So chattet Ihr Kind sicher

Chatten ist für viele Kinder und Jugendliche eine spannende und unkomplizierte Möglichkeit, um bestehende Kontakte zu pflegen und neue zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Wenn Eltern ihre Kinder gerade anfangs begleiten und mit ihnen Regeln vereinbaren, minimieren sie mögliche Risiken.

 

Veröffentlicht am 03.05.2017

Warum kann Chatten gefährlich werden?

Viele Online-Kommunikationsdienste, Kommunikations-Apps fürs Smartphone sowie Kommunikationsmöglichkeiten z.B. in Spiele-Apps sind nicht kindgerecht, da sie kaum auf den Schutz persönlicher Daten achten, zu wenig und nicht vorkonfigurierten Sicherheitseinstellungen bieten und nicht ausreichend moderiert sind. So kann es zur Konfrontation mit gefährdenden Inhalten wie Pornografie, Extremismus, Selbstgefährdung und Gewaltdarstellungen kommen. Im Kontakt mit anderen Usern kann es zu Beleidigungen und Belästigungen kommen und in schlimmen Fällen auch zum Versuch der Anbahnung eines realen sexuellen Missbrauchs (Cybergrooming). Hinzu kommt das Risiko von Cybermobbing in der Kommunikation oder über den Missbrauch von hochgeladenen Daten.

Laut KIM-Studie 2016 haben fünf Prozent der Internetnutzer zwischen sechs und 13 Jahren online schon einmal jemanden „getroffen“, der ihnen unangenehm war oder sie belästigt hat. Bei der Altersgruppe der 12 bis 13 Jährigen sind es sieben Prozent.
Laut JIM-Studie 2016 fallen über 40% der täglichen Internetnutzung auf die Kommunikation, also Chatten oder E-Mail schreiben, zurück.

Die JIM-Studie 2016 zeigt auch, dass das „klassische“ Chatten, also die direkte Kommunikation mit vornehmlich Unbekannten in etwa einem Chatroom oder einer Online-Community, stark rückläufig ist. Dies wird bereits von der bevorzugten Nutzung des Smartphones (76 %) gegenüber dem Laptop oder Computer (20 %) als Zugangsmittel zum Internet angedeutet. Jugendliche nutzen zum größten Teil die Messenger-App WhatsApp (95 % min. einmal pro Woche) für die Kommunikation. Bei WhatsApp und anderen Messenger-Apps steht nicht die klassische Suche nach neuen Kontakten im Vordergrund, wie es bei Chats in Communities der Fall ist, sondern oft der Kontakt mit Freunden und Bekannten. Neue Kontakte – auch mit Unbekannten - knüpfen sie aber dennoch, z.B. in Form von Followern bei Instagram oder Snapchat.

Online-Kommunikation fasziniert Kinder und Jugendlichen und bietet viele Chancen, birgt aber auch Risiken. Daher ist es wichtig, dass sich Eltern über Angebote informieren und prüfen, welche dem Alter und der Reife ihres Kindes entsprechen. Für Kinder sind Kindercommunitys geeignet. Kinder und Jugendliche interessieren sich oft für Angebote, die sich auch an Erwachsene richten, wie Facebook oder WhatsApp. Diese sind aufgrund des ungenügenden Jugend- und Datenschutzes für Kinder nicht geeignet und laut Anbieterangaben erst ab 13 Jahren zugelassen. Accounts von Jüngeren  können gelöscht werden. Erlauben Eltern ihrem Kind ab 13 die Nutzung, sollten sie mit ihrem Kind den Account einrichten, auf Risiken hinweisen, Sicherheitsregeln vereinbaren und mit ihrem Kind dazu im Gespräch bleiben. Denn so, wie sie in der realen Welt die Interessen, Erlebnisse, Freunde und Treffpunkte ihres Kindes kennen, sollte das auch für jene im Netz gelten.  

Funktionen

Chatten ist die direkte Kommunikation via Internet in Echtzeit. Hierüber kann man Texte, Bilder und Filme mit anderen sowie in Gruppen austauschen. Chatten funktioniert unabhängig davon, wo die Gesprächspartner sich befinden, also auch von unterwegs.

Kanäle

Besonders beliebt sind mobile Messenger wie Whats App, Instagram, Snapchat, Tumblr oder der Facebook Messenger und Chatrooms von Mailprogrammen oder sozialen Netzwerken. Im Internet existieren auch viele spezialisierte Chatrooms, in denen man über bestimmte Themen plaudern kann. Fachleute treffen sich in Experten-Chats. Bei einigen Chats muss man sich registrieren, bevor man diese nutzen kann. Bei vielen kann man aber zunächst probehalber als Gast hineinschnuppern.

Sprache

Selbst für flinke Schreiber ist das Eintippen all dessen, was man sagen will, auf Dauer mühsam. Unter anderem deswegen hat sich bei Chattern eine eigene Sprache entwickelt, die etwa aus Abkürzungen (Akronymen) und Spezialzeichen (Smileys) besteht.

Moderatoren

Viele Chats werden von Operatoren oder Moderatoren betreut. Operatoren greifen ins Geschehen ein, wenn die Umgangsformen im Chat zu entgleisen drohen, wohingegen Moderatoren sich auch inhaltlich einschalten, die Gesprächsführung übernehmen und Chatbeiträge auswählen bzw. entfernen können. Beide haben die Möglichkeit, Chatbesucher, die nicht die Regeln beachten, aus dem Chat zu verbannen. Für moderierte Chats gibt es festgelegte Zeiten, da die Betreuer verständlicherweise nicht rund um die Uhr verfügbar sind. Gute Kinderchats sind immer moderiert.

Netiquette

Auch beim Chatten gibt es bestimmte Regeln und Umgangsformen. Diese Netiquette ist zwar kein geschriebenes Gesetz, sollte aber dennoch von allen Chatteilnehmern eingehalten werden. Ziel der Netiquette ist eine möglichst für alle Teilnehmer angenehme Art der Kommunikation.

Die erste und grundlegende Empfehlung ist: „Vergiss niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!“. Weitere Regeln umfassen meist Zwischenmenschliches, also der Verzicht auf unhöfliche und bleidigende Sprache, sowie Rechtliches, also die Beachtung von Urheber- und Persönlichkeitsrecht. Ebenfalls nicht gerne gesehen ist in Großbuchstaben oder auffällig vergrößerter Schrift zu schreiben, da dies als Schreien verstanden wird. Chatbetreiber achten meist auf diese Punkte und ahnden Verstöße auch, zum Beispiel mit der Sperrung des Teilnehmers. Im Chat wird Netiquette zu Chatiquette.

Risiken

Bei allen faszinierenden Möglichkeiten der Online-Kommunikation, gibt es auch einige Risiken für Kinder und Jugendliche, die es zu beachten gilt.

Beleidigungen

Cybermobbing mit verletzenden Inhalten sind in Chats und Messengern leider weit verbreitet. Dabei kann auch aus anfänglichem Spaß schnell Hass werden.

Problematische Inhalte

Die Möglichkeiten, beim Chatten mit problematischen Inhalten konfrontiert zu werden, sind vielfältig. Vom Nickname über Einträge im Benutzerprofil bis hin zu Links zu externen Webseiten mit problematischen oder jugendgefährdenden Inhalten. Diese Inhalte können etwa gewalthaltig, sexistisch, pornografisch oder rechtsextrem sein.

Belästigungen

Problematische, bisweilen sogar gefährliche Kontakte zu Menschen oder Inhalten kommen immer wieder vor. Da die Teilnehmer in den Chats anonym sind, kann sich ein Erwachsener mit pädokriminellen Neigungen als Gleichaltriger ausgeben und so versuchen, das Vertrauen zu erschleichen (siehe "Cybergrooming"). Von sexueller Belästigung sind in den meisten Fällen junge Mädchen betroffen- aber auch Jungen sind nicht vor solchen Übergriffen gefeit.

Sexuelle Belästigungen umfassen indiskrete Anfragen an Kinder und Jugendliche nach bisherigen sexuellen Erfahrungen, die Konfrontation mit Beschreibungen sexueller Vorlieben oder Fantasien, die Bitte um Zusendung von (Nackt-)Bildern sowie Aufforderungen zu sexuellen Handlungen.

In öffentlichen Chaträumen werden Kinder und Jugendliche häufig gefragt, ob sie einen Instant-Messenger auf ihrem Computer installiert haben, in private Chats wechseln oder zu Webcam-Chats sowie zu persönlichen Treffen bereit wären. Benutzer versuchen so, ihre Opfer in eine private Unterhaltung zu drängen, die nicht der Kontrolle von Moderatoren unterliegen.

Tipps für Eltern

Altersgerechte Angebote aussuchen und gemeinsam einrichten

  • Die Aktivitäten des Kindes im Internet aufmerksam verfolgen und gemeinsam mit dem Kind Angebote aussuchen, die seinem Alter und seinen Interessen entsprechen.
  • Download und Anmeldung sind Elternsache! Dabei die AGB und die Datenschutzbestimmungen prüfen, sparsam mit persönlichen Daten sein und wenn möglich Pseudonyme verwenden. Im nächsten Schritt die Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre überprüfen und ggf. ändern.
  • Gerade für Kinder sind altersgerechte, übersichtliche und moderierte Kindercommunitys geeignet, da sie viele Themen und Funktionen bei Angeboten für Ältere noch nicht verstehen sowie dort leichter mit ungeeigneten Inhalten konfrontiert und belästigt werden können.  Pädagogisch geschulte Moderatoren greifen bei empfehlenswerten Kindercommunitys notfalls in Unterhaltungen ein oder bearbeiten Meldungen über leicht zu handhabende Funktionen wie Melde-Buttons zeitnah. Ungeeignete Inhalte werden gelöscht und Störer ausgeschlossen.

Kinder begleiten

Begleiten Eltern ihr Kind gerade anfangs, können sie mit ihm Funktionen und Einstellungen ausgiebig testen. Sie können ihm vermitteln, wie es sich beim Chatten verhält: An geltenden Regeln soll es sich selbst halten, kann dies aber auch von den anderen erwarten. Handelt es sich um ein Netzwerk, bei dem die Eltern auch angemeldet sind, kann es hilfreich sein, wenn das Kind zumindest anfangs auch mit ihnen befreundet ist. Dabei dient es dem gegenseitigen Vertrauen, wenn sie ihrem Kind nicht offensiv hinterherspionieren oder sich in Unterhaltungen einmischen.

Sicherheitsregeln vermitteln und Regeln vereinbaren

Wichtig ist auch, dass Eltern mit ihrem Kind über Risiken sprechen, ihm erklären, wie es diese vermeiden oder sich dagegen wehren kann. Sie sollten ihm vermitteln, dass es sich bei Problemen jederzeit an sie wenden kann – ohne ein Internet-Verbot zu befürchten. Alle besprochenen Punkte können z.B. in gemeinsamen Vereinbarungen festgehalten werden.

  • Persönliches schützen. Auf umfangreiche Profilangaben sollten Kinder verzichten, persönliche Daten wie Name, Adresse oder Mobilfunknummer auch nicht im direkten Kontakt an andere weitergeben und Standortdienste ausschalten. Viele Angaben können das Risiko von Belästigungen online und offline erhöhen. Auch keine privaten Daten anderer ohne deren Zustimmung veröffentlichen oder geschütztes Material weitergeben. Das kann Rechte anderer verletzen und teuer werden. Das Veröffentlichen privater Daten kann zudem andere auch in Gefahr bringen.
  • Fair bleiben und stark machen. Online respektvoll sein, niemanden belästigen oder anderen ungeeignete Inhalte zusenden. Damit kann man anderen schaden und sich sogar strafbar machen. Zudem ist es wichtig, sich für andere einzusetzen, wenn sie belästigt oder gemobbt werden. Statt sich aus Gruppenzwang zu beteiligen, besser online per Text- oder Bild-Nachricht oder Emoji die Solidarität mitteilen und beleidigende Inhalte melden. Wann man sich öffentlich besser nicht äußert, ist im Einzelfall abzuwägen.
  • Misstrauisch bleiben. Man kann nie wissen, wer sich auch hinter harmlos wirkenden Profilen oder Nutzernamen verbirgt. Auch bei scheinbar bekannten Chat- und Spielpartnern weiß man nie, ob es sich um diese Person handelt, noch jemand mitliest oder Informationen gespeichert und weitergegeben werden. Kein Treffen mit fremden Personen vereinbaren, zumindest nicht allein.
  • Webcam auslassen. Besondere Vorsicht im Umgang mit der Webcam z.B. über Skype oder Dienste wie YouNow: jeder, der die Übertragung sieht, kann diese speichern und verbreiten.
  • Unangenehme Dialoge sofort beenden sowie Störer melden und blockieren. Wenn der Dienst die Möglichkeit bietet, sollten Kontaktversuche von Fremden generell unterbunden werden. Bei unangenehmen Erlebnissen sollten sie sich am besten direkt an die Eltern werden.
  • Beweise sichern. Belästigungen umgehend per Screenshot dokumentieren und dem Betreiber, Beschwerdestellen wie jugendschutz.net, internet-beschwerdestelle.de oder bei schwereren Fällen auch der Polizei melden.

Vorbild sein

Eltern sind Vorbilder, auch im Netz. Haben sie ein Profil in einem sozialen Netzwerk, sollten sie selbst sparsam mit persönlichen Informationen und Bildern umgehen und vor allem nichts über die eigenen Kinder veröffentlichen sowie verfügbare Sicherheitseinstellungen nutzen.

7 Chat-Fakten, die Sie kennen sollten

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Ratgeber

Klicksafe: "Chatten ohne Risiko"
Jugendschutz.net: „Sicher vernetzt. Chancen und Risiken in Communitys“
BMFSFJ: Materialpaket "Chatten.Teilen.Schützen!"

Hilfe und Beratung bei Belästigungen erhalten Kinder, Jugendliche und Eltern bei der Nummer gegen Kummer e.V., www.jugendschutz.net, www.i-kiz.de oder bei der Polizei. Weitere Unterstützung bieten die Initiativen „Missbrauch verhindern!“ sowie Zartbitter.

Studien

BLM/JFF: Wagner/Brüggen (2013): "Teilen, vernetzen, liken. Jugend zwischen Eigensinn und Anpassung im Social Web", Baden-Baden: Nomos,

Wagner u.a. (2012): "Wo der Spaß aufhört ... Jugendliche und ihre Perspektive auf Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten"

Wagner/Brüggen/Gebel (2010): "Persönliche Informationen in aller Öffentlichkeit? Jugendliche und ihre Perspektive auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte in Sozialen Netzwerkdiensten"