Sexting: Vorsicht bei Nacktbildern!

Was ist Sexting? Wo sind die Risiken? Was gehe ich als Vater oder Mutter damit um? Fragen und Antworten zu einem wichtigen Thema.

Saferinternet.at
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Viele Stars wie Rihanna, Miley Cyrus und Justin Bieber posten regelmäßig Bilder von sich in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Snapchat, oft leicht bekleidet oder in sexualisierten Posen. Das verspricht viele „Likes“ und „Follower“ sowie ein breites Medienecho. Auch unter Jugendlichen sind „Selfies“ als Profilbilder oder Posts in sozialen Netzwerken sehr beliebt. Schnappschüsse vor Sehenswürdigkeiten oder vom eigenen Outfit – viele Heranwachsende stellen sich selbst dar und teilen diese Bilder. Manche erstellen – etwa im Rahmen intimer Beziehungen oder aus Neugier – auch erotische oder pornografische „Selfies“ oder kurze Videos und versenden sie über Messenger oder Nachrichten in sozialen Netzwerken. Dieses „Sexting“ (Mischform aus „sex“ und „texting“, englisch für das Schreiben von Kurznachrichten) genannte Phänomen kann leicht zu Cybermobbing oder dem Erpressen weiterer Aufnahmen (sog. Sextortion) führen und unangenehme Folgen für alle Beteiligten haben.

Phänomen Sexting

„Sexting“ (Mischform aus „sex“ und „texting“, englisch für das Schreiben von Kurznachrichten) bezeichnet allgemein das einvernehmliche Versenden von sexuellen Inhalten an andere Personen, meint jedoch meist sexuelle Aufnahmen des eigenen Körpers. Meist geht es um den privaten Foto-Austausch innerhalb einer Beziehung oder darum zu flirten. Folge von Sexting kann Cybergrooming sein (sexuelle Belästigung über das Internet) wenn die Einvernehmlichkeit nicht mehr gegeben ist.

Zahlen und Daten:
Laut JIM-Studie 2015 gibt mehr als jeder vierte Befragte zwischen 12 und 18 Jahren (27 %) an, von sexuellen Bildern mitbekommen zu haben, die als Folge von Sexting kursieren, ob von Fremden oder Bekannten. Jungen wie Mädchen bestätigen dies gleichermaßen. Bei den Zwölf- bis 13-Jährigen kann jeder Zehnte davon berichten (11 %), die volljährigen Jugendlichen haben zu 36 Prozent Kenntnis von dieser Praxis im Freundeskreis (14-15 Jahre: 27 %; 16-17 Jahre: 32 %). Laut einer Studie von Saferinternet.at kennt die Hälfte der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren jemanden, der oder die schon einmal Nacktaufnahmen von sich selbst an andere geschickt hat. Ein Drittel (33%) hat selbst schon Fotos oder Videos erhalten, auf denen die oder der Abgebildete fast nackt oder nackt zu sehen ist. 16 Prozent der Jugendlichen gaben an, schon einmal Nacktaufnahmen von sich selbst erstellt und diese dann meistens auch verschickt zu haben. Laut der Studie EU Kids Online (2011) haben 15 Prozent der 11-16-Jährigen in den untersuchten europäischen Ländern von Gleichaltrigen “Nachrichten oder Bilder mit sexuellem Inhalte“ erhalten.

Beweggründe: „Sexting“ entsteht meist aus Neugier oder sozialem Druck: Viele Jugendliche setzen sich mit ihrer Sexualität auseinander – dazu gehört die Frage, ob man für andere interessant und begehrenswert ist. Was begehrenswert ist, definieren sie für sich und orientieren sich dabei oft auch an Vorbildern. Diese finden sie im persönlichen Umfeld, aber auch in den Medien, etwa bei freizügigen Pop- und Film-Stars sowie durch pornografisches Material im Internet.

Problematische Aspekte:

Cybermobbing: Den Versendern ist oft nicht bewusst, dass „Sexting“ leicht zu Cybermobbing führen kann, wenn die Bilder weiterverbreitet werden, und psycho-soziale und/oder rechtliche Folgen für alle Beteiligten haben. Was als Liebesbeweis zwischen Partnern oder aus Neugier geschieht, kann als belästigend empfunden oder etwa aus Rache nach einer gescheiterten Beziehung auch leicht für Cybermobbing genutzt werden, um die abgebildete Person zu diffamieren indem die Aufnahmen weitergeleitet oder online verbreitet werden.

Sextortion beschreibt die sexualisierte Ausbeutung von Menschen mittels Nacktbildern oder anderem pornografischem Material. Durch Erpressung wird Geld gefordert oder im Falle von Minderjährigen Opfern vermehrt weitere, explizitere Bilder gefordert, verbunden mit der Drohung, die bereits erhaltenen Aufnahmen zu veröffentlichen. Diese können schnell an Fremde gelangen, die diese Bilder sammeln und online teilen.

Diebstahl oder Hacken:
Auch der Diebstahl diffamierender Fotos etwa durch Hacker oder der Verlust des Handys ohne Sperre kann zum Problem werden, wenn diese veröffentlicht werden.

Rechtlicher Hintergrund

Auch aus rechtlicher Sicht ist „Sexting“ problematisch, da sich aus dem zuerst einvernehmlichen Tausch expliziter Aufnahmen schnell Cybermobbing entwickeln kann. Der Versand und der Besitz pornografischer Aufnahmen ab Vollendung des 14. Lebensjahres kann strafrechtlich verfolgt werden, gerade wenn es sich um kinder- bzw. jugendpornografische Darstellungen handelt. Laut §184b StGB sind somit strafrechtliche Folgen zu erwarten, wenn beim Sexting Darstellungen von Kindern unter 14 Jahren hergestellt, versandt und aufbewahrt werden. Zu kinderpornografischen Darstellungen zählen dabei Darstellungen von sexuellen Handlungen, die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung sowie sexuell aufreizende Wiedergaben unbekleideter Genitalien oder des Gesäßes. Das Gleiche gilt in der Regel für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren, wenn die Darstellungen sexuelle Handlungen oder die betreffende Person ganz oder teilweise unbekleidet in einer unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltung wiedergeben. Bei jugendpornografischen Darstellungen lässt §184c StGB nur im Falle des Besitzes eine Straffreiheit zu, wenn das Material mit Einwilligung der dargestellten Personen ausschließlich zum persönlichen Gebrauch erstellt wurde. Die Einwilligung kann aber, etwa nach Beziehungsende, widerrufen werden. Zudem gilt die Straffreiheit nicht für die Verbreitung.

Darüber hinaus gilt im Falle des Cybermobbings: Fehlt bei verschickten Bildern jeweils die Einwilligung der abgebildeten Person, bedeutet dies eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts bzw. wäre als Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs sogar strafbar nach § 201a StGB, wenn die Aufnahmen in privaten bzw. intimen Räumlichkeiten wie in der Wohnung oder beim Duschen erstellt wurden. Auch die Straftaten Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung können beim Verfremden und Verbreiten von Bildern im Rahmen von Cybermobbing berührt sein. Eltern haften in der Regel nicht, da es unzumutbar ist, dass sie mediale Aktivitäten der Kinder ständig überwachen. Jedoch können Jugendliche selbst neben strafrechtlichen Folgen auch Schadensersatzansprüchen der betroffenen Person ausgesetzt sein.

www.projuventute.ch
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Tipps        

Generelle Tipps für Eltern von Kindern und Jugendlichen

Interesse zeigen
Wichtig ist, dass Eltern an der Online-Kommunikation ihres Kindes Interesse zeigen, mit ihm immer mal wieder über Erlebnisse dabei sprechen und ihm signalisieren, dass es sich bei Problemen jederzeit an sie wenden kann - ohne ein Handy- oder Internet-Verbot fürchten zu müssen. Neben einer aktiven Erziehung ist empfehlenswert, Sicherheitseinstellungen und Jugendschutzfilter zu aktiveren, bei Kindern auf unsichere Angebote mit unzureichendem Daten- und Jugendschutz wie Facebook oder WhatsApp zu verzichten und gemeinsam geeignete Alternativen auszuwählen.

Sicherheitsregeln vereinbaren

Bereits vor den ersten Chaterfahrungen des Kindes ist es ratsam, gemeinsame Verhaltensregeln festzulegen. Wichtig sind dabei folgende Vereinbarungen:

  • Nachdenken vor dem Posten. Auf die Herausgabe persönlicher Bilder verzichten, mögliche Folgen beachten, sparsam mit eigenen Daten umgehen und Vertrauliches offline besprechen.
  • Sicherheitseinstellungen nutzen und Inhalte nur Personen auf der Freundesliste zugänglich machen – hier dann aber auch nicht jeden hinzufügen.
  • Persönliches von anderen auch so behandeln. Keine privaten Aufnahmen oder Daten verbreiten. Dies verletzt die Persönlichkeitsrechte des anderen und kann weitreichende Folgen haben.
  • Gerade bei fremden Kontakten misstrauisch sein. Man kann nie wissen, wer sich auch hinter harmlosen Benutzernamen verbirgt. Auch bei scheinbar bekannten Chatpartnern kann man nie sicher sein, ob es sich um diese Person handelt oder jemand mitliest und Informationen weitergibt oder ob Inhalte z.B. über Screenshots gespeichert und weitergegeben werden.     
  • Bei Störern in Communitys und Messengern die Ignore-Funktion nutzen, um weitere Beiträge auszublenden. Bei Messengern wie WhatsApp , die die Mobilfunknummer als Kennung verwendet, sollte diese gesperrt werden, um Kontakt per SMS oder Anruf zu verhindern. Dauern die Belästigungen anonym oder mit anderer Nummer an, hilft oft nur die Nummer zu wechseln.
  • Jemanden ins Vertrauen ziehen und davon berichten.

Vorbild sein
Eltern sind Vorbilder, auch im Netz. Haben sie selbst ein Profil in einem sozialen Netzwerk, können sie selbst sparsam mit persönlichen Informationen und Bildern umgehen.

Spezielle Tipps für Eltern von älteren Kindern und Jugendlichen

Über Risiken sprechen
Mit älteren Kindern ab etwa zwölf Jahren und Jugendlichen sprechen Eltern am besten frühzeitig über den Schutz persönlicher Daten und Bilder, problematische Inhalte (Extremismus, Gewalt, Pornografie, Selbstgefährdung), Kontaktrisiken (Cybermobbing, sexuelle Belästigung) und (Selbst)Inszenierungen sowie generell über Sexualität, Liebe und Beziehungen. Dabei können sie ihr Kind dazu anregen, die Selbstdarstellung von Stars kritisch zu betrachten und ihm erklären, dass es sich nicht zu etwas drängen lassen sollte. Schließlich ist Sexualität höchst persönlich und erfordert einen sensiblen, selbstbestimmten Umgang, auch bei digitalen Fotos und Videos.

Zudem ist zu beachten, dass Beziehungen sich ändern und Vertrauen enttäuscht werden kann. Wichtig ist auch darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei der Weitergabe persönlichen Materials von anderen nicht um einen harmlosen Scherz handelt, sondern weitreichende Folgen haben kann. Wenn Jugendliche dennoch erotische Aufnahmen von sich erstellen und weiterleiten, sollten sie zumindest nicht eindeutig erkennbar sein, etwa indem man das Gesicht weglässt.

Sensibel reagieren
Ist der Fall eingetreten, dass erotische Fotos verbreitet wurden und Betroffen erpresst werden, ist es wichtig, diese nicht dafür verantwortlich zu machen, sondern diejenigen, die das Foto verbreitet haben oder versuchen damit zu erpressen. Wichtig ist, dass Eltern sensibel mit dieser sehr persönlichen Situation umgehen, sich behutsam nach den Hintergründen erkunden und ihr Kind dabei unterstützen, seinen Weg zu finden, in solchen Fällen darüber zu sprechen, bevor sie rechtliche Schritte einleiten. Falls sie sich überfordert fühlen, können sie sich auch an Beratungsstellen wenden

Ratgeber und Studien

Ratgeber

Kimmel/Rack - klicksafe, Schnell/Hahn - LMZ Baden-Württemberg, Hartl - pro familia Bayern e.V. (2013): "Let’s talk about Porno. Jugendsexualität, Internet und Pornografie"

jugendschutz.net: "Sicher vernetzt", "Chatten ohne Risiko?", "ICQ&Co."

BMFSFJ: Materialpaket "Chatten.Teilen.Schützen!"

Studien 

Martyniuk/Dekker/Matthiesen (2013): "Sexuelle Interaktionen von Jugendlichen im Internet. Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie mit 160 Großstadtjugendlichen". In: M & K, Medien und Kommunikationswissenschaft, 3/2013, 327-344

Döring (2012): "Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktion und Folgen des Sexting". In: Zeitschrift für Sexualforschung, S. 4-25.

·Livingstone/Haddon/Görzig/Ólafsson (2011): "Risks and safety on the internet: the perspective of European children: full findings and policy implications from the EU Kids Online survey of 9-16 year olds and their parents in 25 countries". EU Kids Online, Deliverable D4. EU Kids Online Network, London, UK.

Grimm, Rhein und Müller: "Porno im Web 2.0 - Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen". Berlin: Vistas (2010)