahren. Darüber hinaus gibt es für Spezialeffekte in TikTok Apps und Programme, die sich über In-App-Käufe finanzieren.

TikTok-Konto erstellen

Bei der Anmeldung fragt TikTok nur wenige Daten ab. Neben einer Telefonnummer oder E-Mail-Adresse muss nur das Gebursdatum angegeben werden. Eine wirkliche Altersüberprüfung findet jedoch nicht statt – obwohl der Dienst erst ab 13 Jahren erlaubt ist und für unter 18-Jährige die Erlaubnis der Eltern in den AGB gefordert wird.

Privatmodus oder öffentliches Profil?

TikTok stellt Profile von unter 16-jährigen NutzerInnen standardmäßig privat. Dies bedeutet, dass nicht jede/r die Beiträge sehen, kommentieren und liken kann, sondern nur ausgewählte FreundInnen. Auch die Möglichkeit zur Interaktion mit jüngeren TikTokerInnen sind beschränkt: Andere NutzerInnen können die „Stitch“- und „Duett“-Funtion sowie Direktnachrichten nur mit UserInnen über 16 Jahren nutzen. Im öffentlichen Modus können alle ZuschauerInnen die TikTok-Clips auch außerhalb der App sehen, z.B. auf Instagram oder Facebook – auch ohne ein eigenes TikTok-Konto zu besitzen. Dort kann das Video auch kommentiert, geliked und weiter geteilt werden. Wer mehr Kontrolle über beleidigende Kommentare unter den eigenen Videos möchte, kann durch die Filterfunktion einstellen, dass die Kommentare nicht direkt öffentlich werden, sondern erst manuell freigegeben werden müssen. 

Im „Privatmodus“ sehen nur Leute, die dem Profil schon folgen bzw. die, die angenommen werden, welche Clips hochgeladen wurden. Da es aber wie in anderen sozialen Netzwerken auch bei TikTok vor allem um die Anzahl der FollowerInnen geht, raten leider immer wieder beliebte NutzerInnen, das Profil öffentlich zu machen und möglichst viel preiszugeben.

Mangelhafter Jugendschutz

TikTok schreibt in seinen AGB ein Mindestalter von 13 Jahren vor. Für Jugendliche unter 18 Jahren setzt die App in ihren AGB zudem explizit eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten voraus. Das Alter wird jedoch nicht geprüft beziehungsweise genügt die Angabe eines falschen Geburtsdatums. Auch die Einverständniserklärung der Eltern untersteht keiner Prüfung. Nicht wenige NutzerInnen sind zudem deutlich jünger, als das Mindestalter der App vorgibt. Wenn Kinder bei der Erstellung des Profils eine falsche Angabe gemacht haben, kann es vorkommen, dass ihre Profile direkt öffentlich sind und nicht wie sonst für unter 16-Jährige standardmäßig privat. 

Gerade viele Kinder und Jugendliche geben zudem viel von sich preis, um interessant für andere ZuschauerInnen zu sein und somit mehr Likes und Fans zu bekommen. Die Minderjährigen gehen häufig unbedacht mit ihren Kontaktdaten um und veröffentlichen im Chat oder in ihren Profilen persönliche Daten wie Messenger-IDs, um sich beliebter zu machen.

Risiko Cybergrooming

Die Vorgänger-App musical.ly stand öffentlich in der Kritik, zu wenig für den Jugendschutz zu unternehmen. Unter Hashtags wie #bellydance und #bikini fanden sich in der App immer wieder Videos von Minderjährigen, die vermeintlich aufreizend zu populären Songs tanzen und singen. KritikerInnen sehen darin eine Gefahr für Missbrauch. Cybergrooming kann die Folge sein, die Videos aber auch zu anderen Zwecken missbraucht werden. Viele Videos zeigten Kinder, die offenbar jünger als 13 Jahre sind. TikTok ergreift immer wieder Maßnahmen gegen den Missbrauch der Videos und die Belästigung der NutzerInnen. So wurder beispielsweise bestimmte Hashtags gesperrt, die Pädosexuelle für die Suche nach Inhalten genutzt haben. Ab Ende April 2020 sind Direktnachrichten-Funktionen für Jugendliche unter 16 Jahren gesperrt, um Belästigungen einzuschränken. Seit Anfang 2021 sind die Profile von unter 16-Jährigen standardmäßig privat. Auch die Erweiterung des Begleiteten Modus gehört zu diesen Maßnahmen.