Sexting: Vorsicht bei Nacktbildern!

Was ist Sexting? Wo sind die Risiken? Was gehe ich als Vater oder Mutter damit um? Fragen und Antworten zu einem wichtigen Thema.

Saferinternet.at
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Was ist Sexting?

Manche Jugendliche erstellen – etwa im Rahmen intimer Beziehungen oder als „Mutprobe“ – auch erotische oder pornografische "Selfies" und versenden sie über Messenger, MMS oder Nachrichten in sozialen Netzwerken. Dieses "Sexting" (Mischform aus "sex" und "texting", englisch für das Schreiben von Kurznachrichten) genannte Phänomen kann leicht zu Cybermobbing führen und unangenehme Folgen für alle Beteiligten haben.

Ist "Sexting" weit verbreitet?

Laut JIM-Studie 2015 haben 26 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren mitbekommen, jemand im Bekanntenkreis schon einmal erotische Fotos/Filme per Handy oder Internet verschickt hat, 10 Prozent der 12- und 13-Jährigen, 23 Prozent der 14- und 15-Jährigen, 32 Prozent der 16- und 17-Jährigen, 36 Prozent der 18- und 19-Jährigen.

Laut der Studie EU Kids Online haben 15 Prozent der 11-16-Jährigen in den untersuchten europäischen Ländern von Gleichaltrigen Nachrichten oder Bilder mit sexuellem Inhalt erhalten; ein Viertel derer war davon beunruhigt. 3 Prozent haben solche Fotos oder Nachrichten in den letzten 12 Monaten selbst verschickt. In Deutschland haben 16 Prozent solche Inhalte erhalten und 2 Prozent versendet.

Auch die Studie von saferinternet.at zeigt deutlich, dass Sexting häufig vorkommt: 51 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren kennen jemanden, der oder die schon einmal Nacktaufnahmen von sich selbst an andere geschickt hat. Ein Drittel hat selbst schon Nacktbilder oder -videos erhalten, 16 Prozent gaben an, schon einmal Nacktaufnahmen von sich selbst erstellt und verschickt zu haben. 31 Prozent empfinden es als „normal“ empfinden, Partnern Nacktaufnahmen zu schicken. Jugendliche erhalten erotische Fotos und Videos vor allem von Freunden (31%), Personen, die flirten möchten (27%), dem Partner bzw. der Partnerin (24%), unbekannten Personen (24%), Ex-Partnern bzw. Ex-Partnerinnen (23%) sowie Personen, mit denen sie ein Verhältnis hatten (14%).

Was sind die Beweggründe?

"Sexting" entsteht meist aus Neugier oder sozialem Druck heraus: Viele Jugendliche sind im Rahmen ihrer Persönlichkeitsentwicklung auf der Suche nach sexueller Orientierung und Vorbilder für ihre sexuelle Identität. Diese finden sie im persönlichen Umfeld, aber auch in den Medien, etwa bei freizügigen Pop- und Film-Stars sowie in drastischer Form durch pornografisches Material im Internet. Jugendliche möchten herausfinden, ob sie für andere interessant und begehrenswert sind, oder sich anderen beweisen.

Wo liegen die Risiken?

Was zwischen Beziehungspartnern oder als "Mutprobe" geschieht, kann etwa aus Rache nach einer gescheiterten Beziehung auch leicht für Cybermobbing genutzt werden, um die abgebildete Person unter Druck zu setzen, sie zu erpressen und zu diffamieren, indem das Material weitergeleitet oder online verbreitet wird. So kann es schnell an Fremde, etwa mit pädophiler Neigung gelangen, die diese Bilder sammeln und auf Foren teilen oder dieses Material nutzen, um die betroffene Person zu belästigen und zu erpressen, vgl. dazu Cybergrooming. Ein weiterer Aspekt ist, dass es als sexuell belästigend empfunden werden kann, unaufgefordert erotische oder pornografische Nachrichten zu erhalten. Beides kann ernste psycho-soziale und/oder rechtliche Folgen haben.

Wie ist der rechtliche Hintergrund?

Auch aus rechtlicher Sicht ist "Sexting" problematisch. So kann der Versand und der Besitz pornografischer Aufnahmen ab Vollendung des 14. Lebensjahres strafrechtlich verfolgt werden, gerade wenn es sich um kinder- bzw. jugendpornografische Darstellungen handelt. Laut §184b StGB sind Darstellungen sexueller Handlungen von Kindern unter 14 Jahren ausnahmslos verboten. Bei Darstellungen sexueller Handlungen Jugendlicher zwischen 14 und 17 Jahren lässt §184c StGB im Falle des Besitzes eine Straffreiheit zu, wenn die Beteiligten zum Zeitpunkt unter 18 Jahren waren und das Material mit Einwilligung der dargestellten Personen erstellt wurde. Diese kann aber etwa nach Beziehungsende widerrufen werden. Zudem gilt die Straffreiheit nicht für die Verbreitung.

Darüber hinaus gilt: Fehlt bei verschickten Bildern die Einwilligung der abgebildeten Person, bedeutet dies eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts bzw. wäre als Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs sogar strafbar nach § 201a StGB, wenn die Aufnahmen in privaten bzw. intimen Räumlichkeiten wie in der Wohnung oder beim Duschen erstellt wurden. Auch die Straftaten Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung können beim Verfremden und Verbreiten von Bildern im Rahmen von Cybermobbing berührt sein. Erziehungsberechtigte haften in der Regel nicht, da es unzumutbar ist, dass sie mediale Aktivitäten der Kinder ständig überwachen.

Was kann ich tun?

Wichtig ist, dass Eltern achtsam sind und sich gesprächsbereit zeigen, im Blick haben, auf welchem Weg und mit wem ihr Kind sich austauscht, es für einen bewussten, situationsgerechten und maßvollen Umgang mit persönlichen Aufnahmen sensibilisieren, mögliche Folgen der Veröffentlichung aufzeigen sowie verbindliche Regeln der persönlichen Kommunikation vereinbaren.

Interesse zeigen

Wichtig ist, dass Eltern an der Online-Kommunikation ihres Kindes Interesse zeigen, mit ihm immer mal wieder über Erlebnisse dabei sprechen und ihm signalisieren, dass es sich bei Problemen jederzeit an sie wenden kann - ohne ein Handy- oder Internet-Verbot fürchten zu müssen. Neben einer aktiven Erziehung ist empfehlenswert, Sicherheitseinstellungen und Jugendschutzfilter zu aktiveren, bei Minderjährigen auf unsichere Angebote mit unzureichendem Daten- und Jugendschutz wie Facebook oder WhatsApp zu verzichten und gemeinsam geeignete Alternativen auszuwählen.

Sicherheitsregeln vereinbaren

Bereits vor den ersten Chaterfahrungen des Kindes ist es ratsam, gemeinsame Verhaltensregeln festzulegen. Wichtig sind dabei folgende Vereinbarungen:

  • Nachdenken vor dem Posten. Auf die Herausgabe persönlicher Bilder verzichten, mögliche Folgen beachten, Daten schützen und Vertrauliches lieber offline besprechen.
  • Persönliches von anderen auch so behandeln. Keine privaten Aufnahmen oder Daten verbreiten. Dies verletzt die Persönlichkeitsrechte des anderen und kann weitreichende Folgen haben.
  • Gerade bei fremden Kontakten misstrauisch sein. Man kann nie wissen, wer sich auch hinter harmlosen Benutzernamen verbirgt. Bei scheinbar bekannten Chatpartnern kann man nie sicher sein, ob es sich um diese Person handelt oder jemand mitliest und Informationen weitergibt.
  • Bei Störern in Communitys und Messengern die Ignore-Funktion nutzen, um weitere Beiträge auszublenden. Wird ein mobiler Messenger wie WhatsApp genutzt, der die Mobilfunknummer als Kennung verwendet, sollte die Nummer gesperrt werden, um weiteren Kontakt zu verhindern.
  • Jemanden ins Vertrauen ziehen und von Belästigungen berichten; nicht alleine regeln wollen.

Vorbild sein

Eltern sind Vorbilder, auch im Netz. Haben sie selbst ein Profil in einem sozialen Netzwerk, können sie selbst sparsam mit persönlichen Informationen und Bildern umgehen.

Über Risiken sprechen

Mit älteren Kindern und Jugendlichen ab etwa zwölf Jahren sprechen Eltern am besten frühzeitig über den Datenschutz, problematische Inhalte (Gewalt, Pornografie, Selbstgefährdung), Kontaktrisiken (Cybermobbing, Cybergrooming) und (Selbst)Inszenierungen sowie generell über Sexualität, Liebe und Beziehungen. Zeitungsberichte über Sexting-Fälle sind ideale Aufhänger. Dabei können sie ihr Kind dazu anregen, die Selbstdarstellung in den (sozialen Medien) kritisch zu betrachten und ihm erklären, dass es sich nicht zu etwas drängen lassen sollte. Schließlich ist Sexualität höchst persönlich und erfordert einen sensiblen, selbstbestimmten Umgang, auch bei digitalen Fotos und Videos.

Zudem ist zu beachten, dass Beziehungen sich ändern und Vertrauen enttäuscht werden kann. Wichtig ist auch darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei der Weitergabe persönlichen Materials von anderen nicht um einen harmlosen Scherz handelt, sondern weitreichende Folgen haben kann.

Sensibel reagieren

Ist der Fall eingetreten, dass erotische Fotos des Kindes oder Jugendlichen verbreitet wurden, ist es wichtig, nicht die Betroffenen dafür verantwortlich zu machen, sondern diejenigen, die das Foto verbreitet haben. Wichtig ist, sensibel mit dieser sehr persönlichen Situation umgehen, sich behutsam nach den Hintergründen erkunden und ihr Kind dabei unterstützen, seinen Weg zu finden, in solchen Fällen auszusagen, bevor sie rechtliche Schritte einleiten. Falls sie sich überfordert fühlen, können sie sich auch an Beratungsstellen wenden. 

Ratgeber und Studien

Ratgeber

Kimmel/Rack - klicksafe, Schnell/Hahn - LMZ Baden-Württemberg, Hartl - pro familia Bayern e.V. (2013): "Let’s talk about Porno. Jugendsexualität, Internet und Pornografie"

jugendschutz.net: "Sicher vernetzt", "Chatten ohne Risiko?", "ICQ&Co."

BMFSFJ: Materialpaket "Chatten.Teilen.Schützen!"

Studien 

Martyniuk/Dekker/Matthiesen (2013): "Sexuelle Interaktionen von Jugendlichen im Internet. Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie mit 160 Großstadtjugendlichen". In: M & K, Medien und Kommunikationswissenschaft, 3/2013, 327-344

Döring (2012): "Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktion und Folgen des Sexting". In: Zeitschrift für Sexualforschung, S. 4-25.

·Livingstone/Haddon/Görzig/Ólafsson (2011): "Risks and safety on the internet: the perspective of European children: full findings and policy implications from the EU Kids Online survey of 9-16 year olds and their parents in 25 countries". EU Kids Online, Deliverable D4. EU Kids Online Network, London, UK.

Grimm, Rhein und Müller: "Porno im Web 2.0 - Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen". Berlin: Vistas (2010)