Big Data: keine Hexerei! – 5 Fragen an Oxford-Professor Dr. Viktor Mayer-Schönberger

Interview

Der Datenberg im Internet wächst immer weiter. Durch Social-Media-Nutzung und Co. erzeugen wir alle komplexe, unstrukturierte und schnelllebige Daten: Es handelt sich um Big Data. Die großen Mengen an Informationen nehmen auch Einfluss darauf, wie unsere digitalen Daten gesammelt, genutzt, verwertet und vermarktet werden. Wir haben 5 Fragen an Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger gestellt. Als Professor für Internetregulierung an der Universität Oxford beschäftigt er sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Nutzung von Big Data und erklärt, was Eltern darüber wissen müssen.

Grafik für das Format „5 Fragen - 5 Antworten“
Foto: Peter van Heesen/Grafik: SCHAU HIN!

„Big Data“ ist selbst für viele Erwachsene ein abstrakter Begriff – und erst recht für Heranwachsende. Wie können Eltern ihren Kindern das Thema „Big Data“ am besten erklären?

Wir verstehen die Welt, indem wir sie beobachten und daraus Schlüsse ziehen. Wir sammeln also Daten und analysieren sie – ­und verwenden die gewonnenen Einsichten, um bessere Entscheidungen zu treffen. Das machen Menschen schon seit Jahrtausenden. Aber bisher war das Sammeln und Auswerten von Daten immer mit viel Aufwand verbunden, sodass wir alles daran setzten, aus möglichst wenigen Daten möglichst viel an Einsicht zu gewinnen. Dank digitaler Technologien ist heute aber das Sammeln und Auswerten von Daten einfacher und leichter geworden, sodass wir mehr Daten sammeln und auswerten können als früher. Big Data ist also insofern nur ein weiteres Kapitel einer langen und für die Menschheit zentralen Geschichte. Es ist nichts anderes, als die Welt durch das Sammeln von mehr Daten umfassender zu verstehen als bisher.

 

Welche Chancen bietet Big Data für den menschlichen Erkenntnisgewinn?

Oft haben Menschen bisher versucht die Welt zu verstehen, indem sie konkrete Fragen formulierten und dann Daten sammelten, um diese Fragen zu beantworten. Das funktioniert gut – soweit wir die richtigen Fragen stellen. Aber was ist, wenn wir die falschen Fragen stellen? Indem wir mit Big Data viele unterschiedliche Daten viel umfassender sammeln und auswerten, können wir aus den Mustern, die wir in den Daten erkennen, bessere Fragen formulieren – und nicht bloß Fragen beantworten, die wir schon haben. Und das kann uns mehr und bessere Einsichten ermöglichen.

 

Die Informationsethik beschäftigt sich mit den moralischen Implikationen von Big Data, wie zum Beispiel digitale Bevormundung. Was können die Schattenseiten von Big Data für einzelne NutzerInnen sein?

Mit Big Data kann auch menschliches Verhalten vorhergesagt werden – wie wahrscheinlich es ist, ob jemand einen Post auf sozialen Medien "liket" oder ein empfohlenes Produkt tatsächlich bestellt. Manche befürchten, dass dies menschliche Entscheidungen beeinflusst. Aber diese Versuche der Beeinflussung hat es schon lange gegeben: Werbung und Propaganda sind viel älter als das Internet. Vielleicht neuer und problematischer ist eine andere Gefahr: dass wir beginnen, Menschen für ein Verhalten verantwortlich zu machen, das nur vorhergesagt ist. Wenn Big Data mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann, dass jemand, der ein Geschäft betritt, jetzt einen Ladendiebstahl begeht, soll dann die Polizei schon präventiv einschreiten? Was passiert, wenn wir für etwas verantwortlich gemacht werden, dass wir tun werden, was lediglich die Datenanalyse vorhersagt? Das mag vielleicht unser Gefühl von Sicherheit erhöhen, aber es nimmt uns auch die Freiheit selbst zu entscheiden – und damit die Verantwortung über unser Verhalten.

 

Beim Surfen im Netz erhält man den Eindruck, es gebe auf jede Suchanfrage unendlich viele Ergebnisse und Möglichkeiten – doch wenn man sich über Filterblasen und Personalisierungen durch Big Data Gedanken macht, wie uneingeschränkt ist die digitale Welt dann wirklich?

Die digitale Welt ist so riesig, dass wir immer Filter brauchen werden, um sie für uns fassbar zu machen. Sonst werden wir schnell durch die Informationsflut überwältigt. Diese Filter, was wir wann und wie an Informationen zugänglich haben, gibt es ja in anderen Formen schon seit Jahrtausenden. Das Problem sind also nicht die Filter selbst, sondern ob uns ihre Rolle transparent ist – und inwieweit wir sie umgehen können. Wenn ich früher in der Schulbibliothek kein passendes Buch zu einem brisanten Thema fand, konnte ich vielleicht noch in die Stadtbibliothek ausweichen oder jemanden fragen. Über das Internet habe ich viel mehr Informationsquellen zugänglich – das ist viel besser. Aber um aus dieser Informationsflut die von mir gesuchte Information zu finden, brauche ich Filter, deren Rolle ich mitunter nicht verstehe. Dieses wichtige Problem aber darf uns nicht die Sicht auf etwas ganz Entscheidendes verstellen: Wir haben heute einfacheren Zugang zu viel mehr an Informationen. Dies ist eine Macht, die wir nutzen können – wenn wir wissen, wie wir damit umzugehen haben.

 

SCHAU HIN! rät Eltern, Sicherheitseinstellungen zu aktivieren und mit ihrem Kind über Datenschutz zu reden. Was können Eltern in Hinsicht auf Big Data noch beachten?

Das Wichtigste ist zu verstehen, dass Big Data keine Hexerei ist, sondern im Kern etwas, dass alle auch Kinder einfach verstehen können. Es ist ein mächtiges Werkzeug, die Welt ein Stück weit besser zu verstehen. Aber wie bei allen mächtigen Werkzeugen heißt das auch: wir müssen wissen, wie wir damit umgehen. Und das bedeutet auch auf die tatsächlichen Gefahren und Probleme klar hinzuweisen und die Konsequenzen eines Big-Data-Missbrauchs aufzuzeigen. Eltern sind dabei in der Pflicht, ihre Kinder auf die digitale Datenwelt besser vorzubereiten. Wegducken geht nicht.

Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger ist neben seiner Tätigkeit als Professor für Internetregulierung außerdem Mitglied im Digitalrat der Deutschen Bundesregierung, mit dessen Hilfe die Chancen der Digitalisierung für alle Menschen nutzbar gemacht werden sollen.